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Tourismus

Urlaub in Gießen: Der Kanuverleih an der Lahn

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Lockdown hat dem Lahntourismus zugesetzt. Warum Gießener Kanuverleiher trotzdem die Hoffnung auf Besserung haben.

Die Lahn ist nicht der Gardasee. Und trotzdem: Wer am Freitagmittag am Uferweg vorbeischlendert, könnte meinen, er befinde sich in weitaus südlicheren Gefilden. Die Sonne knallt auf junge Leute, die auf der Wiese ein Radler trinken Eine Gruppe Mädchen steigt kichernd in das blaue Cabrio-Tretboot, und etwas weiter hinten hieven zwei Männer Kanus vom Gestänge und bringen sie zu Wasser. Peter Zutt schaut sich das Treiben mit einem Lächeln an. "Endlich wieder Business as usual", sagt der Chef von Kanutours Gießen: "Corona war hart. Wir haben lange Zeit kein Wasser mehr gesehen."

Drei Monate lang mussten die Tretboote und Kanus auf dem Trockenen bleiben. Für Zutt und seine Ehefrau, die das Unternehmen gemeinsam leiten und in Spitzenzeiten bis zu 20 Angestellte beschäftigen, ging es um die Existenz. Zumal sie in Frühling und Sommer genug verdienen müssen, um durch den Winter zu kommen. "Was uns zuletzt weggebrochen ist, werden wir nicht wieder reinholen", sagt Zutt. Trotzdem merkt ihm an, dass er zuversichtlicher ist als noch vor einigen Wochen. Die letzten Tage habe das Telefon kaum stillgestanden, für das erste Ferienwochenende sei ein Großteil der Boote bereits ausgebucht. "Wir schauen aber, dass wir nie alle unsere 180 Boote vermieten. Wir wollen einen kleinen Puffer bereithalten und das Gewässer nicht überfüllen."

Für Menschen, die in ihrem Urlaub ein kleines Abenteuer auf erleben wollen, sei Gießen eine gute Adresse, sagt Zutt. "Die Lahn galt früher, als der Osten noch nicht auf war, als Mekka für Kanufahrer. Aber auch jetzt, wo viele Menschen lieber auf der Mecklenburgischen Seenplatte paddeln, lockt die Lahn noch Leute an." Der Fluss sei landschaftlich reizvoll und durch unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten nicht langweilig. "Wir haben daher auch viele auswärtige Kunden", sagt Zutt.

Von der Ausgabestelle schallt Gelächter über den Platz. Sieben gut gelaunte Frauen stehen beisammen und warten auf ihr Kanu. "Wir sind ein Kreißsaal-Team und wollen auch abseits der Arbeit ein wenig Spaß zusammen haben", sagt eine von ihnen. Für die nächsten drei Stunden gehe es die Lahn rauf und runter. Für Proviant haben die Frauen gesorgt. Aus einer Tasche ragen zwei Sektflaschen hervor.

Ulrike Klein und ihr Ehemann Hans Bölling haben schon die Schwimmwesten übergestreift. Sie werden gleich vom Kanutours-Team nach Odenhausen gefahren, von wo sie dann zurück paddeln. Mit an Bord ist auch Hund Benni. "Wir fahren häufiger mal Kanu. Für ihn ist es jedoch das erste mal." Eigentlich wollte das Paar den Urlaub in Frankreich verbringen, doch die Corona-Pandemie durchkreuzte die Pläne. Bölling und Klein nehmen es gelassen: "Dann machen wir eben Urlaub zu Hause."

In Zutts Ohren dürfte das wie Musik klingen. Für seinen Betrieb wäre es von großem Vorteil, wenn die Menschen statt auf die Kanaren zu fliegen mit dem Kanu über die Lahn schippern. "Wir merken jetzt schon einen Anstieg bei den Buchungen. Besonders bei den langen Touren, für die wir auch Übernachtungen organisieren." Auch der Tretbootverleih sei stärker nachgefragt. "Das", sagt Zutt beim Blick auf die lange Schlange vor dem Verleihhäuschen, "haben wir sonst an einem Freitag nicht." Euphorisch ist Zutt deswegen aber nicht. Dafür waren die vergangenen Monate zu einschneidend. Und gerade bei den kleinen Touren mache sich Corona immer noch bemerkbar. "Betriebsausflüge etwa, mit 30 Personen, haben wir momentan noch nicht."

Als Zutt 1991 anfing, hatte er nicht viel mehr als eine Handvoll Boote - und einen Berg an Schulden. Es war ein Glück für ihn, nach bescheidenen Jahren in der Heizungstechnik und als Inhaber eines Sportgeschäfts hier am Uferweg seine Leidenschaft zum Beruf machen zu können. "Richtig Fahrt nahm es dann auf, als wir im Jahr 2000 den Steg bauen konnten." Die Pandemie sei daher die härteste Prüfung, die das Unternehmen bisher habe meistern müssen. "Meine Rente wird sich wohl ein paar Jahre nach hinten verschieben", sagt der 63-Jährige. Dabei huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Zutt kann sich offenbar Schlimmeres vorstellen, als seinem Traumberuf noch etwas länger nachgehen zu müssen.

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