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Das US-Depot als Ort der Mythen: Reportage und Führung

Gießen (fd). Wegen großer Nachfrage geht die Führung »Flugplatz – Fliegerhorst – US-Depot« in eine neue Runde. Passend zum Anlass veröffentlichen wir die vieldiskutierte Streifzug-Reportage von Juli 2014 rund um das US-Depot noch einmal aufbereitet für unser Nachrichtenportal.

Die Geschichte vom großen Ende beginnt mit einem kleinen Anfang. Irgendwo hier soll es sein. Zwei Jungvögel wurden gesichtet. Störche. Erstmals seit 1947 brütet wieder ein Paar im Stadtgebiet. Nichts stört hier ihre Ruhe. Nur hin und wieder schlägt ein Paar Stiefel zusammen. Doch es stecken keine Soldatenfüße drin. Um 10.58 Uhr ist die Geisterstadt abgewickelt. Nun auch offiziell. Die letzte Parade der ­Ehrenkompanie vorbeigezogen. Die Hymne verklungen. Die Fahne in Blau, Rot, Weiß zum letzten Mal eingeholt, gefaltet, verpackt. Es ist der 28. September 2007, die US-Militärpräsenz in Gießen ist endgültig beendet. Angelika Nailor könnte nun nach Hause gehen. Die meisten anderen hatten es ja vorgemacht: Schon lange herrschte Stille auf den Spielplätzen und in den Sporthallen. Kasernen und Schulen waren verwaist. Kein Mensch wartete mehr im Waschsalon auf saubere Hemden. Im Kino roch es schon lange nicht mehr nach Popcorn. Die meisten der bis zu 10 000 Soldaten mit ­ihren Familien hatten Deutschland verlassen. In den vergangenen Monaten mussten auch rund 240 zivile Mitarbeiter gehen. Sie hatten ihre Kündigung erhalten, weil eine Geisterstadt keine Verwendung für Angestellte hat.

Auch für Angelika Nailor nicht. Um 10.58 Uhr wischt sie sich schnell noch einmal über die feuchten Augen, atmet tief ein, atmet tief aus. Und geht. Aber nicht nach Hause.

Als die US-Army nach Gießen kam hieß die Grünberger Straße noch Kaiserallee. Dort schlugen am 28. März 1945 die ersten Truppen auf. Das sagt Karl Heinz Reitz zu Beginn seiner Stadtführung mit dem Titel »Auf den Spuren der Amerikaner«. Mehr als 30-mal hat er den Rundgang in den vergangenen zwei Jahren angeboten. Die Resonanz ist riesig. Reitz führt die Gäste zu den noch heute ersichtlichen markanten Punkten in der Gießener Garnisonsgeschichte: Los geht es an der Miller-Hall, dann weiter durch die Dulles-Siedlung, in der die zivilen Angehörigen der Soldaten wohnten. Später passiert er das Gelände am Eulenkopf, auf dem die US-Amerikaner früher ihr eigenes Burger-King-Restaurant betrieben und so manch Gießener Halbwüchsige zum ersten Mal für ein paar Dollar Softgetränke zum Nachfüllen genossen.

Reitz führt die Gruppe weiter durch die Marshall-Siedlung, vorbei auch an Hessen Club, Woodland Club und der kleinen Kirche der Streitkräfte an der Rödgener Straße, in der von Donnerstag bis Sonntag früher teilweise alle zwei Stunden ein Gottesdienst begann. Vor dem gegenüberliegenden US-Depot endet sein Rundgang. Die eigentliche Geisterstadt bleibt auch für die Gäste der Stadtführung zunächst ein verborgener Ort. Kaum ein Gießener weiß, wie es derzeit tatsächlich auf dem Gelände aussieht, das größer ist als das Fürstentum Monaco. Ein Ort, um den sich viele Mythen ranken.

Als Angelika Nailor vor 40 Jahren zum ersten Mal an der Pforte stand, die heute von einem großen Vorhängeschloss geschützt ist, war das US-Depot vor allem ein Ort, um Geld zu verdienen. Das junge Mädchen von damals wusste nicht, dass sie hier irgendwann ihren Mann treffen würde, ihren Sohn aufziehen. »Das war eine ganz einfache Geschichte damals.

