Christian Drosten
+
2010 hielt Virologe Christian Drosten an der Uni Gießen einen Vortrag zu Coronaviren und Epidemien.

Rückblick

Vortrag an der Uni Gießen: „Gefährliches Versäumnis“ ‒ Christian Drosten bereits 2010 zu Coronaviren

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Christian Drosten ist in der Corona-Pandemie der gefragteste Virologe. Vor der unterschätzten Gefahr von Coronaviren warnte er schon vor zehn Jahren in Gießen.

  • Bereits vor zehn Jahren warnte Virologe Christian Drosten vor den Gefahren der Coronaviren für Menschen.
  • Im Wintersemester 2010/11 gab er eine Gastvorlesung an der JLU Gießen zum Thema „Seuchen“.
  • In seinem Vortrag kam Drosten zu dem Ergebnis, dass Coronaviren in Zukunft noch größere Pandemien als SARS hervorrufen könnten.

Gießen - Lange hielt die Fachwelt sie für harmlos. Doch Coronaviren könnten für den Menschen durchaus gefährlich werden. Davor warnte der Virologe Prof. Christian Drosten schon vor zehn Jahren in einem Vortrag an der Gießener Justus-Liebig-Universität (JLU).

Die Ringvorlesung des Universitätspräsidenten greift stets aktuelle bis zukunftsweisende Themen mit hochkarätigen Gästen auf. Beinahe prophetisch wirkt im Rückblick einiges von dem, was sechs Experten im Wintersemester 2010/11 über »Die großen Seuchen – Geißeln der Menschheit« zu sagen hatten. Das Interesse daran war groß in Gießen: Die 400 Besucher fassende Uni-Aula war meistens voll besetzt bis überfüllt.

Christian Drosten: SARS-Pandemie 2003 durch Coronaviren ausgelöst

»Lassen sich Epidemien vorhersagen?«, war Drostens Beitrag überschrieben. Der Virologie-Chef der Berliner Charité, der im Coronajahr 2020 zum Medienstar wurde, war damals 38 Jahre alt und Direktor des Instituts für Virologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Bedeutende wissenschaftliche Verdienste hatte der junge Mediziner bereits 2003 erworben, als er das SARS-Virus identifizierte. Am bis dato unbekannten »Schweren Akuten Atemwegssysndrom« erkrankten rund 8000 Menschen in 29 Ländern.

Es sei eine »Überraschung« gewesen, dass SARS nicht durch Influenza-, sondern durch Coronaviren übertragen wird, erläuterte Drosten an der JLU. Die galten zuvor nur als Verursacher harmloser Erkältungskrankheiten. Ebenfalls unerwartet war die Erkenntnis, dass die Fledermaus als Wirt wirkte. »Man hat sich in der Seuchenforschung lange auf die Vögel konzentriert, dabei die Fledermäuse aber komplett vergessen«, so Drosten. Dies sei »ein gefährliches Versäumnis«. Fledermäuse werden auch bei der aktuellen SARS-CoV2-Pandemie als Überträger vermutet.

Christian Drosten: Coronaviren können noch größere Seuchen als SARS auslösen

Bei SARS 2003 habe die Menschheit letztlich Glück gehabt; die Pandemie ebbte nach wenigen Monaten ab. Schwierig sei einzuschätzen, ob ein ähnliches Coronavirus in Zukunft eine vergleichbare oder gar größere Seuche hervorrufen könne, lautete Drostens Einschätzung vor zehn Jahren. Die Voraussetzungen seien gegeben: Die Menschen sind mobil, leben dicht an dicht in Großstädten und in vielen Regionen auch auf engem Raum mit Tieren zusammen. »All jene Aspekte begünstigen die Übertragungsvorgänge und helfen so dem Virus«, sagte Drosten. Vorbeugemaßnahmen seien nötig. Sie dürften allerdings nicht die Bestände von nützlichen und teilweise bedrohten Arten gefährden. Wildtiere ließen sich nicht einfach »keulen«.

Krankheitserreger profitieren von der modernen Globalisierung und lassen sich nicht durch Passkontrollen aufhalten: Das betonten in der Ringvorlesung auch weitere Fachleute. Etwa Prof. Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert-Koch-Instituts und der Leopoldina. Die Pest im Mittelalter habe rund fünf Jahre gebraucht, um vom Mittelmeer bis nach Skandinavien zu gelangen. Bei der Schweinegrippe dauerte es fünf Tage, bis sie von Mexiko nach Deutschland gekommen war. Die in den sechziger Jahren gekeimte Hoffnung, die Ära der Infektionskrankheiten sei überstanden, habe sich nicht bewahrheitet, so Hacker. Eine Veränderung von Erregern zu neuen, gefährlicheren Formen sei jederzeit vorstellbar.

»Die Medizin hat den Anschluss verloren«, meinte Prof. Stefan H. E. Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie Berlin. In seinem Vortrag »Seuchen: Empfundene und reale Bedrohungen« warnte der Biologe vor resistenten Tuberkulose-Erregerstämmen, »gegen die kein Kraut mehr gewachsen ist«. Für die Pharmaindustrie lohne es sich zu wenig, Mittel gegen »Krankheiten der Armen« zu entwickeln.

Infektionskrankheiten: Impf-Ängste in Deutschland besonders verbreitet

Damals prominentester Redner der Ringvorlesung war der Medizin-Nobelpreisträger von 2008, Prof. Harald zur Hausen. Der langjährige Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg befasste sich mit der »Suche nach infektiösen Krebsursachen«. Zur Hausen beklagte – mit Blick auf Gebärmutterhalskrebs – ein Phänomen, das ebenfalls bis heute aktuell ist: Vorbehalte gegen Impfungen seien in Deutschland besonders verbreitet. (kw)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare