Viele Tote

Die vergessenen Grippe-Epidemien in Gießen

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Geschlossene Schulen, Engpässe im Krankenhaus, ausgedünnter Busverkehr. Grippeerreger legen den Gießener Alltag nicht zum erstem Mal lahm. Die Epidemien von 1957 und 1969 sind fast vergessen. Das liegt auch daran, dass Politik und Medien damit völlig anders umgingen als heute mit Corona.

Das Unheil kommt pünktlich zu Weihnachten. "Die Grippewelle hat Gießen erreicht", meldet die Gießener Allgemeine Zeitung am 27. Dezember 1969. "Von friedlicher Stimmung konnte keine Rede sein beim ärztlichen Notdienst." Fünf statt der üblichen drei Mediziner hätten 140 Hausbesuche bewältigt. "An manchen Apotheken konnte man Schlangen sehen." Ganz so einmalig, wie sie uns erscheint, ist die Corona-Krise gar nicht. Allein in der Nachkriegszeit legten neuartige Grippeviren zweimal erhebliche Teile des Alltagslebens lahm, auch in Gießen. Die Pandemien wurden von Politik und sämtlichen Medien allerdings heruntergespielt und gerieten schnell in Vergessenheit.

Dabei waren sie alles andere als harmlos. An der sogenannten Asiatischen Grippe sollen 1957/58 bis zu 30 000 Bundesbürger gestorben sein. Die Hongkong-Grippe 1968 bis 1970 forderte schätzungsweise 40 000 Todesopfer in Deutschland. Weltweit geht man von jeweils ein bis zwei Millionen Toten aus.

"Jeden Morgen bangen die Chefs"

Die Zeitgenossen im "Ruhe-und-Ordnung"-Staat sollten das gar nicht so genau wissen - das zeigt der Blick in die Gießener Allgemeine Zeitung (bis 1966 hieß sie Gießener Freie Presse) von damals. Mitte September 1957 taucht das Virus zunächst im Sportteil auf. In Kassel fällt ein Ruderrennen, in Alsfeld ein Fußballspiel aus. Größer erscheint das Wort "Grippe" nur in Anzeigen. Firmen werben für allerlei Tabletten ("Sie schmecken nach Schokolade und sind unschädlich"), Rum oder chemische Reinigung.

Der Erreger dringt vor in den Regionalteil. In Wiesbaden ist jede vierte Klasse geschlossen. "Vom Stadtschulamt wird das Wort ›Grippe‹ vermieden, da es sich in der Mehrzahl der Fälle nur um ›Erkältungskrankheiten‹ handele." Das Kultusministerium erlaubt das Vorziehen der Herbstferien.

Im Lokalteil erscheint am 24. September eine kleine Meldung: "Kein Grund zur Besorgnis". Das lässt die Bezirksärztekammer verlauten und erwähnt nonchalant die "auch in Gießen herrschende Grippe-Epidemie". Man solle "wegen der großen Belastung der Ärzte Hausbesuche vormittags bis 10 Uhr bestellen".

Drei Wochen später steht unauffällig mitten in der September-Bilanz des Arbeitsamts, wegen zahlreicher Erkrankter seien "vereinzelt Produktionsausfälle" entstanden. Die Redaktion hakt nach und titelt am 10. Oktober: "Grippe grassiert auch in Gießen". Jeden Morgen bangten Chefs darum, "dass möglichst viele Arbeiter und Angestellte erscheinen mögen, damit der Betrieb überhaupt aufrechterhalten werden kann". Über ein Drittel des Personals fehlt. Unter anderem leidet der Busverkehr und der Betrieb in Arztpraxen.

Besonders häufig erkranken indes Kinder. Im Kreis haben zwölf Schulen schon vor den Herbstferien den Betrieb eingestellt. Mancherorts schließen Kindergärten.

Beschwichtigung folgt auf dem Fuße: Die Welle sei "am Abklingen". Die Asiatische Grippe verlaufe "verhältnismäßig harmlos". Da lässt sich verkraften, dass "Schutzimpfungen im Augenblick erst begrenzt möglich" sind.

Mitte Oktober schlägt die Gießener Ortskrankenkasse Alarm: Sie muss fast viermal so viel Krankengeld bezahlen wie üblich. "Schwarzer Freitag" war dort der 27. September mit 561 Krankmeldungen. Die Gewerkschaft ÖTV fordert bessere Arbeitsbedingungen und gebührenfreie Ausbildung für Krankenschwestern. Bundesweit fehlten 30 000 Pflegekrafte.

Am 19. Oktober meldet die Zeitung: "Grippe forderte mehr Opfer als angenommen". In Hessen seien daran bisher 32 Menschen unter 25 Jahren gestorben, zudem wahrscheinlich dreimal so viele ältere.

Kaum Information zur Zahl der Toten

Ganz allmählich verbreitet sich ab 1968 die Hongkong-Grippe über den Globus. An Weihnachten 1969 sucht "das Grippegespenst" Gießen großflächig heim. Weil bis zu 40 Prozent der Mitarbeiter krank sind, wird es eng an Fahrkartenschaltern im Bahnhof oder bei der Zeitungszustellung. "Kinderklinik ruft um Hilfe": Dort nimmt der Personalmangel "bedrohliche Ausmaße" an.

Von Gestorbenen berichtet das Kreisgesundheitsamt im Januar 1970 ein einziges Mal, und das auch nur auf GAZ-Anfrage hin. Die Zahl der Todesfälle sei um etwa 25 Prozent gestiegen. Auf eine aufwendige virologische Untersuchung werde meistens verzichtet. Mittlerweile habe sich "die Lage stabilisiert".

Von Schutzmaßnahmen ist kaum die Rede. 1957 werden Besuchsverbote in Krankenhäusern erwähnt, 1969 mahnt die GAZ: "Große Veranstaltungen meiden". Vorsorglich abgesagt wird anscheinend nichts.

Anfang 1970 ziert ein Bild aus London die Titelseite. In London sitzen Sekretärinnen mit Mundschutz vor ihren Schreibmaschinen. Kommentar: Diese jungen Damen greifen "zu ungewöhnlichen Mitteln". Aus Gießen ist kein derartiges Foto überliefert.

Medizinhistoriker: Heunterspielen war auch bewusste Strategie

Volker Roelcke, Professor für Geschichte der Medizin an der Justus-Liebig-Universität, sieht eine Reihe von Gründen dafür, dass die Grippe-Pandemien 1957 und 1969/70 von offizieller Seite heruntergespielt wurden. Zum einen habe man solche Krankheitswellen tatsächlich als recht harmlos empfunden im Vergleich mit den "katastrophalen" Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, erklärt er im GAZ-Gespräch. Auch die ersten Nachkriegsjahre seien geprägt gewesen von Hunger, Kälte und Krankheiten wie Cholera, Typhus oder Tuberkulose. Namentlich 1957 seien diese Erinnerungen noch sehr lebendig gewesen. Die Benennung nach den asiatischen Ursprüngen habe zum Eindruck geführt, dass das eigentliche Problem weit weg ist. Weit verbreitet gewesen sei zudem ein optimistischer Fortschrittsglaube. Die Verharmlosung sei aber auch "eine gezielte Strategie" gewesen: Politik, Behörden und Wissenschaft wollten Ruhe bewahren und Panik vermeiden. Angst sei in der frühen Nachkriegszeit öffentlich negativ besetzt gewesen, so Roelcke; heute sehe man sie auch als hilfreiches Warnsignal.

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