Man ging morgens zum Tor und meldete sich an. Dann wurde man abgeholt, eingeschrieben, geschickt zu den Orten, an denen man aushelfen sollte«, erinnert sie sich heute an die 1970er Jahre. Viele Schüler und Studenten arbeiteten hier. Aber auch Wohnungslose verdienten sich ihr Geld als Casuals, als Angestellte für ­einen Tag. Teilweise warteten sie schon ab nachts um vier Uhr vor der Pforte des US-Depots, hielten sich im Winter mit Schnaps warm. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. ­Einige hatten zwei bis drei Promille, als es losging. »Am Anfang war ich in den Warenhäusern.« 130 Meter lang und 40 Meter breit waren die Hallen. Teilweise randvoll nur mit Tischventilatoren oder Fernsehern oder Zucker für die Soldaten in ganz Europa. »Die hatten so viele Leute da, dass sie zeitweise gar nicht wussten, was sie mit uns machen sollen. Dann habe ich eben das Warenhaus gekehrt«, sagt Angelika Nailor.

Zum Schluss, 32 Jahre später, war sie stellvertretende Personalleiterin in ihrer Einheit. Daniel Beitlich zieht seinen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnet das große Vorhängeschloss am Eingang zum US-Depot. Der Boss der Gießener Revikon GmbH hat das 70 Hektar große Gelände im vergangenen Dezember erstanden. Gemeinsam mit dem zweiten Investor Martin Bender aus Lahnau will Beitlich daraus einen großen Gewerbepark machen. Wenn die letzten Amerikaner in zwei Jahren den Army and Air Force ­Exchange Service – kurz AAFES – im noch immer genutzten hinteren Teil des Geländes verlassen haben, könnte auch dieser 40 Hektar große Bereich an Revikon gehen. Die Geschäftsleute haben sich ein Vorkaufsrecht gesichert. Momentan regelt das Verteidigungsministerium der USA von hier – jenseits des Stacheldrahts – noch die Konsum­güterversorgungskette für ganz Europa. »Die sehen es nicht so gerne, wenn man das Gelände fotografiert«, sagt Beitlich.

+++ Mehr Fotos aus dem US-Depot in der Bildergalerie Zu Hochzeiten schickte die AAFES aus dem Depot monatlich 1200 Bahn- und 1500 Lkw-Container quer durch Europa. Aus Gießen wurden zeitweise 290 000 Soldaten und 260 000 zivile Angehörige auf dem westlichen Teil des Kontinents mit Waren versorgt. Teils mutete das völlig absurd an: So kamen etwa regelmäßig Lkw mit Mineralwasser aus Italien für die Soldaten. Die Flaschen wurden in Gießen zwischengelagert und dann auf die verschiedenen Stützpunkte in den umliegenden Länden verteilt. Unter anderem: Zurück nach Italien. Die Züge kamen aus Richtung Rödgen ins US-Depot eingefahren, Gleise führten fast runter bis zum Oberlachweg zur Entladestelle. Mit riesigen Kränen, wie man sie heute nur noch von Häfen kennt, wurden die Container auf Lkw verladen, so in die Warenhäuser gebracht. Ganze Container voller Mineralwasser. Ganze Container voller Rolex-Uhren.

Nailor erinnert sich: »Als Casual hatte ich einen Palettenwagen und einen Bestellschein bekommen. Damit ging es in die Warenhäuser. Zuckersäcke holen, 50 Kilogramm schwer.« Abends wusste die Schülerin, was sie gemacht hatte. Ein Knochenjob. »Eigentlich sollten uns die Männer damit helfen. Aber ehe man auf die gewartet hat, hat man es auch zweimal selbst gemacht«, sagt sie lachend.

Inzwischen ist vieles automatisiert beim ­Army and Air Force Exchange Service. Doch auch heute noch gilt: »Wenn der US-Botschafter in Russland einen Flachbildschirm benötigt, kommt der über die AAFES aus Gießen zu ihm nach Moskau«, wie Daniel Beitlich beim Gang über das Gelände erklärt. Große Teile der Gleisanlage, an denen er vorbei läuft, sind längst zugewuchert. Verlaufen sich in Sträuchern und Büschen. Ähnlich die Wege, auf denen vor Jahren noch die Soldaten im Chor singend – »They say that in the Army the coffee’s mighty fine.

