Mensch, Gießen

Vera Bonica: Die Gießenerin vom Rettungsschiff

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Einfach zuschauen liegt Vera Bonica nicht. Sie steht auf und tut etwas. Wir alle können dazu betragen, die Welt menschlicher zu machen, sagt sie. Es muss ja nicht jeder gleich auf einem Rettungsschiff im Mittelmeer anheuern, so wie die Krankenschwester das 2019 getan hat und dieses Jahr wieder vorhat.

An ihrem Hals baumelt ein Kettchen mit einem kleinen Anker. »Das ist mein Symbol für einen sicheren Hafen«, sagt Vera Bonica. Die 69-Jährige gehört der Organisation »Seebrücke« an, die sich für geflüchtete Menschen im Mittelmeer einsetzt. Bonica hat mit dafür gesorgt, dass die Stadt Gießen sich wie deutschlandweit 227 Kommunen zu sicheren Häfen erklärt hat. Das bedeutet, die Stadt zeigt Solidarität mit Geflüchteten, heißt sie willkommen und ist bereit, Menschen aufzunehmen. »Das ist gut, aber da ist auch noch Luft nach oben«, sagt sie. Ein wichtiges Ziel sei die Entkriminalisierung der Seenotrettung, stattdessen wünsche man sich neue staatliche Rettungsmissionen. Die Abschottung der EU sei unerträglich - auch derzeit in Bosnien.

Mit dieser Schilderung ist Bonica schon mittendrin in »ihrem« Thema, das sie umtreibt, seit die Bilder im Mittelmeer ertrinkender Menschen um die Welt gingen. Sie wollte nicht dabei zuschauen, sondern selbst etwas tun - wie so oft in ihrem Leben. Sie bewarb sich bei der Organisation »Sea Eye«. »Ich bin Krankenschwester, also können die mich brauchen«, habe sie sich 2019 gesagt. Freunde und Unterstützer sammelten Geld für den Flug und die Ausrüstung, dann ging es los zur »Alan Kurdi« nach Mallorca. Das Schiff wurde nach dem zweijährigen Jungen benannt, dessen Leichnam 2015 an der türkischen Küste angeschwemmt wurde. Die Fotos des toten Kleinkindes erschütterten damals die Welt.

Bonica hielt nach wenigen Tagen auf See selbst einen kleinen Jungen im Arm. Er lebte. Sie zeigt ein Foto: Ängstlich und ein bisschen ungläubig schaut er mit großen dunklen Augen seinen Rettern entgegen. Die Gießenerin hatte an jenem Tag mit einer Kollegin Wachdienst an Bord, als sie das Schiff am Horizont entdeckten. Die »Alan Kurdi« nahm Kurs darauf, und wenig später wurden 40 Menschen geborgen. Männer, Frauen und Kinder, auch eine Hochschwangere war dabei. Alle waren entkräftet, hungrig, dehydriert, zwei von ihnen hatten Schussverletzungen. »Die wollten nicht auf ein solches Schiff, doch sie wurden dorthin getrieben«, erzählt die 69-Jährige. Sie sah nun mit eigenen Augen, in welch erbärmlichem Zustand die Menschen sind, die man aufs offene Meer jagt.

Doch für Empörung und Entsetzen blieb keine Zeit. Bonica musste zupacken. Die Leute brauchten schnell Hilfe. In der kleinen Krankenstation wurden die Wunden versorgt, Medikamente verabreicht und Verbände angelegt. »Mama Vera« wurde die zierliche Frau mit den dunklen Locken an Bord genannt. Weil sie sich kümmerte, weil sie tröstete und überall dort zur Stelle war, wo sie gebraucht wurde.

Dieses Zupackende brauchte sie in ihrem Job, es entspricht aber auch ihrem Naturell. »Mama Vera«, das bedeutete für die geretteten Kinder ein bisschen Geborgenheit in dieser Ausnahmesituation. »Außerdem war ich in der Crew bei weitem die Älteste«, sagt die Seenotretterin und lacht.

In den Folgetagen versuchte das Rettungschiff einen Hafen anzulaufen. Lampedusa lehnte ab, Malta nahm die Menschen auf, nach tagelangem, zermürbendem Warten und einer Vermittlung der Bundesregierung. Die Geflüchteten gingen von Bord, heute leben sie in Europa verstreut. »Hätten wir sie nicht entdeckt, wären sie gestorben«, sagt Bonica. Den Einsatz wird sie nie mehr vergessen, und schon heute steht für sie fest, dass sie erneut auf ein Rettungsschiff gehen wird.

