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Ursula Schroeter erinnert an die Schicksale der Wiesecker Juden. Umso bestürzter ist sie über den auflodernden Antisemitismus.

Mensch Gießen

Ursula Schroeter: Im Auftrag der Erinnerung

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Die 81-jährige Ursula Schroeter ist so etwas wie ein wandelndes Lexikon. Vor allem, wenn es um die Schicksale der jüdischen Menschen aus Wieseck geht. Ein Porträt.

Die Friedhofswiese ist von Laub bedeckt. An einigen Stellen ragen dicke Pilze aus dem Boden. Kein Wunder, seit Tagen hat es hier geregnet. Ursula Schroeter schlendert an den beeindruckenden Fruchtkörpern vorbei. Ihr Blick ist nicht auf den Boden gerichtet, sondern auf die 42 Grabsteine, die hier in einer Reihe stehen. Wie das unterirdische Geflecht der Pilze scheinen auch die Grabmale miteinander verbunden zu sein. Über die Hälfte tragen den Namen Stern oder Katz. Und auf manchen ist das gleiche Todesjahr zu lesen: 1942. "Da sind sie deportiert worden", sagt Schroeter. Die 81-jährige kommt häufiger auf den jüdischen Teil des Wiesecker Friedhofs. Sie versichert sich, dass die Kieselsteine noch auf den Gräbern liegen und der Efeu die Inschriften nicht verdeckt. Schroeter hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die hier begrabenen Menschen am Leben zu halten. Das hat auch viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun.

Schroeter war noch ein Kind, als die Bomben auf Gießen fielen. Sie kann sich aber noch sehr genau erinnern. Zum Beispiel, wie sie nach der Nacht des 6. Dezember 1944 aus dem Fenster blickte und die Stadt in Flammen sah. Oder wie die Familie mit der hochschwangeren Mutter auf einem Pferdewagen nach Alten-Buseck fuhr und Schutz beim Onkel suchte. Schroeter wird auch niemals vergessen, wie sie und ihre Freundinnen auf dem Nachhauseweg von der Schule von Tieffliegern beschossen wurden. "Die Kugeln schlugen neben uns im Boden ein", sagt die Wieseckerin. "Wenn die Piloten gewollt hätten, hätten sie uns getroffen."

Schroeter wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Ihr Großvater war Gewerkschafter bei den Eisenbahnern - und somit den Nazis ein Dorn im Auge. Bereits 1932, noch vor der Machtübernahme, war er von Faschisten blutig geschlagen worden. 1944 wurde er verhaftet und nach Dachau gebracht. "Wir hatten Glück, er kam nach einigen Wochen wieder frei", sagt Schroeter und erzählt von einer der prägendsten Erinnerungen ihrer Kindheit. "Ich wurde zur Straßenbahn geschickt, um ihn abzuholen. Dann stand er plötzlich da. In einem grauen Anzug, an dem kein Faden mehr gerade war. Abgemagert und abgehärmt. Als er mich sah, nahm er meine Hand und ging mit mir nach Hause. Auf dem ganzen Weg haben wir kein Wort gesprochen."

Zu jener Zeit lebten in Wieseck keine Juden mehr. Im September 1942 waren sie über Darmstadt in die Vernichtungslager deportiert worden. Darunter auch viele Freunde und Bekannte von Schroeters Familie. Zum Beispiel Dr. Ludwig Katz.

Am Ende des schmalen Grünstreifens bleibt die 81-Jährige vor einem verwitterten Grabstein stehen. "Das war Ludwigs Vater, Hermann Katz", sagt die Seniorin und legt ihre Hand auf das Grabmal. "Zum Glück musste er das alles nicht mehr erleben." Hermann Katz ist im September 1938 gestorben. Die Repressalien durch die Nazis erlitt er noch, die Reichspogromnacht, der Krieg und die Auslöschung seiner Familie blieben ihm jedoch erspart. "Seinem Sohn Ludwig wurde wenige Tage später die Approbation entzogen. Er hat die Wiesecker trotzdem weiterhin behandelt. Und wenn er dafür heimlich durch die Gärten schleichen musste." Ihre eigene Familie sei dem Doktor besonders eng verbunden gewesen, sagt Schroeter und erzählt, dass eine ihrer Großmütter früh Witwe geworden sei. Mit vier Kindern. Mit den paar Mark Rente sei sie kaum über die Runden gekommen. "Dr. Katz hat sie daher kostenlos behandelt. Ihr ganzes Leben lang."