It looks like muddy water and tastes like turpentine« – ihre Laufrunden drehten: Die Natur erobert das Gelände zurück.

Und die Gebäude. Schlingpflanzen ziehen sich Treppenstufen hinauf. In einigen Ecken wächst das Moos über den Boden. Eine Geisterstadt. Und dennoch sind die Spuren der Amerikaner kaum zu übersehen. Die Schilder. Die Basketballkörbe. »Die Amerikaner wollen überall auf der Welt leben wie zu Hause. Das betrifft Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Kindergarten, Kino, Post und Bowlingbahn. Basketball und Baseballfelder. Alles, was sie in Gießen benötigten ist aus Amerika gekommen. Sogar das Mehl für die Brötchen«, erklärt Reitz. Daher sollen die ­US-Amerikaner für die Stadt auch kein besonders großer Wirtschaftsfaktor gewesen sein. »Während in Wetzlar durch die Bundeswehr durchschnittlich 85 Millionen Euro im Jahr umgesetzt worden sind, kommt man bei den Amerikanern in Gießen etwa auf 10 Mil­lionen Euro«, sagt der Stadtführer.

Mit dem Bus kamen sie in die Stadt: In der Buslinie 1, die nach dem Krieg auf Drängen der Amerikaner als erste wieder aufgenommen wurde, herrschte bis 1949 Rassentrennung. Die schwarzen Soldaten mussten hinten sitzen, die weißen vorne. Doch am besten verdient hätten die Taxifahrer, hauten die Soldaten am Pay Day doch regelmäßig ihr Geld in Gießen auf den Kopf – bis in die 1970er Jahre vor ­allem im Rotlichtviertel in der Bahnhofstraße. Oft musste die Military Police kommen, um aufzuräumen. »Das Shanghai an der Lahn«, titelte die »Quick« damals über Gießen. Ganz unrecht hatte das Magazin wohl nicht damit. Das Rotlichtviertel wurde weitgehend zurückgebaut. Im US-Depot übernahm das die Natur. Eingänge alter Warenhäuser sind zugewachsen. Äste sprießen durch eingeschlagene Scheiben. In den schweren Zeiten der US-Armee unmittelbar nach dem Vietnam-Krieg wehten Haschwolken aus den Kasernen über die Straße.

Heute haben sich hier die Störche eingenistet.

»So sieht das jetzt aus?«, fragt Angelika Nailor und fährt mit den Fingern über die Fotos aus dem US-Depot. Ihre Stimme bricht ein bisschen, während sie sagt: »So schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt.« Seit dem 28. September 2007 hat sie den Ort, der jahrelang ihre Heimat gewesen war, nicht mehr gesehen. Im Jahr 1992 war sie mit ihrem Sohn, damals gerade einmal drei Jahre alt, auf das Gelände gezogen. Heute ist sie Großmutter. Doch noch immer braucht es nur ein einziges Wort, um das Leben von damals zurückzuholen in ihren Kopf: Eis. Besonders beliebt war die Kombination aus Vanille, Schokolade, Erdbeer. »Es war köstlich. Keine Eisdiele in der Stadt konnte mithalten«, schwärmt sie. Oder Mais: »Den gab es in gewöhnlichen Supermärken nicht.« Für normale Gießener war so beides schwer zu bekommen. Auf legalem Weg. Also wurde gehandelt. Genauso wie mit Whiskey, den es nur in der Post Exchange – kurz PX – gab. Nicht jeder durfte hier einkaufen, weil die Waren nicht verzollt waren. Amerikaner luden sich also den Kofferraum ihres Autos mit Flaschen in braunen Papiertüten voll und verkauften den Whiskey weiter.

