Anja Topf setzt ihre Stimme genauso virtuos ein wie Stefan Weinzierl die Schlaginstrumente. So entsteht ein faszinierendes Live-Hörspiel.
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Anja Topf setzt ihre Stimme genauso virtuos ein wie Stefan Weinzierl die Schlaginstrumente. So entsteht ein faszinierendes Live-Hörspiel.

Unheimlich atmosphärisch

  • Jens Riedel
    vonJens Riedel
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Gießen (jri). Von teuflisch-böse bis engelsgleich-unschuldig, von hinterhältig-fies bis püppchenhaft-zerbrechlich: Anja Topf kann ihre Stimme in Sekundenschnelle so stark verändern, dass völlig gegensätzliche Charaktere quicklebendig werden. Dies bewies die aus Hamburg zum Krimi-Festival nach Gießen angereiste Theater- und Filmschauspielerin am Mittwochabend vor ausverkauftem Haus im Spielwarengeschäft Fuhr in der Sonnenstraße. Zusammen mit dem Ausnahme-Percussionisten Stefan Weinzierl, der seinen Schlaginstrumenten atmosphärisch dichte, teilweise unheimliche, aber auch luftig-leichte Töne entlockte, bot Topf den Zuhörern ein zweistündiges mörderisches Live-Hörspiel der höchsten Güte.

Rache ist süß, Rache befreit die Seele, Rache zeugt die schönsten Morde: Unter diesem Motto standen die drei Kurzkrimis mit abgrundtiefem Humor und skurrilen Pointen, die Profi-Sprecherin Anja Topf ebenso genüsslich wie leidenschaftlich auf der Bühne zelebrierte. Da spürte man in jeder Sekunde, dass die in Wien geborene Topf wegen ihrer Ausnahme-Stimme eine gefragte Hörspiel- und Synchronsprecherin ist - unter anderem für "Die drei ???" und "TKKG". Drei Jahre lang war die 51-Jährige zudem Ensemblemitglied der Bad Hersfelder Festspiele, wo sie für ihre Darstellung der Lachmarie in Shakespeares "Was ihr wollt" den Publikumspreis bekam.

Rache, Effekte, Quietschetiere

Musikalisch herausragend agierte Stefan Weinzierl: Der "No Sound of Silence"-Musiker bändigte virtuos mit vier Schlägeln ein Vibrafon, setzte mehrere Effektgeräte für schaurige Hall- und Echogeräusche ein, bediente ein Mini-Piano mit dem Mund und überraschte das Publikum auch mal mit dem Geräusch eines simplen Quietschetierchens. Bei dieser höchst lebendigen Vortragsweise fiel kaum auf, dass die Pointen der drei vorgelesenen Rache-Kurzkrimis ein bisschen vorhersehbar waren: In "Bremer Sitten" von Martina Bick will sich ein teuflisch eifersüchtiges Mädchen namens Netti einer Nebenbuhlerin entledigen. Sie wirft von einer Brücke eine große Betonplatte auf deren Auto. Dumm nur, dass zu diesem Zeitpunkt nicht ihre Rivalin, sondern ihr Angebeteter im Fahrzeug sitzt. In "Der Liebe ein Ende" von Tatjana Kruse hält eine brutale Mordserie ein Ermittler-Team in Atem. Die Leichen sind stets so übel zugerichtet, dass sich der Assistent der Kommissarin jedes Mal übergeben muss. Am Ende erfahren die Zuhörer: Die Kommissarin ist die Täterin. Ihr Motiv: krankhafter Neid auf das Lebensglück anderer Menschen. Im dritten Fall, "Der bessere Mann" von Ulrich Borchers, will ein handwerklich ungeschickter, tollpatschiger Ehemann aus Eifersucht einen vermeintlichen Rivalen ermorden und die Tat als Selbstmord tarnen. Er probt das Ganze zunächst an sich selbst - und was passiert? Der Schussel bringt sich versehentlich selbst um.

Insgesamt ein Abend, an dessen Ende Gastgeberin Sigrid Fuhr bezüglich der zwei Hauptdarsteller resümierte: "Sie haben unsere hohen Erwartungen noch übertroffen!"

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