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Stickelbroeck

Unter Dauerbeschuss

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Gießen (csk). Luft holen ist nicht. Also kaum. Eigentlich so gut wie nie. Nicht, wo Christian Hartmann ermittelt. Und schon gar nicht, wenn Klaus Stickelbroeck liest. In seinem Hauptberuf als Polizeibeamter schießt der Düsseldorfer Autor wahrscheinlich eher selten. Sobald er auftritt, gerät sein Publikum allerdings direkt unter verbalen Dauerbeschuss. Privatdetektiv Hartmann jagt mal wieder mehr oder weniger planlos einen Täter.

Während Stickelbroecks Krimifestival-Lesung bei Stadtfriseur Reinold am Montagabend jagt unterdessen eine Pointe die nächste und ein Wortspiel das andere. Dass die schicksalhafte Begegnung in "Blondes Gift" ausgerechnet im Schlafwagenabteil zustande kommt, kann insofern nur ironisch gemeint sein.

Das Malheur bahnt sich an. Hartmann lungert herum und macht, was ein Privatdetektiv halt den lieben langen Tag macht: Situationen einschätzen, Pläne entwerfen, Strategien erdenken. Da ruft Zugbegleiter Wolfgang "Lenny" Krawietz um Hilfe. Seine Gattin ahnt, dass er im Nachtexpress zwischen Münster und Paderborn fast jede Dienstfahrt für sexuelle Abenteuer nutzt, ratternde Uraltschienen (besser als jede Waschmaschine!) inklusive. Ausgerechnet während Frau Krawietz im Zug patrouilliert, wartet jetzt das Blind Date mit Jenny, Spitzname "Blondes Gift". Hartmann bespaßt kurzerhand, aber mit langem Atem als falscher Schaffner die Lady; die verschwindet wenig später auf mysteriöse Weise - plötzlich haben wir einen veritablen Fall.

Einen veritablen Comedy-Standup liefert Stickelbroeck zu Beginn der Lesung. Vorab plaudert er hier etwas über die Hauptfiguren im mittlerweile siebten Hartmann-Krimi: Die zwei Meter große Prostituierte "Regenrinnen-Rita" und der altersteilinvalide "Huren-Heinz" gehören dazu, Angie, Krake und der Schnüffler selbst. "Ein netter Kerl" sei dieser Christian, sagt Stickelbroeck.

Leider vergesse der Typ ständig, dass das mit dem Privatdetektiv-Dasein "alles nicht so einfach ist". Nun ja, "und es wird auch nicht besser", findet der Autor, der seinem Helden vor lauter Mitleid gern zur Seite springen würde: "Ich weiß ja schließlich, was kommt."

Dem Techtelmechtel in Abteil sechs folgen unter anderem Ermittlungen in einem Callcenter und der "Datingörtlichkeit" von "Huren-Heinz". Zum Finale der 75-minütigen Lesung präsentiert Stickelbroeck dann den Showdown - Schauplatz hier: irgendein gottverdammter Düsseldorfer U-Bahn-Schacht. Natürlich bleibt Hartmann darin zwischenzeitlich stecken, selbstverständlich rutscht er gerade noch rechtzeitig aus der Engstelle heraus und logischerweise wirkt all dies bloß wie der einzig angemessene Anlauf zu einem wirklich großen Coup. Aber das Licht im Schacht, das wird gar nicht heller. Es ist in Wahrheit die U79!

Bis auf den Seltersweg hört man die Lacher des Publikums, und zwar buchstäblich im Minutentakt. Atemlos und energiegeladen, stets in breitem rheinischem Dialekt, durchleidet Stickelbroeck sämtlicheTollpatschigkeiten mit seinem Titelhelden. Was die Sprache betrifft, lässt Louis de Funès dabei immer wieder grüßen. "Nein!" - "Doch!" - "Wahnsinn!", heißt am Montag so ein klassisch stickelbroecksches Dialogstakkato. Den Krimifans gefällt’s. Zur Belohnung gibt es Autogramme. Und Häppchen. Bei allem Spaß war das Ganze nämlich auch anstrengend. Was? Ja! Macht aber nix! (Foto: csk)

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