Teilweise in unmittelbarer Nähe zur PX und den Soldaten. »Ist das nicht gefährlich?« »Ach, mach dich nicht verrückt.« Doch dann nahm der Handel überhand, sodass die Sicherheitsabteilung in den 1980er Jahren verstärkt darauf schauen musste. Strafen wurden ausgesprochen. Also verlagerten Amerikaner und Deutsche den Handel.

In die Wohnungen etwa. »Die Gebäude der Housing Areas wurden zu einer ähnlichen Zeit errichtet wie viele Sozialwohnungen in Gießen. Nur mit einer wesentlich besseren Bausubstanz und amerikanischen Standards. Wer die Wohnungen betrat, stand gleich im Wohnzimmer. Es gab Durchreichen und von Anfang an Telefon und Kabel. Das war ein großer Unterschied. Ein weiterer: »Die Amerikaner haben keinen Wert auf Balkone gelegt, sie wollten lieber einen Grillplatz vor dem Haus«, sagt Karl Heinz Reitz während seiner Stadtführung. Einige der Gebäude wirken von innen, als wären die Amerikaner erst gestern ausgezogen: In einem Gebäude existieren noch alte Kacheln – vermutlich von der ehemaligen Gießener Weltfirma Gail.

Sie sehen aus wie neu. Das gilt auch für eine Schwingtür, durch die in den vergangenen Jahren Hundertausende von Soldaten am Pay Day ihren Weg zur Kasse gegangen sind, um den Sold abzuholen. Andere Hallen dagegen wirken inzwischen so, als würden sie den nächsten kräftigen Windstoß nicht überstehen. Eine Geisterstadt. Für Daniel Beitlich von der Revikon GmbH ist das ehemalige Militärgelände mehr als ­eine Spielwiese zum Geldverdienen. Besonders der alte Gießener Flughafen hat es ihm angetan. Das Empfangsgebäude aus den 1920er Jahren möchte er in den Originalzustand zurückversetzen. »Uns kommt dabei zugute, dass die Amerikaner baulich kaum etwas verändert haben. Sie haben lediglich alles mehrmals mit Farbe überstrichen. Darunter befinden sich noch Originalmaterialien«, erzählt er.

Nur ein Detail: Die kleinen Schilder an den Toilettentüren, die anzeigen, ob die Kabine denn nun frei oder besetzt ist, sind noch in deutscher Sprache zu lesen. So wie in der Architektur verschwommen die Grenzen auch im Alltag: Truthahn und bunte Lichterketten zu Weihnachten übernahmen viele Deutsche. Andersrum bestellten Amerikaner für Betriebsfeste der AAFES Bierpilze von Licher und Musik von den Amigos. Regelmäßig kam man beim Freundschaftsfest vor der Miller-Hall zusammen. Ein bisschen wie eine Kirmes sah das aus: In der Luft lag Grillgeruch, die Musik der ­Karussels vermischte sich mit dem Stimmengewirr aus den Zelten. Hier und dort sah man eine ängstliche Person auf einer Holzplanke über einem Wasserbecken sitzen: Ein höherrangiger Angestellter der US-Armee. Die Soldaten warfen mit einem Ball auf eine Zielscheibe, trafen sie, fiel der Chef ins Wasser. Doch es gab auch andere Gelegenheiten der Entspannung. Zur Unterhaltung ihrer Soldaten ließ die US-Regierung auch immer wieder Größen aus der Musikindustrie einfliegen. Earth, Wind & Fire spielten genauso wie LL Cool J oder Ice-T.

Sogar James Brown. An manchen Abenden drängten sich bis zu 1000 Besucher im Woodland Club. Heute hängen immerhin noch die Ventilatoren. Gegenüber im Alpine Club müsste man die Kronleuchter vielleicht noch einmal abstauben, doch dann könnte es wieder losgehen. Aber auch für Gießener waren die Veranstaltungen in den Clubs unvergesslich. Zum ersten Mal gab es dort Brunches, All you can Eat and Drink. »Das mit den Getränken ­haben die Amerikaner aber schnell wieder gelassen, nachdem sie gemerkt hatten, dass sich einige Gießener gerne für wenig Geld volllaufen ließen«, erzählt Reitz. Es waren unbeschwerte Momente. Als Angelika Nailor ins US-Depot zog, herrschte Krieg in Bosnien. »Auf einmal wurde es ernst. Soldaten kamen verwundet nach Gießen zurück. Der Spaß war plötzlich vorbei«, erinnert sie sich. Weitere Kriege sollten folgen. Die Kinder malten Plakate, zogen sich gute Klamotten an, wenn die Väter nach Hause kamen. Es waren rührende Szenen, die sich auf dem Gelände abspielten.

