Containern

Unterwegs beim Containern in Gießen

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Wenn Supermärkte schließen, wandert viel Essen in den Müll. Wir waren mit einem jungen Mann unterwegs, der in Gießen Nahrung aus der Tonne fischt.

Im fahlen Schein der Straßenlampe nähert sich Jakob dem kleinen Verschlag aus Wellblech. Seit einer Stunde hat der Supermarkt geschlossen. Es ist kalt und ruhig, kein Mensch in Sicht. Gerade hat Regen eingesetzt. Günstige Voraussetzungen zum Containern, denn bei solchem Sauwetter bleibt mancher Tonnentaucher lieber zu Hause. Umso üppiger könnte Jakobs Ausbeute ausfallen. Die Tür des Verschlags ist unverschlossen. Der junge Mann geht hinein, öffnet eine Tonne nach der anderen. "Alles leer", sagt er. Das sei ziemlich ungewöhnlich, könne aber immer mal passieren. Was tun? Jakob möchte nicht mit leeren Händen nach Hause, denn in seinem Kühlschrank herrscht Ebbe. In einer WhatsApp-Gruppe fragt er, bei welchem Markt heute etwas zu holen sein könnte. Diesmal kommt keine Antwort. Aber eine Idee hat er noch. Jakob schnappt sich die mitgebrachten leeren Obstpaletten, packt sie in den Kofferraum und fährt los.

Vor ein paar Jahren, als 18-Jähriger, war Jakob zum ersten Mal containern. Eine Schnapsidee: "Wir waren besoffen und haben einfach mal in die Tonne geguckt, lange bevor ich mir da politisch Gedanken drüber gemacht habe." Beim Einkaufen ist er Veganer, möchte das Leiden von Tieren in der Massenhaltung nicht mit Geld unterstützen. Vom Containern bringt er manchmal auch Joghurts mit. Weil die oft aufplatzen, trägt Jakob an den Tonnen stets Handschuhe.

Einmal quer durch die Tonne

Nach einigen Kilometern quer durch die Stadt stellt er sein Auto auf einem Parkplatz ab. Nächster Versuch. In dunkler Kleidung, das Gesicht vermummt, geht Jakob um die Ecke auf einen verschlossenen Metallkäfig zu. Der Zaun ist etwa 2,50 Meter hoch. Der junge Mann zieht sich empor und klettert hinein. Jakob hat viele Bekannte, die auch containern gehen, ein Netzwerk aus Kontakten. Manche Märkte lassen ihren Müll unverschlossen, rechnen offenbar damit, dass sich "Foodsaver" bedienen. Nicht so an diesem Ort. "Über einen Zaun zu klettern ist halt schon Hausfriedensbruch, das schreckt manche ab", sagt Jakob. Mit geübten Handgriffen, umringt von Mülltonnen, macht er sich ans Werk. Gibt es Freunde und Verwandte, denen er von diesem nächtlichen Hobby lieber nicht erzählen würde? "Nein. Ich bin mit allem, was ich tue, ziemlich offen. Wer damit nicht klarkommt, hat halt Pech."

Klar ist es illegal, aber es schadet dem Markt nicht wirklich

Jakob über das Containern

Rund 20 Minuten vergehen. Im Käfig gräbt sich Jakob einmal quer durch die tiefe Tonne voller Backwaren, ohne zu trödeln. Auch die anderen Container geben einiges her. Allmählich füllen sich die mitgebrachten Obstkisten und Jutesäcke, hell beschienen von der Taschenlampe auf Jakobs Stirn: Äpfel, Salat, Pilze, belegte und eingeschweißte Brötchen, Lebkuchen, eine bunte Mischung aus dem Müll. Die Ausbeute kann sich sehen lassen, doch oft geht der geübte "Lebensmittelretter" mit noch mehr nach Hause: "Das ist so der Bereich, wo ich anfange, glücklich zu sein", murmelt Jakob durch ein Tuch, das sein Gesicht bedeckt. "Klar ist es illegal", sagt er, "aber es schadet dem Markt nicht wirklich".

Überraschender Zaungast

Einige Meter entfernt, jenseits des Parkplatzes, verläuft eine größere Straße. Plötzlich fährt ein Auto langsam vorbei, setzt dann zurück. Der Fahrer schaut herüber. Er lenkt seinen getunten Wagen auf den Parkplatz. Der Motor dröhnt. Die Scheibe geht runter. "Was macht ihr da?", fragt der Fahrer mit düsterer Miene. "Containern, Lebensmittel retten", entgegnet Jakob hinter dem Metallzaun unaufgeregt. Das Gesicht des Fahrers bleibt versteinert. Ein paar Sekunden vergehen. Wieder dröhnt es, der Mann fährt davon. "Manche Leute haben echt ein langweiliges Leben!", kommentiert Jakob und schnappt sich noch ein paar Lebensmittel. Der neugierige Autofahrer hat ihm keine Angst gemacht, aber ganz sicher scheint ihm dieser Ort gerade auch nicht mehr. Er schließt die Mülltonnen, packt seine Beute zusammen, klettert zurück über den Zaun. Für die nächsten Tage hat er genügend Lebensmittel. Sobald der Kühlschrank leer ist, wird er wieder containern gehen. Er weiß: Weggeschmissen wird immer. Der Nachschub aus dem Müll wird ihm so schnell nicht ausgehen.

Info

Am Rande der Legalität

"Die Wegnahme von Lebensmittelresten aus Abfallcontainern von Supermärkten kann unter Umständen eine strafbare Handlung darstellen. Dies dürfte aber vergleichsweise selten tatsächlich der Fall sein", teilt das Bundesjustizministerium mit. Sofern der Abfall verschlossen sei, könne ein Diebstahl vorliegen, denn dann könne nicht von "Eigentumsverzicht" ausgegangen werden. Aufgrund des geringen Sachwerts werde üblicherweise nur ermittelt, wenn der Eigentümer Strafantrag stelle. Ferner könne das Containern einen Hausfriedensbruch darstellen.

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