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Jonas Hey lebt seit 2014 in Gießen und betreibt mit seiner Freundin den Unverpacktladen in der Innenstadt.

Kommunalwahl Gießen

Unterstützer aus Überzeugung

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Der Großvater von Jonas Hey ist Mathelehrer. Als sein Enkel ihm erzählt, er wolle sich zusammen mit seiner Lebenspartnerin Louisa Willner selbstständig machen und einen Unverpacktladen eröffnen, ist dieser skeptisch. Er habe ihm vorgerechnet, warum das mit dem Geschäft eine ziemlich riskante Sache sein könnte, erzählt Hey. Heute ist der Laden an der Johanette-Lein-Gasse etabliert und auch der Großvater ein Kunde:

Gießen – Hier gibt es Lebensmittel, Hygieneartikel und Zubehör für einen bewussten, nachhaltigen Lebensstil. Das Sortiment kommt ohne Verpackung aus. Nun tritt Hey für die Liste Gießen gemeinsam gestalten (Gigg) zur Kommunalwahl an.

Hey und Willner haben den Unverpacktladen nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen eröffnet. Seit mehreren Jahren versuchen sie, keinen Müll zu produzieren. »Zero Waste« nennt sich dieses Prinzip. Es steckt viel Idealismus dahinter; und die Idee ist nicht erst seit der Fridays-for-Future-Bewegung politisch. Sie ist auch einflussreich: So stimmte das Stadtparlament im September 2019 für den Antrag der Initiative »Lebenswertes Gießen«, in dem die Klimaneutralität für Gießen im Jahr 2035 gefordert wird. Doch als die Stadt ein Jahr später ihren Klimabericht vorstellte, machte sich Ernüchterung bei der Initiative breit: Zu viele Wenn, zu viele Aber, lautete die Kritik an dem Papier. Dass der Magistrat in diesem Zusammenhang von Realitäten spricht, die berücksichtigt werden müssen, stieß bei den Aktiven auf wenig Verständnis. Auch deshalb tritt nun die Liste Gigg zur Kommunalwahl an.

Die Enttäuschung über den Klimabericht der Stadt war auch für Hey der »Stein des Anstoßes«, sich kommunalpolitisch einzubringen. Er schrieb Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz einen Brief, in dem er seine Kritik an dem Papier formulierte. Die OB lud ihn daraufhin zu einem Gespräch ein. Eine Dreiviertelstunde später, erzählt Hey, habe er das Rathaus ernüchtert verlassen. Sein Fazit: Was in Gießen in Sachen Klimaschutz und Verkehrswende passiert, reiche nicht.

Er nennt zum Beispiel die fehlende Förderung von Geschäften, die umweltbewusst geführt werden. »Hier werden wir von der Stadt vertröstet«, sagt Hey. Gleichzeitig würden ehrenamtliche Initiativen zu wenig unterstützt. Der 27-Jährige erzählt, dass er mit Freunden regelmäßig Müll in Gießen aufsammelt. Sie hätten bei der Stadt nachgefragt, ob diese wenigstens die Müllbeutel beisteuern könnte. Doch noch nicht einmal die hätten sie erhalten. Stattdessen lasse sich die Stadt für Fahrradstraßen feiern. »Wir brauchen aber eine echte Verkehrswende und eine autofreie Innenstadt. Wir brauchen Konzepte, wie Gießen lebenswerter und attraktiver wird.« Aktuell gebe es kommunalpolitisch einfach »zu viel heiße Luft«.

Dass Hey für die Gigg antritt, hat vor allem mit Lutz Hiestermann zu tun. Er ist einer der Initiatoren des Bürgerantrags »Gießen 2035« und engagiert sich in der Wählergemeinschaft. Bei Kundgebungen und Demonstrationen der Klimabewegung spart er nicht mit Kritik an der Stadtkoalition. Gleichzeitig ist Hiestermann Kunde im Unverpacktladen - und kam so mit Hey ins Gespräch. »Unsere Themen überschneiden sich«, sagt der Geschäftsführer, »Wir haben uns bei Gießen 2035 eingebracht, und gleichzeitig ist uns das Thema Abfallwirtschaft ein wichtiges Anliegen.« Hey betont aber, dass er bewusst nicht auf den vorderen Plätzen kandidiert. »Ich bin als Selbstständiger stark eingebunden.« Außerdem ist er im April Vater geworden und will für seine Tochter da sein. »Aber ich wollte das machen, was mir möglich ist«, sagt Hey und betont: »Andere Mitglieder von Gigg haben viel mehr zum Programm beigetragen.« Aber die politischen Ziele der Wählergemeinschaft will Hey auf jeden Fall unterstützen.

Der 27-Jährige ist mehr als nur ein sympathisches Gesicht für Gigg. Er zeigt, wie man mit einem konkreten Plan im Kopf, einer Überzeugung, Leidenschaft und solidem Wirtschaften Erfolg haben kann. Dass er gemeinsam mit Willner den Laden »Unverpacktes Gießen« eröffnet hat, hat zwei Gründe: Zum einen mussten sie als Verbraucher in andere Städte fahren, um ein solches Geschäft zu finden. Zum anderen bietet Gießen als studentisch geprägte und liberale Stadt Potenzial, dass ein solcher Laden langfristig Erfolg haben könnte.

Nach ihrem Bachelorabschluss eröffneten sie im Oktober 2018 das Geschäft. Am ersten Tag standen die Kunden in einer langen Schlange vor dem Laden. Mittlerweile haben Hey und Willner zwei fest angestellte Mitarbeiter, zwei Minijobber sowie zwei studentische Hilfskräfte. Zudem gab es Anfragen aus einer anderen Stadt, ob die beiden Gießener dort einen weiteren Laden eröffnen wollen. Die Pandemie hat diesen Plänen erst mal einen Riegel vorgeschoben. Was vielleicht gar nicht so wild ist: Denn für einen jungen Vater kann sich mit der Geburt seines Kindes einiges ändern: Hey sagt: »Es gibt mir zusätzlich Motivation, etwas bewegen und verändern zu wollen.« (khn)

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