Doch manche kamen nie nach Hause. Zweimal im Jahr wurde – bis 1989 – in und um Gießen herum Krieg geübt. Bei den ­Manövern der US-Streitkräfte waren bis zu 3000 Kettenfahrzeuge und 5000 bis 10 000 normale Fahrzeuge unterwegs. Immer wieder flogen die Kampfjets im Tiefflug über die Ortschaften, sodass die Wände wackelten. Doch niemals wackelten sie so sehr, wie in den zwei Wochen, als im Rahmen eines Manövers zwischen Oberlachweg und Rödgener Straße ein provisorischer Flughafen gebaut wurde. Aus riesigen Panzerplatten, fünf mal drei Meter, wurde eine Landebahn gelegt. Für eine Hercules C 130. Über Rödgen kommt die riesige Transportmaschine herunter, startet durch, fegt über Wieseck hinweg. Immer wieder. Die Wände wackeln. Die Fenster vibrieren. Die Ohren klingeln. Nur eine echte Landung dieses Kalibers gibt es. Am 9. September 1981. Damals jedoch von einer Transall. Ein Tanklöschfahrzeug vom Frankfurter Militärflughafen wird gebracht. Ein Wagen, den man in einer Stunde auch über die Straße hätte bringen können.

Kurz darauf bauen die Amerikaner den provisorischen Flughafen wieder ab, die Ruhe kehrt zurück. Die wurde besonders unheimlich am 16. September 1993. Die Soldaten des 2. Bataillons des 32. Feldartillerieregiments wurden damals als letzte Artillerie-Einheit aus Gießen verabschiedet. Das US-Depot war zum ersten Mal zu einer Geisterstadt geworden. Nur eines hatten die Amerikaner vergessen: Hinter sich das große Tor an der Rödgener Straße zu schließen. Die Panzer waren abgezogen. Alles war leer. Nur die Pforte war noch offen. Ohne Bewachung. Gießener wie auch Bürger aus dem Umland kamen teilweise mit Anhängern aufs Gelände und nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Von Mobiliar bis Rasentraktoren wurde alles geklaut. Bis die Amerikaner vier Jahre später wiederkamen, das US-Depot erneut mit Leben füllten. Burgergeruch. Soldatenlieder. Doch auch vor ihren eigenen Leuten waren die Amerikaner nicht immer sicher: Irgendwann musste ein Zaun gebaut werden, der den Army and Air Force Exchange Service und den militärischen Bereich des US-­Depots von einander trennte.

Wer einmal auf dem Gelände war, hatte zuvor jahrelang zwischen beiden Bereichen pendeln können. So fuhren Soldaten über das Gelände, blieben stehen, wenn sie zwischengelagerte Fernseher und HiFi-Anlagen sahen, packten sie in den Kofferraum und kehrten in den militärischen Bereich zurück. Einige klauten wie die Raben. Bis für 500 000 Euro ein Zaun mit Bewegungssensor gebaut wurde, mit dem sich Amerikaner vor Amerikanern schützten.

Er steht bis heute und trennt die letzte Bastion der US-Streitkräfte von der Geisterstadt. Die moderne Technik lässt die Relikte aus dem frühen 20. Jahrhundert noch gespenstischer wirken. Probleme lösten die Amerikaner hier erst einmal mit Farbe. »Zum Glück«, sagt Daniel Beitlich und zieht eine der großen Platten aus abblätternder Ölfarbe von der Wand. Dort, wo es die Natur noch nicht selbst gemacht hat. Überall in den alten Gebäuden lösen sich die Farbschichten. Im alten Flughafengebäude bringen sie ein Stück Gießener Luftfahrgeschichte ans Tageslicht: Hellblaue Fliesen und schwarze Bordüren aus den 1920er Jahren.

Aus derselben Zeit: Die alten Lampen aus Emaile an der Pforte des US-Depots. Später die Pritschen in den Arrestzellen. Die Fenster aus Aluminium, die die Amerikaner in den 1980ern überall in ganz Deutschland einsetzten. Der Basketballkorb an der alten Feuerwache. Sie alle haben der Natur bislang standgehalten, sind noch nicht mit Moos überzogen. Für Beitlich von der Revikon GmbH ein Glücksfall, aber auch eine große Aufgabe: »Das kriegen wir schon hin«, sagt er und meint die Restaurierung des Flughafengebäudes. In enger Abstimmung mit der unteren und der oberen Denkmalschutzbehörde soll der Original­zustand des Gebäudes, das bis etwa 1990 durch die Militärpolizei der US-Armee genutzt worden war, wiederhergestellt werden. Mit dem Abzug kam der Verfall, doch das Grundgerüst steht noch immer.

Geblieben sind auch die Mythen von damals. »Am schlimmsten sind die Menschen, die mit ihrem Halbwissen Schlussfolgerungen ziehen, die richtig wären, wenn die Ausgangsposition stimmen würde«, sagt Reitz und lacht. Viele Jahre war der Heuchelheimer Bundeswehr-Offizier der Reserve und in diesem Rahmen auch für das US-Depot zuständig. »Die größte Story, die sich schon seit Jahren hält, ist die mit den Pershing-Atom-Raketen. Es gab auf dem Gelände eine Raketenstellung, die in der Zeit errichtet wur­de, in der Pershing-Raketen nach Deutschland gebracht wurden. In Gießen gab es aber nur Flugabwehrraketen«, stellt der Stadtführer klar. Mit den unvermeitlichen Besserwissern zeigt Reitz Nachsicht: »Die Munitionsdepots der Amerikaner sahen in ganz Deutschland gleich aus. Die Wachleute wussten manchmal selber nicht, was sie da die ganze Zeit beaufsichtigen.« Einige andere, die früher im US-Depot oder beim Army and Air Force Exchange Service gearbeitet haben, sind da anderer Überzeugung. Und US-Journalisten gehen sogar noch weiter: In der Nacht zum 5.

Januar 1977 sollen Terroristen versucht haben, aus dem Sondermunitionslager der US-Armee in der Wieseckaue eine Atomwaffe zu stehlen. Der Angriff sei fehlgeschlagen, vier Terroristen des 14-köpfigen Kommandos mit dem Namen »Ulrike-Meinhof-Brigade« seien bei einem über zehnminütigen Feuergefecht mit der Wachmannschaft getötet oder verletzt worden. Amerikanische Stellen hätten den Vorgang streng geheim gehalten. Das schreiben zumindest Andrew und Leslie Cockburn in ihrem Buch »One Point Safe« von 1997. Der Mythos basiert auf einem tatsächlichen Anschlagsversuch in der besagten Nacht, als Terroristen versucht hatten, einen Tank im Bereich eines US-Lagers nahe dem Rödgener Neubaugebiet in die Luft zu sprengen. Der Plan der »Revolutionären Zellen« scheiterte, da der 450 000 Liter fassende Benzinbehälter am 5. Januar 1977 fast leer war. In ihrem Buch werten die Journalisten den Vorfall als Ablenkungsmanöver vor dem eigentlichen Angriff auf das Sondermunitionslager.

Der Film »The Peacemaker« mit Nicole Kidman und George Clooney basiert auf dieser Geschichte.

