Günter Born (l.) und Hartmut Fröhlich leiten seit zehn Jahren eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker. FOTO: A. GROSSJOHANN
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Günter Born (l.) und Hartmut Fröhlich leiten seit zehn Jahren eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker. FOTO: A. GROSSJOHANN

Die Verlässlichen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Sie waren beide ganz unten. Körperliche Wracks, Außenseiter der Gesellschaft. Doch das ist lange her. Seit zehn Jahren leiten Hartmut Fröhlich und Günter Born eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker bei der AWO. Die beiden ungleichen Typen sind verlässliche Ansprechpartner, die gerade deshalb einen so guten Job machen, weil sie wissen, dass die Absturzgefahr lebenslang bleibt.

Seinen ersten Vollrausch hatte Hartmut Fröhlich mit acht Jahren. Wenn der 55-Jährige von seiner Kindheit und Jugend erzählt, wird es ganz still im Kreis der Zuhörer. Beide Eltern waren Alkoholiker, die meiste Zeit verbrachte das Kind bei seiner Oma. "Die war freundlich, aber überfordert." In seiner Kindheit im sozialen Brennpunkt Waldheim in Marburg war Alkohol allgegenwärtig, ebenso die Stigmatisierung, weil ein Teil der Familie Sinti waren. Es gab Aggressionen, Besäufnisse, mehrfache Schulwechsel. Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit gab es dagegen nicht. Als Hartmut 16 Jahre war, starb die Mutter, mit 17 ist er von zu Hause weggegangen, da war er längst alkoholabhängig. Von der Droge Alkohol kam er damals weg, doch er stürzte sich in eine andere Sucht, er betrieb exzessiven Boxsport und trainierte wie ein Irrer, holte die Schule nach, arbeitete, machte keine Pausen, ignorierte die Signale seines Körpers. "Ich bin vor mir selbst weggelaufen", sagt er heute. Sein Herz machte das nicht mit, Fröhlich erlitt einen Zusammenbruch, den er nur knapp überlebte.

In den folgenden Jahren setzte er sich mit sich selbst auseinander, suchte sich Hilfe - unter anderem bei den Anonymen Alkoholikern - und akzeptierte seine Suchtstrukturen. Seit langem ist er nicht nur bei der AWO ehrenamtlich tätig, sondern er ist auch Initiator des Jugendprojektes "Powergarage" in Odenhausen. Er hat einen guten Draht zu Jugendlichen, er ist ein authentischer Typ, der niemandem etwas überstülpt, aber auch klare Ansagen machen kann.

Günter Born hat eine völlig andere Biographie. Er kommt aus einem bürgerlichen Milieu mit einer strengen Familienhierarchie. Aber auch er kam schon in jungen Jahren mit dem Alkohol nicht klar. Er absolvierte eine Ausbildung zum Dachdecker und war zweimal verheiratet, doch durch die Trinkerei kam es im Umfeld immer wieder zu gewalttätigen Konflikten, Born hatte sich nicht unter Kontrolle. Sieben Jahre seines Lebens verbrachte er wegen Körperverletzung mit Todesfolge im Knast; auch im Gefängnis trank er weiter. Wieder in Freiheit, landete er im Vollrausch bei der AWO, danach machte er einen Entzug und ist seit 15 Jahren trocken. Zu seiner Familie hat er schon lange keinen Kontakt mehr.

Er fühlt sich gut in seinem neuen Leben, aber er ist sich dessen nie zu sicher: "Man muss immer an sich arbeiten." Wer von sich glaube, ein Rückfall sei ausgeschlossen, sei schon auf dem besten Weg dorthin. "Alkoholiker sind Meister darin, sich und anderen etwas vorzumachen", ergänzt Fröhlich. Das müsse jeder für sich selbst erkennen und Konsequenzen daraus ziehen. "Letztlich kommt es darauf an, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen".

Die Selbsthilfegruppe bei der AWO funktioniert, seit Fröhlich als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Er ist absolut verlässlich und hat den Termin in den zehn Jahren noch nicht einmal ausfallen lassen, berichtet die Sozialarbeiterin Sigrid Grossjohann. Sie und ihre Kollegen schätzen die Unterstützung der beiden Ehrenamtlichen sehr. Born und Fröhlich werden von den Männern akzeptiert - es sind Begegnungen auf Augenhöhe, da sie die gleichen Erfahrungen gemacht haben wie sie selbst. Es gibt keinen Grund für Scham, Unsicherheiten oder "Schauspielerei". Während die Rolle der Sozialarbeiter auch beinhaltet, auf Regeln zu bestehen oder verbindliche Absprachen zu treffen, sind die Ehrenamtlichen Vertraute ohne Forderungen, ergänzt die Sozialarbeiterin Lubja Kohl.

Fröhlichs Suchtkarriere hat ungewöhnlich früh begonnen. Nicht ungewöhnlich ist aber die Selbstverständlichkeit, mit der Alkohol den Alltag in unserer Gesellschaft bestimmt. Der 55-Jährige beschreibt das Dilemma: "Wenn man nicht trinkt, wird man ausgegrenzt, und wenn man zu viel trinkt, wird man ebenfalls ausgegrenzt".

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