Offenbar ist sie eine sehr mutige Frau. Sie winkt ab. »Das ist so ein Wort…« Bonica ist vorsichtig mit Klischees. »Wenn Mut bedeutet, dass man seine Angst überwindet, dann stimmt es vielleicht«, sagt sie. Denn Angst hatte sie vor der gewagten und gefährlichen Aktion auf jeden Fall. Aber sie musste das tun.

Ein politischer Mensch ist Bonica schon lange. Sie wurde 1951 in Schönbach im Westerwald geboren. Der Vater war Sprengmeister in einem Steinbruch, die Mutter Hausfrau. Vera war das jüngste von drei Kindern. Die Familie war arm und daher dankbar, dass Verwandte aus Ostdeutschland das Nesthäkchen aufnahmen. »Ich wurde sozusagen ausgeliehen«, erinnert sich Bonica. Sie hat an diese Zeit und viele spätere Besuche bei den Ersatzeltern in Frankfurt/Oder nur gute Erinnerungen, sie hat sich wohl gefühlt und noch lange den real existierenden Sozialismus der DDR verteidigt. Erst als sie sich als junge Frau mit dem System im anderen Deutschland auseinandersetzte, wurde sie kritischer und nahm die Schattenseiten wahr.

Während sie an die Schule keine guten Erinnerungen hat - »Ich war faul und überhaupt nicht gut« - hat sie die anschließende Zeit im Schwesternvorschulinternat und später in der Krankenpflegeschule in Herborn sehr genossen. Die Gemeinschaft mit den anderen Mädchen machte ihr viel Spaß, und auch die Krankenpflege war ihr Ding. Nach dem Examen zog sie mit ihrem Freund nach Gießen - und hier erging es ihr so wie vielen Neuen: »Ich wollte so schnell wie möglich wieder weg«. Doch daraus wurde nichts, stattdessen folgten aufregende und ereignisreiche Jahre in der damaligen links-alternativen Szene Gießens, mit Demos und Partys, mit Abendgymnasium und Soziologiestudium, mit der Arbeit als Krankenschwester und Familiengründung.

Zunächst hat sie in einer Zehner-WG in Langgöns gelebt. Am Küchentisch wurde endlos diskutiert, gestritten und die Weltrevolution geplant. »Ich hatte es nicht leicht, denn ich war eine der wenigen ohne akademische Bildung«, erinnert sie sich. Doch sie behauptete sich. Forsch und selbstbewusst ist Bonica schon immer gewesen. »Irgendwie war ich als Kind sicher, dass nichts schief gehen kann, wenn ich mitmische«, sagt sie. Doch im Laufe des Erwachsenwerdens machte sie mehrfach die bittere Erfahrung, dass das nicht immer stimmt. Aber die Überzeugung, dass es einer Gesellschaft gut tut, wenn man sich einbringt, wenn man mitmischt, die ist bis heute geblieben.

Mitte der 80er Jahre zog sie mit ihrem Mann, dem Musiker Joe Bonica, in die Altbauwohnung in der Innenstadt, in der sie noch heute lebt. Sohn Moritz kam 1985 auf die Welt, Tochter Josephine vier Jahre später. Seit Mann und Kinder ihrer eigenen Wege gegangen sind, hat sie drei Zimmer an Studentinnen untervermietet - das Zusammenleben ist für die offene und WG-erfahrene Vera Bonica kein Problem. »Das klappt wunderbar, wir haben alle etwas davon«, freut sie sich. Dass für die Familie - mittlerweile gibt es zwei Enkelkinder - jederzeit ein Plätzchen frei ist, versteht sich von selbst. Die 69-Jährige ist nicht nur unglaublich stolz auf ihre »tollen, gelungenen« Kinder, sondern auch leidenschaftlich gerne Oma.

Das Engagement für die »Seebrücke« nimmt einen großen Raum in ihrem Leben ein, aber da ist noch viel Platz für anderes, für wichtige und ernste, für fröhliche und schöne Dinge. Für die »Omas gegen Rechts«, für Musik, Tanz, Sport und Freunde. In Nicht-Corona-Zeiten gibt es gemütliche Abende auf dem Balkon in kleiner Runde oder Feiern mit vielen Leuten im großen Garten.

Mit Gießen hat sie sich schon lange versöhnt, es ist liebgewordene Heimat. Es ist ihr sicherer Hafen.

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