Einer, der auf deutscher Seite nach dem Anschlag auf das Tanklager ermittelte, musste herzlich lachen über die Story vom versuchten Atomwaffenraub. Kurt Maier, damals Pressesprecher der Polizei und Leiter der Staatsschutzabteilung im Polizeipräsidium, hielt die Geschichte für unglaubwürdig. Immerhin konnte Maier eine mögliche Erklärung für das vermeintliche mehrminütige Feuergefecht liefern: Ein US-Wachsoldat im Depot habe offensichtlich nach dem Explosionsknall am Benzintank die Nerven verloren und eine Salve in die Nacht gejagt. Auch bezweifelt Maier, dass das Lager in der Wieseckaue zu diesem Zeitpunkt Atomwaffen beherbergte. Bei Andrew und Leslie Cockburn heißt es dagegen: »Hinter den Stahltüren der Bunker waren genug Kilotonnen, um Deutschland von der Landkarte zu wischen. Hunderte von Artillerie­granaten und Hunderte von Sprengköpfen für die Kurzstreckenrakete Lance, jede ein kleines Hiroshima.« Angelika Nailor interessiert sich nicht sonderlich für solche Geschichten.

Sie sitzt in ihrem Büro, zeigt Bilder aus der Vergangenheit: Feste in der Housing Area. Lachende Soldaten am Grill. Betriebsausflüge mit den Kollegen. Mittagspause im Alpine Club. Der erinnert heute an eine Mischung aus Ballsaal und Dorfgemeinschaftshaus: An den Decken hängen noch die schweren Kronleuchter aus den 1930er Jahren. Der Boden ist mit tiefem amerikanischem Teppich belegt. Es riecht nach Amerika. Auf einem Tresen liegt ein vergessenes Magazin: »Victoria’s Secret« von 2006. Ungewöhnlich, hatte doch ein Kommandeur einst zu Stadtführer Reitz gesagt: »Wir brauchen nur 14 Tage, dann ist hier kein Nagel mehr von uns da.« Im Alpine Club, im benachbarten Woodland Club oder im Hessen Club, der hauptsächlich den Offizieren vorbehalten war, wurden zu Besatzungszeiten und darüber hinaus rauschende Partys gefeiert. Im Festsaal hatten 300 Gäste Platz – Kronleuchter, Parkettboden und holzgetäfelte Wände inklusive. Ein bisschen wehmütig wird Angelika Nailor, als sie sich die Fotos von damals ansieht. »Ich lebte in einer Art von Amerika«, erinnert sie sich.

Vor allem rund um Weihnachten zeigte sich das. Als Santa Claus mit Blaulicht und Sirenen zur Christmas Tree Lighting Ceremonny chauffiert wurde. Oder per Helikopter einflog. Andererseits lebten die US-Soldaten auch in Deutschland. »Mein Onkel war 22 Jahre in der US-Armee und hat 20 Jahre davon in Deutschland verbracht. Wie für viele andere Amerikaner war es schlimm für ihn, zurück in die Heimat zu müssen. Ihre Kinder waren hier aufgewachsen. Viele wollten das auch eigentlich nicht. Aber sie mussten eben«, erinnert sich Nailor beim Durchblättern der Bilder aus ihrem früheren Alltag.

Der begann meist ganz entspannt um 7.30 Uhr morgens mit einem kurzen Zücken des Ausweises an der Pforte. Bis der 11. September 2001 kam. Und Amerika in Gießen von einem auf den anderen Moment sein Gesicht änderte. Zivile Mitarbeiter wurden direkt nach den Anschlägen nach Hause geschickt, nur noch Soldaten durften am Vormittag ­ins US-Depot, auch AAFES-Anlieferer mussten vor den geschlossenen Toren bleiben.

Amerika igelte sich innerhalb von wenigen Minuten ein. Sämtliche Einheiten waren in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden, standen plötzlich mit scharfer Munition neben den in Gedenken an die Opfer ausgelegten Blumen, Briefen, Bildern, patroullierten hinter dem Zaun auf und ab. Erst in den darauffolgenden Tagen, als die ersten Sträuße schon langsam zu welken begannen, durften die zivilen ­Arbeiter morgens wieder antreten. Fahrzeuge wurden durchsucht und mit Spiegeln kontrolliert. Kofferraum auf. Motor­haube auf. Die Autos der langjährigen Arbeiter genauso. Sogar die Dose mit ihrem Pausenbrot mussten sie öffnen. Der Rückstau von Rödgener Straße und Oberlachweg stand zeitweise bis auf die Auffahrt zur Autobahn. Um 10.58 Uhr ist die Hymne verklungen. Die Stille kehrt zurück in die Geisterstadt am 28. September 2007. Viele sind bereits nach Hause gegangen. Zum letzten Mal. Angelika Nailor wischt sich noch einmal über die feuchten Augen, atmet tief durch und geht ebenfalls. Einmal quer über den Platz hinter der Pforte.