Im Vorzimmer von Albert Osswald

Schroeter war sieben Jahre alt, als der Krieg endete. Wie viele andere ihrer Generation hatte sie mehr erlebt, als einem Menschen zuzumuten ist, geschweige denn einem Kind. Doch das Leben musste weitergehen. Schroeter war noch keine 17, als sie den Abschluss an der Handelsschule machte und eine Stelle bei den Stadtwerken fand. Kurz darauf wechselte sie in die Stadtverwaltung, wo sie im Vorzimmer von Oberbürgermeister Albert Osswald saß. Ein Umstand, der ihr weiteres berufliches Leben prägen sollte.

Von Gießen zog es Schroeter zunächst nach Stuttgart zu Bosch. "Es war toll. Ich habe viel Anerkennung erfahren", sagt die Seniorin. "Und der alte Robert Bosch", fügt die Wieseckerin mit einem Schmunzeln an, "der hat mir sowieso sehr gut gefallen." Doch dann wurde Osswald Minister - und erinnerte sich an die junge Frau aus seinem Vorzimmer. "Er hat dann meinen Vater gefragt, ob ich nicht für ihn arbeiten möchte", erzählt Schroeter. Ihr sei die Entscheidung schwergefallen, schlussendlich habe sie das Angebot aber angenommen. Und so unterstützte sie den neuen hessischen Minister für Wirtschaft und Verkehr bei seiner Arbeit in Wiesbaden. Sie blieb auch seine Sekretärin, als er zunächst Finanzminister und später Ministerpräsident wurde. Auch während des Helaba-Skandals, der schließlich zu Osswalds Rücktritt führte, stand sie ihm bei. Eine schwere Zeit, auch für sie, sagt Schroeter. "Dem Mann wurde viel Unrecht getan."

Doch die positiven Erinnerungen an Wiesbaden überwiegen. Nicht zuletzt, weil sie sich in einen Arbeitskollegen verliebte. Jürgen Schroeter arbeitete ebenfalls in der Staatskanzlei. Die beiden heirateten. Später zog ihr Mann nach Bonn, die beiden führten eine Wochenendbeziehung. "Auf lange Sicht wollten wir das aber nicht", sagt die Wieseckerin. Und so gab sie ihren Job auf und folgte ihren Mann in die damalige Bundeshauptstadt. "Das war eine tolle Zeit. Noch heute haben wir Freunde dort."

Ein Schicksalsschlag sorgte dann dafür, dass Schroeter nach Wieseck zurückkehrte. Ihre Mutter war schwer krank, dann erhielt auch ihre Schwester eine niederschmetternde Diagnose: Darmkrebs. "Meine Mutter ist acht Tage nach meiner Schwester gestorben. Das war eine schreckliche Zeit."

Trotzdem blieb sie. Ihr Ehemann auch. Gemeinsam engagierten sie sich im gesellschaftlichen und politischen Leben Wiesecks. Zum Beispiel bei der SPD. Ursula Schroeter widmete sich auch der Historie ihres Heimatorts. "Ich war eines der Gründungsmitglieder des Heimatvereins", erzählt Schroeter. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern hat sie für Wieseck typische Ausstellungsstücke wie zum Beispiel Töpferwaren der Familie Keßler gesammelt. Jeder Jahr gibt der Verein zudem einen liebevoll gestalteten Kalender heraus. Im Heimatmuseum werden zudem wechselnde Ausstellungen gezeigt.

Patenschaften für Stolpersteine

Zu jener Zeit formierte sich in Gießen auch die Koordinierungsgruppe zur Stolperstein-Initiative des Künstlers Gunter Demnig. "Als das los ging, wusste ich sofort, wie ich mich bei der Familie Katz bedanken konnte." Und so finanzierte sie Stolpersteine nicht nur selbst, sie sorgte auch dafür, dass andere Patenschaften übernahmen. Zudem trug sie etliche Informationen über die Wiesecker Juden zusammen. Sie las Bücher, durchstöberte Staatsarchive und sprach mit Nachfahren.

Es gibt wohl keinen Menschen in Wieseck, der mehr über die jüdische Geschichte in Gießens größtem Stadtteil weiß als Schroeter. Sie könnte bei jedem der Grabsteine verweilen und eine Geschichte erzählen. An die Schicksale zu erinnern, ist für die Seniorin zu einer Art Lebensaufgabe geworden.

Umso mehr ist sie entsetzt darüber, was aktuell in diesem Land geschieht. Dass Juden aus Vorsicht keine Kippa mehr tragen, Sicherheitsvorkehrungen vor Synagogen verschärft werden und rechtsradikale Kräfte in den Parlamenten sitzen. "Ich kann diese Menschen einfach nicht verstehen", sagt Schroeter. Die Seniorin umfasst ihren Bauch, als ob sie Magenschmerzen hätte. Ihr scheint es unangenehm zu sein, an solch einem Ort darüber zu sprechen. Dann sagt sie mit leiser Stimme: "Haben die denn nichts gelernt?"

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