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Performancekünstlerin Nezaket Ekici hält in ihrer linken Hand das Buch mit postum herausgegebenen Gedichten ihres Vaters (auf türkisch). FOTO: DKL

"Unser Name ist Ausländer"

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Der Neue Kunstverein Gießen zeigt Nezaket Ekicis Rauminstallation "Beschriebenes Blatt". Für die Migrationsstadt Gießen hat die Künstlerin diese dreiteilige Videoarbeit ausgewählt, erweitert durch eine Handschrift und Familien-fotografien.

Nezaket Ekici kommt gerade aus Istanbul, wo sie nach längerer Zeit wieder mit ihrer Professorin, der weltbekannten Performance-Künstlerin Marina Abramovic, zusammenarbeitete. Im Rahmen einer großen Solo-Ausstellung bietet Abramovic drei Monate lang jeden Tag Performances. Nezaket Ekici war zehn Tage dabei. "Das war sehr anstrengend, aber auch bewegend. Für die Türkei ist es das erste Mal, dass die Menschen so etwas miterleben können."

Ekici hat schon weltweit und in bekannten Kunstinstitutionen ausgestellt. Sie hat zahlreiche Performances erarbeitet und einige mit den Menschen vor Ort durchgeführt, sei es im Sauerland oder mit afrikanischen Flüchtlingen auf Sardinien. Die Videos auf ihrer Homepage geben einen Eindruck davon.

Nun also der kleine Ausstellungsraum des Kunstvereins. Für die Migrationsstadt Gießen hat sie die dreiteilige Videoarbeit "Beschriebenes Blatt" von 2016 ausgewählt, erweitert durch eine Handschrift und Familienfotografien. Die Installation zeigt die Beschäftigung mit ihrer eigenen Herkunft. Ihr Vater kam 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland, nach Duisburg-Meiderich. Er holte die Familie drei Jahre später nach. Nezaket war drei Jahre alt und dennoch hat sie das Gefühl, hier nie richtig angekommen zu sein. "Es gab keine Integration damals. Die türkischen Kinder wurden in eine separate Klasse gesteckt und von einer deutschen Lehrerin unterrichtet. Wir haben weder Deutsch noch Türkisch richtig gelernt."

Aber sie war ehrgeizig, lernte fleißig und absolvierte nach einer Ausbildung zur Druckformherstellerin in München auch noch die Studiengänge Kunstpädagogik, Bildhauerei und Performance, jeweils mit Abschluss. Dann schloss sie 2004 auch noch als Meisterschülerin bei Abramovic an der HBK Braunschweig ab. Das gelingt nicht vielen.

Als 2011 der 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens in Istanbul mit einer großen Ausstellung begangen wurde, war Nezaket Ekici als Künstlerin geladen. Hier trug sie zum ersten Mal auf Türkisch und Deutsch die Gedichte ihres Vaters vor, die dieser in den 1980er Jahren geschrieben hatte. "Ich habe mich als Kind nicht dafür interessiert. Als er 1995 starb, da war ich erst 24 Jahre alt. Ich habe ihn nie befragen können zu seinen Erfahrungen."

Aber dass der Vater sich nicht wohlfühlte in Deutschland, das habe sie gespürt, obwohl er wieder als Lehrer arbeiten konnte. Ihre Mutter und eine ihrer Schwestern sind nach seinem Tod in die Türkei zurückgekehrt. Diese beiden haben 2008 für die Veröffentlichung der Gedichte gesorgt: "Balik Bastian Kokar/ Der Fisch stinkt vom Kopf her". Wenn sich eine Finanzierungsmöglichkeit findet, sagt Nekazet Ekici, dann würde sie die Gedichte gern auf Deutsch, vielleicht künstlerisch gestaltet, publizieren.

Bis dahin zeugt das dreisprachige Video von "Papa’s Poem". Sie trägt das Gedicht nicht einfach vor, sie performt es mit Körpereinsatz, wodurch es sehr intensiv und emotional rüberkommt. Der Kontrast ist verstärkt durch ein braves Schulkleid, das sie im Video trägt. "Das ist echt, ich habe es in einem Istanbuler Secondhand-Laden gekauft." Die Übersetzung hat sie selbst gemacht, "so wie ich das türkische Original meines Vaters verstanden habe". Im Kunstverein hat sie das Gedicht zusätzlich in türkischer Sprache auf die dunkelgrau gestrichene Wand geschrieben, mit weißer Kreide. "Das schlägt den Bogen zur Schulzeit. Es passt wunderbar." Und bringt vielleicht andere Besucher als üblich.

Fast beklemmend ist die Aktualität dieses Gedichts "Eingebildeter Europäer" von 1983. "Unser Name ist Ausländer, Gastarbeiter. Wo ist die Freiheit, wo ist die Demokratie, wo sind unsere Rechte? Als ob wir Menschen fremder Welten sind, du selbstverliebter, eingebildeter Europäer."

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