Wo Utopisten am Realen kleben

  • vonChristian Schneebeck
    schließen

Gießen(csk). In einer "Katastrophenzeit" möchte niemand leben. Nur: Es wird auch keiner danach gefragt. Dass Sighard Neckel mit diesem Begriff ausgerechnet die Gegenwart beschrieb, hielten manche Zuschauer im dritten Teil der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Und: Wie wir morgen leben werden" am Montagabend für zu alarmistisch. Der Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel ergänzte die apokalyptische Wortwahl in seinem Online-Vortrag aber immerhin um eine deutlich optimistischere Leitfrage: "Wie fundamental muss der gesellschaftliche Wandel sein?".

Ziemlich fundamental, lautete nach knapp einer Stunde die Antwort. Den Istzustand entwarf der Hamburger Soziologe zuvor als einen, in dem ein "Kollaps der ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Systeme nicht unwahrscheinlich" sei. Zwar habe bereits die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts komplexe Krisen hervorgebracht und viele überwunden. Allerdings erlebe man seit der Jahrtausendwende, spätestens nach dem 11. September 2001, etwas qualitativ Neues. Plötzlich einsetzende, verheerende Ereignisse reihten sich dicht getaktet aneinander - ob Finanzkrisen, Naturkatastrophen oder aktuell die Corona-Krise.

Damit war das unvermeidliche Stichwort gefallen. Neckel illustrierte seine Thesen fortan, indem er Pandemie und Klimakrise gegenüberstellte. Unterschiede fand er darin, wie unmittelbar, gleich und schnell beides einzelne Menschen rund um den Globus betreffe. Gefährlicher sei im Zweifel die Umwelt- und Klimazerstörung, furchteinflößender das Virus, erklärte der Experte. "Seuchen sind Ereignisse mit Anfang und Ende" - die Erderwärmung sei "eine Katastrophe ohne Ereignis und von unbestimmter Dauer".

Sowohl das Überspringen von Sars-CoV-2 als auch den Klimawandel hätten die immer tieferen menschlichen Eingriffe in Ökosysteme entscheidend begünstigt. Den Ausdruck "Signum des Anthropozäns" nutzte Neckel hier nur für das Virus. Zugetroffen hätte er genauso in Sachen Klima. Über die Kollapsologie, die sich wissenschaftlich auf einen baldigen Zusammenbruch vorbereitet, den globalen Kapitalismus samt aller Kollateralschäden und Theoretiker wie Ulrich Beck und Niklas Luhmann bahnte sich der Referent schließlich einen Weg zu möglichen Lösungen. "Die Utopie scheint heute die Seiten gewechselt zu haben", diagnostizierte er fast beiläufig.

Blick aufs Klima

Nur Utopisten predigten noch unbeirrbar, alles könne so weiter laufen wie gehabt - Realisten arbeiteten schon lange an Veränderungen. Die bisher dominanten Strategien "Modernisierung" und "Kontrolle" müssten dabei rasch durch den "grundlegenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft" sowie eine "Veränderung unserer Verhältnisse zur Natur" ersetzt werden, forderte Neckel. Konkret nannte er den Ausbau kollektiver Güter und Infrastrukturen und "Deglobalisierung", "Dekommodifizierung" und "Dekarbonisierung" der Ökonomie.

Zu flankieren seien solch tiefe Eingriffe in den Stoffwechsel menschlicher Gesellschaften mit der Umverteilung von Gewinnen und Lasten, um sozial Schwächere nicht zu überfordern. Ob uns die "Katastrophenzeit" überhaupt genug Zeit zum Handeln lässt? "Das kann nur das praktische Handeln der Menschen beantworten", schloss Neckel. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass maximale politische Konzentration auf drängende Probleme möglich sei: "Wir brauchen eine ähnliche Fokussierung auf den Klimawandel." FOTO: CSK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare