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Auf den Steinen am Kirchenplatz sind Namen von Menschen eingraviert, die mit HIV gestorben sind. Holger Kleinert macht sich wegen seiner Infektion keine Sorgen. FOTO: SCHEPP

Ein unkonventionelles Leben

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Holger Kleinert ist ein prägendes Gesicht der Gießener Aidshilfe. Er kennt die Sorgen der Hilfesuchenden, da er selbst HIV positiv ist. Die Infektion scheint den 59-Jährigen aber nicht sonderlich zu stören. Er weiß, dass HIV heute sehr gut behandelbar ist.

Holger Kleinert trägt die Haare grau. Das ist ungewöhnlich. Der 59-Jährige ist schließlich bekannt für seine farbenprächtigen Frisuren, die jeden Regenbogen in den Schatten stellen würden. "Meine Kopfhaut hat allergisch reagiert. Außerdem ist mein Friseur umgezogen" , erklärt Kleinert. Er hat dabei ein Lächeln auf den Lippen, das einem kleinen Jungen gehören könnte. Offen, aufrichtig, spitzbübisch. Das zeigt Kleinert fast immer, selbst bei ernsten Themen. Zum Beispiel seiner HIV-Infektion.

Es wäre eine maßlose Untertreibung, Kleinerts Lebensentwurf als unkonventionell zu bezeichnen. Er ist mit zwei Männern liiert, traf sich bis vor kurzem aber auch regelmäßig mit anderen. "Ich bin sexuell sehr aktiv. Auch wenn das mit dem Alter ein kleines bisschen nachlässt", sagt Kleinert lachend. Seine eloquente Art und die gewählte Ausdrucksweise kollidieren mitunter mit den pikanten Details, die er ohne Scham zum Besten gibt. Kleinert ist ein Mensch, der nichts verschweigt. Das hat er in seinem Leben lange genug getan.

1960, im nordhessischen Gudensberg: Kleinert wird als drittes von vier Kindern geboren. Zusammen mit den Eltern - der Vater schafft wie fast alle Männer der Region im VW-Werk in Baunatal, die Mutter verdient ihr Geld bei der Stadt - und den drei Schwestern wächst Kleinert in einem idyllischen Umfeld auf. "Das hatte etwas von Bullerbü", wie er sagt. Wenn er nach der Schule nach Hause kam, pfefferte er den Ranzen in die Ecke und kehrte erst abends, wenn die Kirchenglocken läuteten, nach Hause zurück. Später gründete er mit Freunden einen Jugendclub und engagierte sich politisch. Außerdem entdeckte er die Pädagogik für sich. "Ich war der erste hessische Junge, der ein Praktikum in einem Kindergarten machte." Was Kleinert seinerzeit schon weiß, die anderen aber nicht: Zu Männern fühlt er sich stärker hingezogen als zu Frauen. "Damals hätte ich aber niemals dazu stehen können", betont er. Stattdessen geht Kleinert Beziehungen mit Frauen ein. In der Hoffnung, die homosexuellen Gefühle würden dadurch verschwinden. Kleinert sollte 22 Jahre alt werden, bis er endlich den Mut aufbrachte, sich zu outen.

Fast wäre Kleinert Pfarrer geworden

Zu jener Zeit lebte er schon in Marburg. Das Studium hatte ihn in Gießens Nachbarstadt verschlagen. Er studierte, und das lässt den 59-Jährigen heute noch schmunzeln: Evangelische Theologie. Kleinert als Pfarrer? "Ich habe mich in der Jugend in der progressiven evangelischen Gemeinde in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert", erklärt er. Es dauerte eine Zeit, bis er begriff, dass sein fehlender Glaube mit dem Studium nicht vereinbar war. Also sattelte er um auf vergleichende Religionswissenschaften. Aber auch dieses Studium brach er ab. Er engagierte sich damals schon stark in der Sozialarbeit, zum Beispiel im Marburger Verein zur Förderung der Integration behinderter Menschen. "Ich habe irgendwann so viel gearbeitet, dass für das Studium keine Zeit mehr blieb."

Es ist das Jahr 1983, als Kleinert beschließt, seine Homosexualität nicht länger leugnen zu wollen. Also gibt er eine Kontaktanzeige auf. Er sucht ihn. Ein gewisser Hans-Georg meldet sich. "Ich wusste sofort, dass er der Richtige ist." Kleinert sollte recht behalten. Die beiden sind seit 37 Jahren ein Paar, 2011 haben sie sich offiziell verpartnert.

