Darf ein Fachbereichsrat wählen oder "nur abstimmen"? Diese Frage sorgt für Unruhe hinter den Kulissen des Philosophikums I der JLU. FOTO: SCHEPP
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Darf ein Fachbereichsrat wählen oder "nur abstimmen"? Diese Frage sorgt für Unruhe hinter den Kulissen des Philosophikums I der JLU. FOTO: SCHEPP

Uni-Gremium "entmündigt"?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Es rumort im Fachbereich Sprache der JLU. Der Dekan wurde nicht wiedergewählt, weil einige Mitglieder des Fachbereichsrats den Raum verließen. Das sei Zufall gewesen, sagt Unipräsident Mukherjee. Doch hinter dem Boykott steckt Ärger über ihn - und wohl auch über den Dekan.

Die Diskussion war emotional, die Auseinandersetzung aber bemüht um die Klärung einer außergewöhnlichen Situation. Als die Wahl beginnen soll, verlassen einige Mitglieder des Fachbereichsrats den Raum. So sorgen sie für Beschlussunfähigkeit. Folge: Der Dekan des Fachbereichs "Sprache, Literatur, Kultur" der Justus-Liebig-Universität kann nicht wiedergewählt werden. Diesen ungewöhn- lichen Vorgang kommentiert JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee auf GAZ-Anfrage so: "Das Präsidium geht nicht davon aus, dass das ein planvolles Handeln gewesen ist." War es wirklich nur ein unglücklicher Zufall, der die Wahl verhinderte?

Nein, sagen Insider, mit denen die GAZ über die Sitzung am 24. Juni und die Hintergründe gesprochen hat. Es rumore schon länger im Fachbereich 05. Akut entzündet sich der Zorn mancher Wahlberechtigter daran, dass Mukherjee eine zweite Kandidatin nicht zur Wahl zugelassen hat. Dahinter stecke indes auch Unzufriedenheit mit dem Amtsinhaber Prof. Thomas Möbius, sagen mehrere Informanten einstimmig.

Der Literaturwissenschaftler Möbius führt seit drei Jahren den Fachbereich und hat in dieser Zeit eine umfassende Strukturreform verantwortet. Denn der einst überlaufene FB 05 mit den Fächern Germanistik, Anglistik, Romanistik, Slavistik und Angewandte Theaterwissenschaften hat seit geraumer Zeit mit einem Bedeutungsverlust zu kämpfen. Unter Möbius’ Leitung wurden neue Studiengänge mit stärkerer Berufsbezogenheit konzipiert (ein detaillierter Bericht folgt).

Ob im Zusammenhang mit oder unabhängig von diesem Umbau: Kritik an der Amtsführung des Dekans soll im Fachbereichsrat mehrfach geäußert worden sein, auch schriftlich. Mit großer Mehrheit hat das Gremium dennoch den Wahlvorschlag für Möbius befürwortet. Allerdings stimmte es in der gleichen Sitzung ebenso deutlich für eine Gegenkandidatur der Sprachwissenschaftlerin Prof. Mathilde Hennig.

Zwei Bewerber um einen Dekanposten sind selten. "Normalerweise ist man froh, wenn man jemanden überreden konnte", sagt ein Kenner. Mukherjee bestätigt: In seiner elfjährigen Amtszeit habe er erst einmal erlebt, dass es zwei Kandidaten gab. "Das war in der Medizin, Hintergrund war eine spezielle Situation im Dekanat." Damals habe er beide zugelassen.

Zwei Kandidaten gibt es fast nie

Diesmal jedoch machte der Unipräsident Gebrauch von der Macht, die ihm das Hessische Hochschulgesetz im Paragrafen 45 einräumt: Er lehnte Hennig ab. Damit brachte Mukherjee nach GAZ-Informationen etliche Mitglieder des Fachbereichsrats gegen sich auf. Sie fühlen sich "entmündigt" - mit dieser Begründung zogen sie aus dem Saal und ließen die Wahl platzen.

Kritik gebe es nach seiner Wahrnehmung, sagt Mukherjee, nicht primär am Präsidenten, sondern an den Bestimmungen des Gesetzes. Er lehne nicht prinzipiell andere Personen ab, sondern setze auf "Verantwortungskontinuität". Es sei sinnvoll, dass ein Dekanat unter Möbius’ Leitung nach der Studiengangsreform in den nächsten drei Jahren die Umsetzung betreut. Kritik an Möbius sei bei ihm nicht angekommen. Auch dieser Wahlvorschlag habe im Fachbereichsrat ja eine sehr große Mehrheit gefunden.

An der JLU sei es "Tradition", dass ein Kandidat vorgeschlagen wird, dem der Präsident im Sinne einer "doppelten Legitimation" gemäß Gesetz zustimmt, so Mukherjee. Seine Begründung habe er dem Fachbereichsrat schriftlich geliefert. In einer Sondersitzung am 9. September wolle er seine Position vertieft erläutern.

Ein Kritiker meint indes, Mukherjee hätte nicht eingreifen müssen. "Es geht um die politische Beteiligungskultur." Hennig möchte sich zum laufenden Verfahren nicht öffentlich äußern.

Möbius zeigt sich "erstaunt", als die GAZ ihn auf Vorbehalte gegen seine Person anspricht: "Davon weiß ich nichts." In dem zweijährigen Reformprozess seien mit Vertretern aller Fächer zahlreiche Gespräche geführt worden. "Die kontroverse Diskussion gehört in der Wissenschaft dazu."

Das Dekanat selbst habe den Fachbereichsrat im April gebeten, sich umzuhören, ob noch jemand kandidieren will. Zum Ablauf der Sitzung könne er wenig sagen, weil er nicht im Raum war, als die Wahl aufgerufen wurde.

Möbius’ Amtszeit endet am 30. September. Mukherjee sagt, er sehe aktuell keinen Anlass, Hennig doch noch als Kandidatin zuzulassen. Nach dem 9. September werde "der Fachbereichsrat sicherlich klug entscheiden, wie es weitergeht".

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