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Von Tschernobyl bis Corona

Die unsichtbare Gefahr

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Spielplätze werden gesperrt, die Sportler stellen ihren Wettkampfbetrieb ein, in der Bevölkerung herrscht tiefe Verunsicherung. Manches an der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl 1986 erinnert an heute.

Anfang Mai 1986: Ich und mein Kumpel aus der WG in der Neustadt brechen zum Kicken in die Wieseckaue auf. Jeden Mittwoch treffen sich dort Studenten zum Fußballspielen. Es hat geregnet, die Sonne kommt raus, ein schöner Tag. Aber Gießens größtes Naherholungsgebiet ist menschenleer. Es herrscht Endzeitstimmung. In der klaren Luft liegt - wie heute - eine Gefahr, die man weder sehen, riechen oder hören kann.

Was war geschehen? Am 26. April 1986 war in der Ukraine der Atomreaktor Tschernobyl explodiert. Nachdem Ostwind und Regen wenige Tage nach der offiziellen Bestätigung des Unglücks aus Moskau auch in Mittelhessen für erhöhte radioaktive Werte sorgten, veränderte sich der Alltag dramatisch. Zu Beginn des Wonnemonats Mai bot sich in und rund um Gießen ein gespenstisches Bild: verlassene Spiel- und Sportplätze und eine menschenleere Wieseckaue. Den ersten Versicherungen von Wissenschaftlern, es bestehe keine akute Gefahr für die Bevölkerung, folgten überhöhte Messwerte und große Verunsicherung. Was dürfen wir noch essen, wann die Kinder zum Spielen vor die Tür lassen? Die wichtigsten lokalen Ereignisse der ersten zwei Wochen nach dem GAU im Osten hat die GAZ noch einmal zusammengestellt.

Dienstag, 29. April 1986: Die GAZ meldet auf der ersten Seite: "Sowjetunion bestätigt Unglück in Atomkraftwerk." In dem Agenturtext heißt es weiter: "In einem Atomkraftwerk der ukrainischen Stadt Tschernobyl nördlich von Kiew hat sich ein Unglück ereignet, von dem auch Menschen betroffen worden sind."

Mittwoch, 30. April: Einen Tag nach der offiziellen Bestätigung aus Moskau wird das wahre Ausmaß der Katastrophe bekannt. Die Agenturen sprechen von einem "Super-GAU", einem "durchgeschmolzenen Reaktorkern" und "2000 Toten". Die Bundesregierung schließt einen vergleichbaren Unfall in einem deutschen Atomkraftwerk aus. Der Gießener Physiker Prof. Arthur Scharmann gibt Entwarnung für die deutsche Bevölkerung. Es gebe keinen Anlass zur Besorgnis, so Scharmann, der ein ähnliches Unglück in der Bundesrepublik praktisch für ausgeschlossen hält.

Samstag, 3. Mai: Landrat Rüdiger Veit schließt eine akute Gefährdung der Bürger im Landkreis Gießen aus. Helfer des Katastrophenschutzes messen täglich an verschiedenen Stellen im Kreisgebiet die Radioaktivität. Am 2. Mai wurde auch auf dem Schiffenberg gemessen: "Dabei war ein Abklingen der Luftbelastung gegenüber dem Vortag festgestellt worden", hieß es. Der Fachbegriff Becquerel, der die radioaktive Belastung beschreibt, ist seit Anfang des Monats Mai in aller Munde.

Montag, 5. Mai: Regenfälle sorgen für eine stärkere Belastung der Böden. Das hessische Sozialministerium rät, Kinder sollten nicht im Sand spielen, Vieh nicht auf die Weide gelassen werden und bei Regen der Spaziergang im Freien besser ausfallen. In Gießen ergeben radioaktive Messungen auf Spielplätzen erhöhte Werte. Bürgermeister Lothar Schüler empfiehlt: "Kinder nicht im Sandkasten spielen lassen." Nach Rücksprache mit dem Strahlenzentrum der Universität rät Schüler ferner, auf den Verzehr von frischem Blattgemüse zu verzichten und den Gartenfreunden, das in Tonnen aufgefangene Regenwasser nicht in den Gärten zu verwenden. Die Milchzentrale Gießen versichert, es komme nur unbedenkliche Frischmilch zur Auslieferung.

Dienstag, 6. Mai: Der Magistrat lässt sämtliche Spielplätze im Stadtgebiet sperren. Grund laut Umweltdezernent Ekkehard Dammann: "Die Gefahr der dauernden Schädigung durch Radioaktivität ist zu groß." Gesperrt sind auch sämtliche Sportplätze, der Spiel- und Trainingsbetrieb der heimischen Fußballer, Tennisspieler, Leichtathleten und Surfer kommt zum Erliegen. Dammann rät ferner, das Autofahren zu meiden, da durch die Lüftung kontaminierter Staub ins Fahrzeuginnere gedrückt werde. Auch in Gießen spricht jedermann von Jod 131 und Caesium 137.

Alle reden über Becquerel

Mittwoch, 7. Mai: In Gießen werden bei Bodenmessungen 7000 Becquerel pro Quadratmeter gemessen. Der Wert liegt doppelt so hoch wie der Grenzwert. Folge: Sport- und Spielplätze bleiben gesperrt. 100 Schüler der Gesamtschule Ost brechen aufgrund der hohen Werte einen mehrtägigen Ausflug in den Vogelsberg ab. Deutlich wird, dass der lokalen Politik und Verwaltung klare Vorgaben von oben fehlen und dadurch sich widersprechende Verhaltensmaßregeln veröffentlicht werden.

Freitag, 9. Mai: Oberbürgermeister Manfred Mutz teilt mit, dass zur Wochenmitte deutlich erhöhte Werte an Caesium 137 gemessen wurden. Eine Umfrage auf dem Gießener Wochenmarkt kommt zu dem Fazit: "Salat und Spinat derzeit nicht gefragt." Ein Marktbeschicker: "Die Verbraucher sind total verunsichert."

Samstag, 10. Mai: Die Gießener Sportvereine können ihre Hartplätze benutzen, Rasen- und Spielplätze bleiben geschlossen. RP und Staatliches Schulamt weisen an, dass Schüler während und nach Regenfällen im Gebäude bleiben müssen. Bürgermeister Schüler begibt sich auf einen "demonstrativen Markt-Einkauf". Er will etwas für "unseren Wochenmarkt tun, denn was dort angeboten wird, ist akzeptabel", sagt Schüler.

Ende Mai: Die Strahlenbelastung im Kreis Gießen ist auf einen Normalwert von 3000 Bequerel gesunken. Die GAZ bilanziert nach einer Teilentwarnung der Behörden: Alle Gemeinden öffnen wieder die Sportplätze. Die Spielplätze in Gießen, Biebertal, Heuchelheim, Lich, Wettenberg und Lollar bleiben vorerst geschlossen.

Landrat Rüdiger Veit übt heftige Kritik an Politik und Wissenschaft, die "wenig Hilfreiches" geboten hätten. "Ich wage nicht daran zu denken, was uns in unserer Hilflosigkeit passiert wäre, wenn tatsächlich gesundheitsgefährdende Mengen auf uns niedergegangen wären".

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