+
Irgendwo auf dem Gebiet zwischen Marburger Straße, Gießener Ring und Wißmarer Weg verliert sich die Spur von Bettina K..

"Mord verjährt nicht"

Ungelöster Kriminalfall aus Gießen: Die verweste Leiche am Gießener Ring

  • schließen

Mehrere Monate lang galt Bettina K. als vermisst. Dann wurde die Leiche der 22 Jahre alten Frau bei Baggerarbeiten am Gießener Ring gefunden. Die Prostituierte war wohl erschlagen worden.

Gießen - Der Raupenbagger trägt mit seiner Schaufel stoisch das Erdreich an einer Böschung ab. Nach langanhaltenden Regenfällen war der Hang am Rande des Gießener Rings im Schiffenberger Tal ins Rutschen geraten; die Erdmassen müssen weggeräumt werden. Plötzlich hält der Fahrer inne. Er glaubt, ein Stück totes Wild im Aushub zu entdecken. Das vermeintliche Tier entpuppt sich als nackter, verwester Körper einer Frau. Der Kopf neigt nach unten, das Gesicht ist von den Händen umschlossen. Die Fahnder vom Kommissariat für Kapitalverbrechen K 11 haben bald Gewissheit: Bei der weiblichen Leiche handelt es sich um Bettina K.. Die 22 Jahre alte Frau ist erschlagen worden. Die Prostituierte war seit Mitte Juni 1983 vermisst worden - und zum Zeitpunkt ihres Verschwindens im fünften Monat schwanger. Von ihrem Mörder fehlt bis heute jede Spur.

Gießen: Suche zunächst erfolglos

Als Bettina K. verschwindet, regnet es in Strömen. Am 10. Mai 1983 sehen sie Zeugen das letzte Mal auf dem Beifahrersitz eines grauen VW Käfers. Vermutlich ein Freier, mit dem sie an ihrem Stammplatz in Kontakt gekommen ist. Die damals 22-Jährige nutzt die Feldwege durch die Wiesen- und Kornfelder im Gießener Norden als nächtlichen "Arbeitsplatz". Irgendwo zwischen Neuem Friedhof, Wißmarer Weg, Gießener Ring und Marburger Straße verliert sich ihre Spur - mehrere Monate lang. Es ist ein einsames, verschwiegenes Gelände am Rande der Stadt, durchzogen von Gräben und dichtem Buschwerk.

Elf Tage nach dem Verschwinden von Bettina K. erhält die Kripo einen Hinweis. Im Milieu wird von einem möglichen Mord gemunkelt. Der Zuhälter der 22 Jahre alten Frau - und gleichzeitig ihr Lebensgefährte - erzählt, er habe mit dem Hund der Vermissten nach ihr gesucht. Bei anderen Zuhältern und Prostituierten ist die Sorge groß, dass mit "Tina" etwas Schlimmes passiert sein könnte.

Am 21. Juni, es ist ein Dienstag, durchkämmen 30 Bereitschaftspolizisten aus Hanau, zwei Hundeführer der Gießener Polizei mit ihren Tieren und ein K 11-Ermittler das Gelände. Zwischen 9 und 15.30 Uhr suchen sie in dem von hohem Gras überwucherten, durch die Kornfelder führenden Entwässerungsgräben, in Büschen, im dichten Gestrüpp entlang des Bahndammes sowie im morastartigen Wäldchen an der geteerten Verbindungsstraße. Auch in einer mit Wasser gefüllten Sandgrube versuchen die Ermittler, Spuren von Bettina K. zu finden. Fotos von damals zeigen, wie die Männer und Frauen bis zur Brust im Wasser stehen oder mit Spaten die Gräben freilegen. Am Ende des Tages macht sich Ernüchterung breit: Keine Spur von der jungen Frau - bis zum 28. September 1983, als der Baggerfahrer auf ihren Leichnam stößt.

