1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Verhüllt oder vermüllt?

Erstellt:

Von: Jens Riedel

Kommentare

grossschild_260123_4c
grossschild_260123_4c © Jens Riedel

Nicht umweltfreundlich, nicht nachhaltig, nicht schön: Die Verhüllung von Verkehrschildern mit Plastikfolie und Müllsäcken infolge der zahlreichen Baustellen stößt bei einigen Bürgern auf Kritik. Die Stadt Gießen rechtfertigt sich: »Es geht kaum anders.«

wenn Verkehrsschilder infolge der zahlreichen Baustellen in Gießen monatelang ihre Bedeutung ändern oder verlieren, muss die Stadt diese Verkehrszeichen außer Kraft setzen. Dafür scheint man im Magistrat keine andere Möglichkeit zu sehen, als diese Schilder mit Müllbeuteln zu umwickeln. In Plastik verpackte Verkehrsschilder sind allerdings kein schöner Anblick im Gießener Stadtbild. Umweltfreundlich und nachhaltig ist diese Verhüllung auch nicht: Verwittert die Folie, gelangt Plastik und Mikroplastik in die Umwelt, verunreinigt das Stadtbild und wird auch auf private Grundstücke geweht. Daran stören sich einige Bürger.

Tatsächlich fallen bei einem nur 15-minütigen Spaziergang durch das Südviertel zwischen Wartweg und Riegelpfad zahlreiche dieser Plastik-Umhüllungen auf, die zuweilen in einem sehr schlechten, zerfledderten Zustand sind. Stellenweise hat sich das Plastik aufgrund von Wind und Witterung schon ab- und aufgelöst.

Auch Parkscheinautomaten, die vorübergehend außer Betrieb sind - etwa in der Friedrichstraße - werden mit Plastik- abgeklebt. An einem Automat flattert unten ein zerschlissener gelber Sack.

»Das ist alles erstens wenig ästhetisch, zweitens dilettantisch angebracht, drittens umweltschädlich, wenn sich das Plastik auflöst und in die Umwelt gelangt, und viertens wenig nachhaltig, weil so sehr viel Plastikmüll entsteht, wenn die Schilder und Parkautomaten wieder ausgepackt werden«, moniert ein Bewohner des Südviertels. Er fragt sich, warum bei monatelangen Baustellen ungültige Verkehrsschilder nicht abmontiert werden.

Auf Nachfrage räumt Stadtsprecherin Claudia Boje ein, dass aufgrund der derzeitigen Umstellungsphase in der Parkraumbewirtschaftung »ein erhöhter Bedarf an Material zur kurzzeitigen Außerbetriebnahme von Parkscheinautomaten« entstanden sei. Normalerweise habe die Stadt dafür genügend wiederverwendbare Hüllen, aktuell aber nicht. Es wäre wirtschaftlich nicht vertretbar, eine große Zahl wiederverwendbarer Hüllen für einen möglicherweise nur einmaligen Einsatz zu beschaffen«, sagt Boje.

Bei den Verkehrsschildern sei die Lage eine andere. »Verkehrszeichen werden mit Kunststofffolien verhüllt, weil es auf die Nicht-Erkennbarkeit ankommt. Eine Demontage solcher Schilder ist weder finanziell noch organisatorisch umsetzbar«, sagt Boje. Feste, wiederverwendbare Umhüllungen kämen auch wegen der Vielfältigkeit der Formen und Größen der Verkehrszeichen nicht in Frage, erklärt die Stadt-Sprecherin.

Allerdings müssten die Baufirmen die ordnungsgemäße Verhüllung der Schilder kontrollieren. Für die Umsetzung der Kontrollen seien insbesondere die Auftraggeber der Baumaßnahmen verantwortlich, sagt Boje. Am Riegelpfad zum Beispiel, wo zahlreiche Verkehrszeichen mit Plastik umhüllt sind, werde gerade ein Mehrfamilienhaus gebaut.

Laut Boje sei es unerlässlich, dass bei Baustellen die Belange der Verkehrssicherheit beachtet und Schilder außer Kraft gesetzt werden. Ästhetische Belange, so wünschenswert diese auch sein mögen, spielten dabei eine deutlich nachgeordnete Rolle, sagte Boje.

Gleiches dürfte auch für die ökologischen Nachteile dieser Methode gelten - auch wenn die Stadt dadurch keine Vorbildfunktion in Sachen Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Sauberkeit und Ordnung einnimmt, wenn sie diese Plastik-Umhüllungen zulässt und wenn das Plastik zerfleddert in die Umwelt gelangt.

»Dass die Stadt diesen Plastikwahnsinn zulässt, wundert mich vor allem vor dem Hintergrund, dass ein grüner Bürgermeister als Dezernent für das Ordnungsamt und für die Straßenverkehrsabteilung zuständig ist«, äußert ein Anwohner.

Auch interessant

Kommentare