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Und noch ein echter Krimmel

  • VonDagmar Klein
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Der bekannte Darmstädter Künstler Bernd Krimmel hat an einigen Stellen in der Stadt Kunst am Bau hinterlassen. Sein größtes Werk war, wie erst jetzt bekannt wurde, der Mosaikboden am einstigen Behördenzentrum. Doch das ist längst abgerissen.

Zuletzt berichtete die Gießener Allgemeine über die Entdeckung, dass das Fußbodenmosaik mit dem Motiv »Sonne« in der Eingangshalle des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums eine Arbeit des Darmstädter Künstlers Bernd Krimmel (1926 - 2020) ist. Das Kunst-am-Bau-Werk war in seinen Ordnern fotografisch dokumentiert, aber einer anderen Institution zugeordnet; dort war das betreffende Gebäude schon abgerissen und die Sonne schien verloren.

Die erfreuliche Nachricht, dass die Sonne doch noch existiert und wertgeschätzt wird, erreichte den betagten Künstler wenige Wochen vor seinem Tod Ende Dezember. Derzeit ist sein Sohn Tobias dabei, den Papiernachlass zu sichten. Es grenzt fast an ein Wunder, aber kürzlich stieß er auf Briefe, die belegen, dass sein Vater bei einem weiteren wichtigen Gebäude in Gießen mit der Gestaltung beauftragt war: die Stadtverwaltung am Berliner Platz. Wiederum eine Arbeit, die nicht öffentlich bekannt wurde.

Zwei Briefe vom 10. Mai 1961 schickte das Hochbauamt an den Künstler, mit dem Auftrag die »Künstlerische Gestaltung« im ersten Bauabschnitt beim Bau von Polizei- und Verwaltungsgebäude und im zweiten Bauabschnitt beim Neubau des Stadthauses zu übernehmen. Die Auftragssumme war pauschal festgelegt und folgte offenbar dem Angebot von Krimmel (April 1961). Es ging bei beiden Aufträgen um Beratung in Fragen der Gesamtgestaltung, Planung der Farbgebung, Auswahl von Materialien, Anbringung von Proben mit den Handwerkern und Überwachung der Ausführung.

Das dritte Schreiben vom 10. Dezember 1961 ist eine Rechnung von Krimmel an die Stadt Gießen über den Entwurf für den Mosaikboden des Neubaus Behördenzentrum. »… die Bodenfläche, die sich unter dem Stadthaus und dem Polizeipräsidium hinzieht, (soll) eine der baulichen Bedeutung würdige Fassung erhalten. Die ca. 2000 qm große Fläche ist nach meinem letzten Vorentwurf, den ich Ihnen vorlegte, gegliedert in einen großen Fond aus Quarzitplatten und mosaikartig ausgelegte Felder. In diesen Feldern sind Pflanzungen vorgesehen, die durch ihre Farbigkeit selbst Bestandteile des Mosaiks sind.«

Hierfür gibt es im Krimmel’schen Archiv keine Fotodokumentation, doch konnte die Verfasserin dieses Beitrags dies wettmachen. Die Fotos (oben) entstanden im Mai 2005, kurz vor dem Abriss der Stadtverwaltung. Die frische Bepflanzung der Blumenbeete ließ das Ensemble besonders ansprechend aussehen. Der mosaikartig gegliederte Innenhof ist gut zu erkennen.

Kraniche von Gotthelf Schlotter

Das einzig gerettete Kunstwerk aus dem Stadthaus-Ensemble ist die Kranich-Gruppe von Gotthelf Schlotter, die einen neuen Aufstellungsort am Graben hinter dem Alten Schloss fand. Krimmel und Schlotter haben auch andernorts zusammengearbeitet. Das Wandbild von Schlotter zur Bushaltestelle Berliner Platz - ursprünglich in Schiefer, nachbearbeitet mit Gail-Kacheln - und sein Löwe in Draht gestaltet, verschwanden mit dem Gebäudeabriss; ebenso das Holzrelief im Inneren des Stadtverordneten-Sitzungssaales.

Damit ist die Zahl der bekannten Krimmel-Werke in Gießen auf sieben an fünf Orten gestiegen. Sie entstanden in den Jahren 1959 bis 1965. Am LLG sind ein Wandbild und das Fußbodenmosaik erhalten (ein zweites Wandbild wurde entfernt), das Wandbild an der RHS wurde bei Sanierungsarbeiten eingehaust, ist also erhalten, aber nicht mehr sichtbar. Am Uni-Klinikum erhalten ist das zweiteilige Wandmosaik neben der Eingangstür zum Vorlesungssaal im Hygiene-Institut; mitsamt dem Gebäudeabriss verschwunden ist die Fassadengestaltung des Chirurgie-OP-Trakts, bereits Anfang der 90er Jahre.

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