Zu diesem Zeitpunkt ist nicht klar, dass es sich bei der Toten um Bettina K. handelt. So wird seit 14 Monaten eine 18-Jährige aus Watzenborn-Steinberg vermisst. Vor Ort graben die Ermittler des K 11 mit Spaten das Erdreich um. Sie suchen nach Kleidungsstücken, finden aber lediglich einen Arm der Frau. Erst Gerichtsmediziner sorgen für Klarheit: Die etwa 100 Meter von einer Baustofffirma entdeckte Leiche ist Bettina K. Vermutlich getötet durch Schläge auf den Kopf. Die Identifizierung ist nicht einfach; der Leichnam befindet sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand. Am Ende bringt der Zahnstatus sowie ein Fingerabdruck Gewissheit. Die zierliche 22-Jährige hatte im Staufenberger Stadtteil Mainzlar gelebt. In der Nacht ihres Verschwindens trägt sie einen schwarzen Stoffmantel, eine lilafarbene Hose, einen rosafarbenen Pulli sowie Sportschuhe. Diese Kleidungsstücke sind zusammen mit dem Personalausweis verschwunden. Die Polizei vermutet, dass die junge Frau auf dem Ring über die Leitplanke gezerrt und dort in ein Erdloch geworfen wurde.

Eine Spur der Ermittler ist ihr vielleicht letzter Freier. Mit ihm wird Bettina K. zwischen Mitternacht und 1 Uhr in der Marburger Straße gesehen. Sie sitzt in einem zehn bis zwölf Jahre alten, grau-beigen VW Käfer mit unbekanntem Kennzeichen. Das Fahrzeug fährt auf das Wald- und Wiesengelände und soll dort eine Weile zwischen Marburger Straße und Wißmarer Weg gestanden haben. Doch bis heute tappen die Ermittler im Dunkeln, wer dieser Mann gewesen sein könnte.

Silke Bauch kennt den Fall von Bettina K. gut. Als die Kommissarin 2008 von Bad Homburg ins K 11 nach Gießen wechselt, nimmt sie sich unter anderem diesen alten Fall noch einmal vor. Im Herbst 2007 hatte es Hinweise aus dem familiären Umfeld der Ermordeten gegeben. "Aber da waren viele Gerüchte dabei und wenig belegbare Tatsachen", sagt sie. Fakten wären zum Beispiel offenbartes Täterwissen - oder die seit der Tat verschwundene Kleidung und der Personalausweis.

Gießen: Es gibt einen Hauptverdächtigen

Das Problem an dem Fall sind die fehlenden Spuren. Als der Leichnam entdeckt wird, werden nicht - wie heute üblich - DNA-Spuren gesichert. Selbst wenn diese am Tatort gefunden worden wären, wären sie kaum aussagekräftig gewesen. Denn auf den alten Fotos ist zu erkennen, wie Beamte und Helfer teilweise ohne Handschuhe und komplett ohne Schutzanzügen arbeiten. Die einzigen Gegenstände, die in Tatortnähe gefunden wurden, waren ein Paar Arbeitshandschuhe sowie eine Getränkedose. Aber auch diese bis heute im Polizeipräsidium gelagerten Asservate lagen mindestens 30 Meter vom Fundort der Leiche entfernt.

Der Hauptverdächtige, sagt Silke Bauch, sei ihr Zuhälter und Lebensgefährte. "Das war die Gewalttat eines Mannes gegen eine Frau, und es scheint etwas Persönliches gewesen zu sein." Bekannt gewesen sei, dass Bettina K. von ihrem Lebensgefährten immer wieder geschlagen worden sei; oft habe es Streit gegeben. In der Tatnacht hätten ein Kumpel und er seine Partnerin in der Marburger Straße abgesetzt. Die beiden Männer seien dann nach Gießen in eine Kneipe gefahren, um Drogen zu kaufen. Die hätten sie in einer Wohnung konsumiert. "Der Lebensgefährte hätte zur Tatzeit die Chance gehabt, unbeobachtet die Wohnung zu verlassen", sagt Silke Bauch. Das Motiv? Bettina K. war seine einzige Prostituierte. Die Tathypothese, dass die Frau wegen ihrer Schwangerschaft aussteigen wollte und dass ihr Zuhälter und Lebensgefährte möglicherweise um seine einzige Einnahmequelle gefürchtet hat, konnte nicht verworfen werden. Ebenso wenig die Hypothese, dass es im Streit zur Tat kam.

Nur: Auch diese Spur kann die Polizei nicht weiterverfolgen. Denn der Hauptverdächtige ist 2002 gestorben. Es scheint, als bleibe der Fall der ermordeten Bettina K. ungeklärt.

Zusatzinfo: Auch ein Serientäter im Fokus

Eine Spur im Fall der ermordeten Bettina K. führte nach Berlin. Dort war 1997 der Hautarzt Stefan S. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes an einer 18-jährigen sowie des vierfachen versuchten Mordes an weiteren Prostituierten verurteilt worden. S. hatte zur Zeit des Verschwindens von Bettina K. in Gießen studiert. Doch diese Spur verlief im Sande.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare