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Eine der drei Anlagen befindet sich am Durchgang zwischen Uni-Aula und dem ehemaligen Physikalisch-Chemischen Institut.

Gegen Vandalismus und Drogen

Gießen: Uni verscheucht jugendliche „Störer“ mit Hochtönen – „Erwachsene“ werden nicht behelligt

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Die Universität Gießen setzt rund um ihr Hauptgebäude Hochtonanlagen ein, die »Störenfrieden« den Aufenthalt auf dem Areal verleiden sollen. Das Vorgehen der JLU ist nicht unumstritten.

Gießen – Man muss schon sehr genau hinschauen, um die kleinen Kästen aus Metall an den Hauswänden auf dem innerstädtischen Campus-Areal der Justus-Liebig-Universität zu finden, die diesen nervtötenden Ton erzeugen. Jugendliche fühlen sich von dem Geräusch an das »Aufheulen eines Zahnarzt-Bohrers« oder das »Kratzen mit Fingernägeln an einer Tafel« erinnert, wenn sie sich ein paar Minuten auf dem Gelände aufhalten.

Für Erwachsene ist der Ton wegen der genutzten Frequenzen dagegen oft gar nicht zu hören. Doch für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis etwa 25 Jahre, also durchaus auch für Studierende, sei er »äußerst irritierend«, sodass sie sich »in kürzester Zeit entfernen und den Bereich meiden werden«. Das verspricht die »Mosquito Rhine Consulting Group«, die die Geräte seit 2016 in Deutschland vertreibt. Und, dass »Vandalismus und antisoziales Verhalten« durch die Töne verhindert werde, da Plätze damit »virtuell gesperrt« werden könnten.

Uni Gießen hat mittlerweile drei Anlagen installiert

Genau das will die Justus-Liebig-Universität mit den drei sogenannten Hochtonanlagen, die die Leitung der JLU in der Vergangenheit auf dem Areal hinter dem Uni-Hauptgebäude hat anbringen lassen, eigenen Angaben zufolge erreichen. »Wir mussten in den vergangenen Jahren leider immer wieder in bestimmten Bereichen im Universitätszentrum feststellen, dass es zu Vandalismus und Drogenkonsum sowie zu Situationen gekommen ist, in denen Beschäftigte angepöbelt wurden. Um dies zur Sicherheit und im Interesse unserer Beschäftigten und Liegenschaften zu vermeiden, setzen wir die Anlagen ein«, bestätigt Uni-Sprecherin Lisa Dittrich.

Die erste wurde bereits 2013 im Bereich der heute überdachten Fahrradständer installiert. »Dort hatten sich seinerzeit fast täglich Jugendliche zum Rauchen von Zigaretten und Joints getroffen. In diesem Zusammenhang wurden Wände beschmiert sowie Abfall und Scherben hinterlassen. Abends wurde diese Ecke auch als Toilette genutzt«, erklärt die Sprecherin.

Hochtonanlagen an der Uni Gießen: Vergleichbar mit Marderschreck

Mittlerweile hat die JLU zwei weitere Anlagen angeschafft. Am Aufzugturm des Hauses Bismarckstraße 16 sowie im Durchgang zwischen der Aula und dem Gebäude Goethestraße 55. Sie werden durch Bewegungsmelder - also auch tagsüber - aktiviert. Laut Universität haben sie einen Radius von etwa zehn Metern, nach 15 bis allerhöchstens 20 Metern sei nichts mehr zu hören. Anders als die JLU in einer Stellungnahme betont, sind die Töne aber auch im öffentlichen Raum zu hören, zum Beispiel in der Goethe- und der Bismarckstraße. Aber auch am Rand des neu geschaffenen Campushügels, der auf dem JLU-Gelände eigentlich zum Verweilen einladen soll. Das hat eine Recherche der GAZ ergeben.

Entwickelt wurde der Ultraschallstörsender »The Mosquito« 2005 in Großbritannien, um herumlungernde Teenager vor einer Bäckerei zu vertreiben. Seit 2006 ist die »Tinnitus-Attacke« (Spiegel-Online) auf dem Markt. Das System, das mit einem Marderschreck vergleichbar ist, generiert einen sehr hohen modulierten Ton, an den sich das Gehirn nicht gewöhnen kann. Im Gegensatz zu Lärmwaffen, die zum Beispiel von der US Army eingesetzt werden, bleibt die Hochtonanlage unterhalb der Dezibel-Schmerzgrenze.

Kritik an den Hochtönern – Diskriminierung befürchtet

»Es ist ein wirksames Abschreckungsgerät, welches bei Einhaltung der Installationsanweisung, keine physischen Schmerzen oder Schäden verursacht«, betont das vertreibende Unternehmen. Dies würden mehrere Gutachten stützen. In Großbritannien kritisierte der Kinderschutzbeauftragte der Regierung bei der Markteinführung, dass die Geräte alle jungen Leute, auch Kleinkinder, diskriminieren würden, egal ob sie sich danebenbenehmen oder nicht. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kam seinerzeit zur Auffassung, dass »keine völlige gesundheitliche Unbedenklichkeit bescheinigt« werden könne.

Für die JLU ist ohnehin zunächst das Ergebnis entscheidend: »Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Die negativen Begleiterscheinungen der Gruppenbildungen an den genannten Orten sind deutlich zurückgegangen«, fasst Pressesprecherin Dittrich zusammen. (Marc Schäfer)

Die Uni Gießen hat erst kürzlich entschieden, keine „To-Go-Menüs“ an der Mensa zu verkaufen. Auch diese Maßnahme ist umstritten.

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