Kai Schüler und seine Verlobte Anna Maria Rogaleva durften sich seit einem knappen halben Jahr nicht mehr treffen. Sehen konnten sie sich nur über Videoanrufe. FOTO: CSK
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Kai Schüler und seine Verlobte Anna Maria Rogaleva durften sich seit einem knappen halben Jahr nicht mehr treffen. Sehen konnten sie sich nur über Videoanrufe. FOTO: CSK

Verliebt, verlobt, verkompliziert

  • vonChristian Schneebeck
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Das Virus macht auch vor der Liebe nicht halt. Wegen der gültigen Reisebeschränkungen können sich der Kleinlindener Kai Schüler und die St. Petersburgerin Anna Maria Rogaleva seit ihrer Verlobung vor fast einem halben Jahr nicht mehr besuchen. Doch jetzt gibt es Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen.

Dem Heiratsantrag folgte die Unsicherheit. Verflogen ist sie bis heute nicht. Wenn Anna Maria Rogaleva und Kai Schüler an ihren Urlaub im norwegischen Bergen denken, weckt das immer noch gemischte Gefühle. Einerseits ist da die Verlobung und mit ihr natürlich das Herzklopfen. Andererseits hat sich das Paar seit der gemeinsamen Reise Mitte März nicht mehr getroffen.

"Es ist sehr anstrengend", erzählt die St. Petersburgerin, als sie dieser Tage für ein Gespräch in Kleinlinden zu Gast ist. Digital, versteht sich. Ein Tablet überbrückt die gut 1700 Kilometer Luftlinie zwischen Westrussland und Mittelhessen.

Dass die Corona-Pandemie alles schwieriger machen würde, sei ihnen beim Abschied in Bergen bewusst gewesen, sagen Rogaleva und Schüler. Mit einer so langen Trennung hätten sie aber nicht gerechnet.

Weil die 36-Jährige Bürgerin eines Landes ist, das nicht zum Schengen-Raum gehört, darf sie nicht nach Deutschland einreisen. Seuchenschutz. Das gilt für "unverheiratete binationale Paare", falls einer aus einem "Drittstaat" kommt. Zwar hatte die EU ihre Mitglieder aufgefordert, solche Besuche zu ermöglichen. Doch umgesetzt hatten das zunächst nur wenige. Die Bundesregierung bewegte sich nicht. Statt, wie üblich, ein paar Wochen, warten Rogaleva und Schüler bald ein halbes Jahr auf ihr Wiedersehen. Vom "Eisernen Vorhang" spreche man bereits in Russland, berichtet die PR-Expertin halb wütend, halb sarkastisch.

An Politiker geschrieben

"LoveIsNotTourism" - "Liebe ist kein Tourismus" - heißt eine internationale Initiative der Betroffenen. Unter diesem Hashtag trommeln sie auf Twitter und in anderen digitalen Netzwerken für ihr Anliegen, auch eine Webseite existiert schon. Man müsse öffentlich Druck auf die Politik ausüben, findet der Umweltingenieur Schüler. Sonst ändere sich womöglich gar nichts an der Situation.

Seine Verlobte hat über Twitter an verschiedene deutsche und europäische Mandatsträger geschrieben. "In Russland setze ich keine Hoffnung", sagt sie.

Dabei könnte sie ihren künftigen Ehemann ja durchaus in die Arme schließen. Theoretisch. In die Türkei dürfe sie mittlerweile reisen, erzählt sie, nach Großbritannien auch, außerdem nach Tansania. Am Bosporus machten Russen eben gerne Urlaub, auf der britischen Insel lebten viele reiche Landsleute.

Und warum ausgerechnet Ostafrika? Man weiß es nicht. Für Rogaleva klingt diese Regel "wie ein Scherz". Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Hinzukommt die Sorge vor einer zweiten Welle samt neuerlicher Restriktionen. "Egal, wo und wie", laute deshalb die Devise für das ersehnte Wiedersehen.

Jetzt mit neuer Perspektive

Kaum drei Stunden nach dieser kämpferischen Ansage verändert sich die Lage komplett. Von Montag an dürften nicht verheiratete Partner wieder nach Deutschland einreisen, lässt das Bundesinnenministerium am späten Freitagnachmittag verlauten. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen", sagt Schüler dazu am Sonntagvormittag. Gleichzeitig habe er "tausend Fragen": Welche formalen Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Wie sieht es mit den Flugverbindungen zwischen Russland und Deutschland aus? Notfalls will der 36-Jährige mit seiner Verlobten "Corona-Urlaub" in der Türkei machen, um von dort aus nach Deutschland weiterzureisen. Auch ein Treffen an der finnisch-russischen Grenze sei denkbar.

Im Laufe des Wochenendes wird schließlich klar, welche Unterlagen nötig sind. Der Nachweis eines vorherigen Treffens durch entsprechende Reiseunterlagen gehört dazu, eine Einladung des deutschen Partners und eine schriftliche Erklärung beider über ihre Beziehung. Die Liebe in Zeiten von Corona. Rogaleva und Schüler stört all das wenig. Hauptsache, es geht jetzt ganz schnell. Gewartet haben sie lange genug.

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