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Mitglieder der jüdischen Gemeinde und der heimischen Vereine erinnern in der Synagoge an die Befreiung von Auschwitz. FOTO: SCHEPP

"Unwissenheit ist gefährlich"

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75 Jahre ist es her, dass die Menschen aus dem Vernichtungslager in Auschwitz befreit wurden. Damit die Erinnerung an die Shoa nicht verblasst, hat die Jüdische Gemeinde Gießen zusammen mit heimischen Vereinen am Freitag in die Räume der Synagoge eingeladen.

Es ist ein kleines Wunder, dass die Menschen in Israel den Deutschen Zutritt zu ihrem Land gewähren. Ein großes Wunder ist es, dass sie die Gäste auch noch mit offenen Armen empfangen. "Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen", sagte Gerd Zörb am Freitag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Gießen, "aber nirgends bin ich mit so viel Herzlichkeit aufgenommen worden." Zörb, der seit vielen Jahren zum Partnerschaftsverein Gießen-Netanya gehört, war genauso wie Vertreter des Rotary Clubs Gießen und des Hilfswerks Arche in die Synagoge gekommen, um an die Befreiung von Auschwitz zu erinnern.

Shoa-Überlebende erhalten Hilfe

Sechs Millionen Juden fielen den Nationalsozialisten zum Opfer. Über eine Million Menschen wurden alleine im Konzentrationslager Auschwitz vernichtet, darunter auch 55 jüdische Bürger aus Gießen und Umgebung. Es wären noch viele weitere Tote hinzugekommen, wenn die Rote Armee das Lager nicht am 27. Januar 1945 befreit hätte.

"Wir wollen uns gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit einsetzen", sagte Richard Wüllner in Richtung Dow Aviv, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Gießen. Wüllner geht es aber nicht nur um Erinnerung und Mahnung, sondern auch um praktische Hilfe. Daher hat er den Verein "Arche" gegründet.

Mit dem Projekt "Öl in die Wunden" unterstützt er etwa 100 Überlebende der Shoa, die in einer psychiatrischen Einrichtung bei Netanya untergebracht sind. "Diese Menschen sind in einem psychisch schlechten Zustand, weil sie die Traumata aus der Kindheit nie richtig verarbeitet haben." Viele würden den Horror in ihren Gedanken immer wieder durchleben. Sie würden Stimmen und kläffende Hunde hören und unter Albträumen leiden. "Die meisten von ihnen haben keine Angehörigen", sagte Wüllner und nannte somit auch gleich einen zentralen Ansatz seines Hilfswerks: Zuhören, und dadurch versöhnen. "Solange diese Menschen am Leben sind, spüren wir eine Verantwortung, ihnen Wertschätzung, Liebe und Fürsorge zu zeigen."

Dietrich Heine hat die Einrichtung bei Netanya vergangenes Jahr zusammen mit seinen Mitstreitern des Rotary Clubs besucht. "Für uns Deutsche war es ein beklemmendes Gefühl. Schließlich ist Deutschland verantwortlich für ihre traumatischen Erlebnisse." Auch der Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sei einigen Mitgliedern an die Nieren gegangen. Aber auch Heine hob die Sympathie hervor, die die Menschen in Israel gegenüber Gästen stets gezeigt hätten. Er rief daher auch gerade junge Menschen dazu auf, das Land zu bereisen. "Man kann besser in Freundschaft leben, wenn man sich kennt."

Dow Aviv dankte sowohl der Arche als auch dem Rotary Club, der den Betroffenen in der psychiatrischen Einrichtung eine Pergola finanziert hatte. "Ihren Einsatz kann man nicht genug loben." Aviv weiß, wovon er spricht. Sein Vater hätte auch lange Zeit nicht über seine Erfahrungen mit dem Holocaust sprechen können. "Er hätte solch eine psychologische Hilfe gebraucht." So erginge es vielen Überlebenden, sagte Aviv. Manche würden sich sogar schämen, über ihre grausamen Erlebnisse zu sprechen. Dabei sei genau das so wichtig: Dass Zeitzeugen ihre Geschichte erzählen und somit an die schlimmste Zeit der deutschen Geschichte erinnern. "Unwissenheit ist sehr gefährlich", sagte Aviv. "Sie kann mit Unwahrheiten und Vorurteilen gefüllt werden."

Aus Vorurteilen entsteht Hass. Und den bekommen die Juden in Deutschland seit einigen Jahren wieder häufiger zu spüren. Auch in Gießen. Drohungen per E-Mail seien keine Seltenheit. Einige Mitglieder würden daher auch mit einem unguten Gefühl durch die Dunkelheit gehen, sagte der Vorsitzende. Die Situation sei zwar nicht mit Großstädten zu vergleichen, dennoch mache er sich Sorgen. "Dabei wollen wir nur gleich sein. Unabhängig von Religion oder der Shoa", betonte Aviv. "Mehr wünschen wir uns doch gar nicht."

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