Eine junge Stadt, ein tolerantes Umfeld, der erste Freund: Für Kleinert war die Zeit des Coming-Outs gekommen. Und er wollte, dass seine Eltern es von ihm erfahren. Also lud er sie nach Marburg ein. Kleinert musste seinen ganzen Mut zusammenbringen, doch am Ende des Tages lüftete er sein Geheimnis. "Sie haben recht cool reagiert", erinnert er sich. "Mein Vater sagte, er hätte es sich ohnehin schon gedacht."

Die Akzeptanz war dauerhaft. Vor allem, weil Kleinert 37 Jahre lang mit dem gleichen Mann auftrat. Was die Eltern nicht wussten: Hans-Georg war zwar der feste Partner ihres Sohnes. Aber beileibe nicht der einzige Mann in seinem Leben. Kleinert nimmt kein Blatt vor den Mund: "Wir haben unsere Beziehung geöffnet. Ich hatte viel Sex mit anderen Männern." Und mindestens einer von ihnen trug das HI-Virus in sich.

Seit 2008 mit HIV infiziert

Kleinert hat sich 2008 angesteckt. Er weiß nicht bei wem, und darüber ist er froh. "Dadurch verbinde ich kein Gesicht mit dem Virus." Die Infektion hat ihn auch nicht aus der Bahn geworfen. "Ich weiß, man kann das Virus in Schach halten. Außerdem ist erwiesen, dass medikamentös eingestellte Positive niemanden anstecken können. So gesehen bin ich einer der sichersten Sexualpartner." Seine Infektion hat er daher auch nie verschwiegen. "Ich wollte es nicht wie bei meinem Coming-Out machen und es jahrelang in mich hineinfressen."

Kleinert weiß viel über HIV. Nicht nur, weil er selbst betroffen ist, sondern auch, weil er seit Jahren für die Aidshilfe arbeitet. Auch schon, als er sich infiziert hat. Für viele Menschen passt das nicht zusammen: Wie kann das einem Mann passieren, der so gut informiert ist? Kleinert zuckt mit den Schultern: "Das Virus hat sich eben einen intelligenten Weg ausgesucht, sich zu verbreiten. Nämlich dann, wenn der Mensch das Hirn abschaltet." 98 Prozent der Menschen infizieren sich beim Geschlechtsverkehr.

Kleinert sitzt an diesem Morgen in der Walltorstraße 3. Jenem Ort, an dem mehrere Gießen Gruppen und Initiativen zusammenarbeiten. Als Vertreter der Aidshilfe beteiligt er sich etwa an der Straßenzeitung "Gießener Schwätzer". Sein Engagement bei der Aidshilfe umfasst aber wesentlich mehr, er ist schon über 20 Jahre für sie im Einsatz. Und Kleinert hat in der Beratung echte Pionierarbeit geleistet.

"Ich glaube, ich bin der erste, der Onlineberatungen angeboten hat. Vielleicht sogar weltweit", sagt Kleinert und erzählt, sich Ende der 90er Jahre in homosexuellen Chaträumen als Vertreter der Aidshilfe eingeloggt zu haben, um aufzuklären. "Die Schwulen hatten früh soziale Netzwerke. Sie konnten ja nicht einfach in die nächste Kneipe gehen, um Gleichgesinnte zu treffen."

Anfangs hätten die User den Auftritt jedoch als übergriffig empfunden, quasi als mahnenden Zeigefinger an einem Ort, der in erster Linie zum Flirten gedacht war. Mit der Zeit hätten die Anfragen aber bewiesen, dass die Vorgehensweise richtig gewesen sei.

Kleinert geht also einer wichtigen Arbeit nach. Er macht das mit viel Leidenschaft und Herzblut, ein Aktivist im besten Sinne. Die Kraft dafür tankt er mit seinem Mann in dem idyllisch gelegenen Häuschen am Rande von Butzbach. Es liegt in einem Wasserschutzgebiet, weshalb es dem Paar lange Zeit untersagt war, das Gebäude umzubauen. "Wir haben jahrelang ohne Wasser und Strom gelebt. Die Campingindustrie hat uns dabei sehr geholfen", sagt Kleinert lachend. Die Zeiten, in denen er im Schwimmbad duschen musste, sind seit einer neuen EU-Gesetzgebung jedoch vorbei. Inzwischen ist das Häuschen sowohl an Strom- als auch Wasserleitungen angeschlossen.

Kleinert schläft aber nicht immer in Butzbach. Sondern auch bei Jörg. "Ich hatte immer Angst, dass ich mich mal in einen anderen Mann verliebe", sagt er, "vor zwei Jahren ist es passiert." Die innige Verbundenheit zu seinem Mann habe sich dadurch aber nicht verändert. Die drei Männer haben es geschafft, einen gemeinsamen Weg zu finden. Das zeigt: Auch mit grauen Haaren kann das Leben ziemlich bunt sein.

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