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Übersichtlich: Der Haltepunkt Oswaldsgarten bietet Ausblick auf die Kreuzung.

Unterwegs mit PS, Strom und Strahlung

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Waffeln, Schokolade, Pralinen. Die Plastikkiste, die der Mann hinten auf seinen Elektro-Rollstuhl geschnallt hat, ist randvoll mit Süßigkeiten. Ob er die alle selber isst? Die Ampel am Oswaldsgarten springt auf grün. Der Rollifahrer, eine Kippe lässig in der einen, den Hebel zur Beschleunigung in der anderen Hand, düst los. Seine Partnerin kommt kaum hinterher.

»Mach mal langsam«, mahnt sie schnaufend. Das Paar eilt in Richtung Weststadt davon.

Ein weiteres Rollstuhl-Team ist in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Ein junger Mann begleitet eine Seniorin aus dem Vitanas-Pflegeheim in die Stadt. Er niest zweimal heftig. »Heuschnupfen?«, fragt die alte Dame mitfühlend. »Nein, das ist die ganze Strahlung hier um uns herum«, sagt ihr Begleiter. Eine kryptische Antwort im Vorübergehen.

Oben am Gleis wird es voller. Mittagszeit. Schüler warten auf den Zug. Ein Anblick, den es viele Monate nicht gegeben hat. Auf der Fassade der »Royal Spielhalle« setzt ein riesiger Tiger zum Sprung an, ein Kampf mit Greifvogel und Schlange scheint bevor zu stehen. Das 3-steps-Kunstwerk in blau-orange wirkt wild wie die Szene aus einem Albtraum. Gegenüber im »Royal Lebanon« rüstet man zur Öffnung, Tische und Stühle stehen draußen bereit. Seit wann geht es am schlichten Oswaldsgarten eigentlich so königlich zu?

Hier! Hier! Ein rotes Lichtband hoch oben an der Fassade eines Hauses in der Neustadt zieht den Blick auf sich. Wofür wird hier geworben? »Übersetzung. Buchhaltung. Hier! Hier!«. Eine wichtige, aber eher dröge Dienstleistung wird blinkend verkauft. Keine schlechte Idee.

Der Verkehr fließt ruhig, der Lkw einer Spedition kommt bei rot ächzend zum Stehen. »Wir bleiben für Sie in Bewegung«, lautet das Motto des Unternehmens. Ein Bus biegt Richtung Marktplatz ein. Plötzlich heult ein Motor auf. Ein schwarzer, tief gelegter BMW mit getönten Scheiben rast vorüber. Ein Klischee auf vier Rädern. »Zeit für Veränderung«, steht auf dem Bus, verkündet von einer Vater-Mutter-Kind-Familie. Worum geht’s? Klimawandel? Bildung? Nein. Um neue Möbel. Auch gut, bekanntlich helfen scheinbar profane Dinge, die Welt ein bisschen schöner zu machen. Eine Regionalbahn hält und fährt nach kurzem Stopp langsam Richtung Lollar weiter. Unten auf der Kreuzung steht sekundenlang alles still. Bei der nächsten Ampelschaltung geht’s weiter. Tatsächlich kommen alle in Bewegung. Aus eigener Kraft, mit viel PS, mit Strom und vielleicht sogar mit Strahlung. Aber ganz sicher kein bisschen königlich. (cg)

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