24-Stunden-Dienste verlangen von Krankenhausmitarbeitern einiges ab. FOTO: DPA
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24-Stunden-Dienste verlangen von Krankenhausmitarbeitern einiges ab. FOTO: DPA

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Uniklinkum Gießen: So ist der 24-Stunden-Dienst wirklich - Schlupfloch im Arbeitsrecht

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Aus Krankenhäusern sind 24-Stunden-Dienste nicht wegzudenken; Patienten müssen schließlich rund um die Uhr versorgt werden. Eine Ärztin erzählt, wie solche Dienste ablaufen, wo die Schwierigkeiten liegen - und wann selbst starker Kaffee nicht mehr beim Wachbleiben hilft.

Genauso wie viele ihrer Kollegen auch, brenne sie für ihren Beruf, sagt Jasmin Alabi, Ärztin am Uniklinikum Gießen. "Aber gleichzeitig gibt es Momente, da bin ich kurz vorm Ausbrennen." Die etwa 40 Jahre alte Frau, die nicht wirklich Jasmin Alabi heißt, hat sich ganz bewusst dafür entschieden, 24-Stunden-Dienste zu leisten. "Wir machen hier Spitzenmedizin und wollen Patienten helfen", betont sie, "aber es kann auch wahnsinnig anstrengend sein." Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen - oder wenn Patienten wegen Wehwehchen die Verfügbarkeit von Ärzten rund um die Uhr auch nachts ausnutzen.

Wer einen 24-Stunden-Dienst leistet, muss sich vorher bewusst dafür entscheiden. Die wöchentliche Arbeitszeit darf laut europäischem Arbeitszeitgesetz 48 Stunden nicht überschreiten - Überstunden eingeschlossen. Wenn ein Arzt einen 24-Stunden-Dienst in der Woche leistet, kann er auf eine Wochenarbeitszeit von über 60 Stunden kommen. Laut einer Umfrage des Marburger Bundes arbeitet rund ein Drittel der angestellten Mediziner in den kommunalen Krankenhäusern 60 bis 79 Stunden pro Woche. Möglich macht dies das "Opt-out". Es ist ein Schlupfloch im Arbeitsrecht, wonach sich der Arbeitnehmer vertraglich dazu bereiterklärt, mehr als 48 Wochenstunden zu arbeiten.

Uniklinikum Gießen: Kaffee und Disziplin

Auch Alabi hat von "Opt-out" Gebrauch gemacht. "Weil ich dafür studiert habe, Patienten behandeln will und lerne, an meine Grenzen zu gehen." Zwei bis fünfmal im Monat übernehme sie einen 24-Stunden-Dienst, erzählt sie. Es komme immer auf die Dienstgruppe und auf den Krankenstand an. Generell habe sie immer Zahnbürste und -pasta dabei, falls sie spontan für Kollegen einspringen muss.

Alabi hat einen 24-Stunden-Dienst akribisch dokumentiert. Er beginnt frühmorgens mit dem Weckerklingeln und dem Eintreffen im Krankenhaus wenig später. Dann arbeitet sie mit Pausen bis 18.15 Uhr, bis ihre sogenannte Dienstzeit beginnt. Die dauert bis 7.30 Uhr am nächsten Tag. Entspannen kann Alabi aber nicht; sie arbeitet bis 1 Uhr durch und kann sich erst dann auf ihr Zimmer zurückziehen. Um 3 Uhr klingelt ihr Telefon, sie muss wieder raus auf die Intensivstation. Erst am frühen Morgen kehrt sie in ihr Zimmer zurück und legt sich hin. Wenig später klingelt Alabis Wecker; kurz danach ist Feierabend - oder -morgen. In dieser Nacht hat sie acht Patienten betreut. Die Zahl sagt aber nichts über die tatsächliche Arbeitsbelastung aus: "Es können auch weniger, dafür aber betreuungsintensivere Fälle sein." Die Ärztin sagt, dass solche Dienste die Regel seien. "Wir predigen unserer Patienten, auf sich Acht zu geben", sagt sie, "sich auszuruhen und Pausen zu machen. Aber wir halten uns selbst nicht an unsere Ratschläge."

Wie schafft man es, wach und konzentriert zu bleiben - mit wenig Schlaf? Viel Kaffee, klar, "aber irgendwann hilft der auch nicht mehr", sagt Alabi und lacht. Nötig seien Disziplin und Ressourceneinteilung. Außerdem setze es Kraft und Energien frei, wenn sie einen Patienten behandelt habe. Nur: Irgendwann klappt nichts mehr. "Wenn ich nachts nach zwei Stunden Dösen geweckt werde, sitze ich auch mal schwitzend, frierend und zitternd da und weiß für ein paar Sekunden nicht, wo ich bin", erzählt Alabi. "Die Anspannung aber holt einen schnell wieder zurück. Du funktionierst einfach."

Umso ärgerlicher, wenn Ärzte dann nachts wegen eines Patienten geweckt werden, der über Rückenschmerzen klagt - die er bereits seit sechs Wochen spürt. Oder Patienten, die wegen kleineren Problemen vorstellig werden, aber es verpasst haben, wenige Stunden vorher zum Hausarzt zu gehen. "Die Verfügbarkeit rund um die Uhr wird manchmal missbraucht", sagt Alabi. Auch solche Fälle binden Kapazitäten - und verbrauchen Energie, die vielleicht später viel nötiger wäre.

Man merkt Alabi an, dass sie keine Generalabrechnung mit ihrem Arbeitgeber sucht. Sie sagt, die Stimmung und das Vertrauen in solchen Diensten in der Gruppe sei sehr hoch. "Es wird anerkannt, was wir machen." Jedoch gebe es viele offene Fragen, die für immer mehr junge Ärzte eine Rolle spielten: Flexiblere Dienste zum Beispiel, die Frage der Kinderbetreuung, geregelte Pausen, bessere räumliche Rahmenbedingungen oder die Dokumentation von Diensten. All das sei vielen wichtiger als ein höheres Gehalt.

Uniklinkum Gießen: Weibliche Medizin

Mit Bedauern beobachtet sie, dass Kollegen mit einem hohen Ausbildungsstand kündigen, "weil sie es nicht mehr schaffen". Für manche - männliche - Vorgesetzte sei das nicht nachvollziehbar. Alabi betont: "Die Medizin ist aber deutlich weiblicher geworden, deshalb ändern sich die Bedingungen." Es gebe nunmal nicht mehr nur Männer, die Zeit für ihre Karriere hätten, weil ihnen die Ehefrau zu Hause den Rücken freihalte. "Damit ich in der Klinik gut arbeiten kann, brauche ich ein gutes Restleben", sagt Alabi.

Dafür seien neue Ideen und Konzepte nötig, glaubt die Ärztin. Wann muss ein Patient sofort behandelt werden - und wann kann man noch warten? Wie verhält es sich mit dem Personalschlüssel? Könnten flexible Dienste eine Lösung sein? All das diskutieren auch andere Kliniken. Doch die große, alle Seiten zufriedenstellende Lösung hat bisher noch keiner gefunden.

UKGM: Keine Stellungnahme

Die 24-Stunden-Dienste sind Gegenstand der noch immer laufenden Tarifverhandlungen. Deshalb wollte sich die Uniklinik Gießen (UKGM) auf Anfrage dieser Zeitung nicht zu dem Thema äußern. Wir fragten unter anderem, wer solche Dienste übernimmt, wie sie konkret aussehen, wie viele im Durchschnitt monatlich von Ärzten gemacht werden oder welche Ideen es für neue Dienstmodelle gibt.

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