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Schweißtreibender Anstieg: Matthias Matzen auf dem Weg zur Konfirmationsfeier seiner Tochter auf der Burg Gleiberg.

Verkehrswende in den Köpfen

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Seit über zwei Wochen ist Matthias Matzen bei der Aktion Stadtradeln dabei. Diesmal ist der 55-Jährige sogar einer von zwei Radel-Stars. Er darf in den drei Wochen bis zum 7. Juni nicht einmal als Beifahrer im Auto mitfahren. Warum das für ihn kein Problem ist, berichtet der Lehrer im Interview.

1Herr Matzen, warum sind Sie Stadtradeln-Star geworden?

Ganz formal: Ich bin gefragt worden. Praktisch bedeuten die Anforderungen, die an einen Stadtradeln-Star gestellt werden, keine große Umstellung für mich. Ich habe seit Oktober vergangenen Jahres kein Auto mehr und erledige deshalb fast alle Wege mit dem Rad. Insofern bringt die Zeit des Stadtradelns keine große Veränderung mit sich. Schwierig waren eher die ersten drei Wochen im Oktober. Immer wenn ich aufs Dorf fahren wollte oder wenn mich meine Tochter gebeten hat, sie zu Freunden zu chauffieren, war das schwierig. Mittlerweile behilft sie sich mit dem Bus oder fährt bei anderen Leuten mit. Für mich war damals der Getränkekauf ein Horror. Dann habe ich den Kinderanhänger ausprobiert - und es hat funktioniert. Viele Dinge sind mit der Zeit logistisch einfacher geworden. Das Fahrrad ist für mich weit mehr als ein reines Fortbewegungsmittel. Es bedeutet Entspannung, nicht mehr Auto zu fahren. Und wenn ich irgendwo mitfahre, fühle ich mich mehr und mehr als Passagier. Das merke ich auch daran, dass ich reflexartig hinten einsteige.

2Gab es in den vergangenen Wochen als Stadtradeln-Star Situationen, in denen Sie das Auto - wenn auch nur als Beifahrer - vermisst haben?

Da fällt mir nur die Konfirmation meiner Tochter am Sonntag vor einer Woche ein. Nach dem Gottesdienst in der Pankratiuskirche haben wir auf Burg Gleiberg gefeiert. Ich bin nicht sicher, ob ich das Rad benutzt hätte, wenn ich nicht Stadtradeln-Star gewesen wäre. So musste ich radeln. Ich glaube, ich hatte selbst mehr Probleme damit, dass ich mit dem Rad zur Feier fahren musste als meine Verwandtschaft. Andererseits hat auch niemand außer meiner Lebensgefährtin das Angebot wahrgenommen, selbst mitzuradeln. Wahrscheinlich habe ich mit meiner Aktion keine Veränderung im Bewusstsein der Feiergesellschaft erzeugt. Grundsätzlich glaube ich aber, dass es bei den Menschen eine schlummernde Bereitschaft zur Veränderung gibt. In den Köpfen ist die Verkehrswende teilweise schon vollzogen, aber noch nicht mit den Beinen.

3Kritiker sagen, dass beim Stadtradeln zwar Kilometer gezählt, dafür aber die Probleme, die Radler im alltäglichen Straßenverkehr haben, nicht angegangen werden. Was halten Sie davon?

Diese Bedenken sehe ich auch. Für mich stehen aber die positiven Aspekte des Stadtradelns im Vordergrund. Mit der Aktion werden viele Menschen aufs Fahrrad gebracht und dazu motiviert, in die Natur zu fahren - das ist doch sehr schön. Und den kleinen Wettkampf finde ich unheimlich belebend. Wenn ich mitbekomme, wie sich Jugendliche an unserer Schule gegenseitig Räder besorgen, damit alle beim Stadtradeln dabei sein können, dann ist das eine tolle Sache, die sehr viel Spaß bringt. Warum sollte man so etwas also nicht machen?

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