­Vorbei an den letzten Resten der Ehren­kom­panie, auf den damaligen Gießener Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann zu. Freiheraus fragt sie ihn nach einem Job. Für viele ihrer Kollegen von damals, nicht nur die 240 zivilen Mitarbeiter, die in den Monaten vor der Abwicklung ihre Kündigung erhalten hatten, steht der 28. September 2007 für das Ende ihres beruflichen Lebens. Sieben Jahre später sitzt Angelika Nailor in ihrem Büro im Rathaus. Als Geschäftsführerin des Vereins »Ehrenamt« hat sie sich das Ziel gesetzt, das soziale Engagement in der Stadt zu stärken. Haumann hatte ihr diesen Job gegeben. »Damals war ich 53. Dass ich noch etwas gefunden habe, war großes Glück. Ich hätte es jedem gewünscht. Es war einfach eine Verschwendung, dass es für so viele Leute keine Verwendung mehr gab«, sagt sie. »Die Amerikaner haben mit einfachen Mitteln alles gangbar gemacht. Was sie nicht benutzt haben, haben sie so gelassen.

Sie haben nichts plattgemacht, sondern mit dem gearbeitet, was sie vorgefunden ­haben«, erzählt Daniel Beitlich von der ­Revikon GmbH, als er wieder zu seinem ­dicken Schlüsselbund greift und das große Vorhängeschloss am Eingang zum US-Depot schließt. Kurz darauf, als Karl Heinz Reitz vor der Pforte steht, sagt er: »500 Jahre der Stadtgeschichte wurden durch das Militär geprägt und bestimmt. Damit hatte das Militär größeren Einfluss als die Industrie oder die Universität. Das einzige, was man in Gießen davon sieht, ist ein Rock eines Soldaten von 1913 im Oberhessischen Museum. Das ist ein bisschen wenig«, meint der Stadtführer. Die Amerikaner hätten einen markanten Teil der Gießener Stadtgeschichte bestimmt, über 60 Jahre dazugehört. Reitz träumt von einem Garnisonsmuseum, Beitlich denkt für den Alpine Club eher an eine kulturelle Nutzung. Vielleicht lässt sich ja beides umsetzen auf einem Gelände, größer als das Fürstentum Monaco. Zurzeit aber ist es vor allem die Natur, die das US-Depot für sich nutzt.

Von den Amerikanern ist nicht viel geblieben. »Victoria’s Secret« aus dem Jahr 2006. Mehrere Schichten Ölfarbe. Der Basketballkorb. Teils abenteuerliche Mythen von unterirdischen Flächen für Flugzeuge oder 40 Meter tiefen Abschussrampen für Raketen.

Und ein Paar Stiefel, das mit seiner Geschichte für das gesamte US-Depot steht: Zum Ende ihres Militärdienstes warfen die Soldaten – als ein Teil eines Abschiedsrituals – ihre Schuhe über die Stromleitungen des Geländes. Dort hängt auch heute noch ein letztes Paar, schlägt hin und wieder gegeneinander. Niemanden stört das in einer Geisterstadt. Höchstens ein Storchenpaar, das erste seit 1947 im Gießener Stadtgebiet, und seine zwei Jungvögel. fd/mac

Die Gießen Marketing GmbH – Abteilung Tourist-Information – teilt mit, dass für die Führung »Flugplatz – Fliegerhorst – US-Depot« aufgrund großer Nachfrage noch einmal ein Zusatztermin anberaumt wurde. Am Sonntag, 06. September um 14.00 Uhr, erwartet der Gästeführer Karl Heinz Reitz die Teilnehmer am Haupteingang des ehemaligen Kasernenareals, Rödgener Straße, gegenüber der Monroestraße. Teilnahme: 5 €, Anmeldung bei der Tourist-Information Gießen, Tel.: 0641 – 306-1890. Die Führung dauert ca. 2 Stunden.

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