Was passt in zwei Taschen? Eva Schmidt kauft immer nur so viel ein, wie sie tragen kann. Die 71-Jährige hat ihr Auto abgeschafft. FOTO: SCHEPP
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Was passt in zwei Taschen? Eva Schmidt kauft immer nur so viel ein, wie sie tragen kann. Die 71-Jährige hat ihr Auto abgeschafft. FOTO: SCHEPP

Unbequemer Konsumverzicht

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Weniger ist mehr. Zumindest dann, wenn man den Purismus in seinem Leben nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung begreift. Eva Schmidt* tut das. Die 71-Jährige hat radikal reduziert: Sie hat ihr Haus gegen eine 48 Quadratmeter kleine Wohnung getauscht, ihr Auto und viele Besitztümer abgeschafft, ihr Konsumverhalten verändert. Sie möchte so wenig Ressourcen verbrauchen wie möglich - und stößt dabei in ihrem Umfeld häufig auf Unverständnis.

Noch ein Kerzenleuchter, noch eine dekorative Schale, noch ein Pullover, ein Schmuckstück, ein Bild oder Buch? "Ich brauche das alles nicht, ich habe mehr als genug", sagt Eva Schmidt. (* Name geändert, Anm. d. Redaktion) Die pensionierte Lehrerin hat eine klare Haltung: Sie möchte nachhaltig leben und so wenig Ressourcen verbrauchen wie möglich - weil sie sich in der Verantwortung sieht für nachfolgende Generationen. Sie sei in einer privilegierten Situation: Unabhängig und materiell gut abgesichert, so wie viele andere ihrer Generation in Deutschland. Sie sieht keinen Sinn darin, immer weiter Dinge um sich herum anzuhäufen und mit unnötigem Konsum die Umwelt zu belasten. Sie hat das für sich so entschieden und fühlt sich gut damit. Was sie zuweilen ärgert, sind die Reaktionen ihres Umfeldes. Statt ihren Standpunkt zu akzeptieren, äußert es Unverständnis oder will sie "bekehren". Insbesondere Menschen, die ebenfalls im Wohlstand leben, haben ein Problem mit der Minimierung. Motto: Man wird sich doch nach einem arbeitsreichen Leben etwas gönnen dürfen… Dabei gehe es bei der Reduzierung nicht um Verzicht, sondern um eine Fokussierung auf das Wesentliche.

Vermutlich halte ihr Beispiel anderen den Spiegel vor, sie fühlten sich und ihren jeweiligen Lebensstil in Frage gestellt oder kritisiert. Doch das liegt Eva Schmidt fern. "Obwohl ich Lehrerin war", sagt sie und lacht. Sie will weder belehren noch moralisieren. Es gebe sicher Lebenssituationen und Lebensphasen, in denen Zugeständnisse an ökologisches Verhalten unumgänglich seien. "Aber in meinem Alter und meiner Lebenswelt ist es einfach, deshalb tue ich das".

Mitbringsel bei gegenseitigen Besuchen seien eine schöne Tradition, aber überflüssig. "Ich möchte das einfach nicht mehr". Und auch zum Geburtstag will sie keine Dinge, die sie eigentlich nicht braucht. Stattdessen freut sie sich über Unterstützung für Projekte, die ihr am Herzen liegen. Zum Beispiel für "Andheri". Das ist eine Initiative, die Menschen in Indien und Bangladesh unterstützt. Mit dem Geld von Eva Schmidt konnten schon viele Grundschulkinder zur dringend notwendigen Augenuntersuchung gehen, und eine ganze Reihe von Frauen haben dank der Lehrerin im fernen Deutschland neue Augenlinsen bekommen. "Das finde ich ganz großartig. Immer, wenn es mir mal nicht so gut geht, schaue ich mir die Bilder der Frauen und Kinder an". Die 71-Jährige kauft schon seit Jahr und Tag Kleidung im Secondhand-Shop, weil dies eine nachhaltige Methode ist, sich zu kleiden und weil sie auf diese Weise der Ausbeutung armer Menschen etwas entgegen setzen kann. Das eingesparte Geld, das sie sonst für teure Hosen oder Pullover ausgegeben hätte, spendet sie dann ebenfalls.

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind also keine neuen Entdeckungen für Eva Schmidt, doch sie ist jetzt deutlich radikaler, als sie das früher sein konnte. Viele Jahre hat sie mit ihrer Familie in Alten-Buseck gewohnt. In einem schönen, 180 Quadratmeter großen Haus am Wald. Vor 16 Jahren starb ihr Ehemann, die beiden Töchter sind schon lange aus dem Haus und haben eigene Familien. Als vor einigen Jahren klar wurde, dass keine der Töchter nach Buseck zurückkehren würde, entschied sich die Pensionärin, das Haus zu verkaufen. "Es wurde immer stiller in der Nachbarschaft, das war beängstigend". Zudem fiel ihr das Autofahren bei Dunkelheit schwer. Hätte sie darauf verzichtet, wäre dies ein weiterer Schritt in die Isolation gewesen. Sie kaufte sich in Gießen eine kleine Neubauwohnung mit großem Balkon und trennte sich von vielen Möbeln, Bildern, liebgewordenen Dingen. Der Bestand von etwa 10 000 Büchern schrumpfte auf 300. Auf den Müll kam dabei so gut wie nichts, ihre Besitztümer wanderten unter anderem an die Jugendwerkstatt und den Umsonstladen. "Ich habe nicht entrümpelt - das hört sich ja so an, als sei es da um lauter alten Krempel gegangen", stellt sie klar. Vielmehr war es die Minimierung des Hausstands einer Familie, die es so nicht mehr gab.

Vorteil kurze Wege

Sicher ein schmerzlicher Weg? "Nicht, wenn man sich klar macht, dass man die Erinnerungen in seinem Kopf und im Herzen bewahrt. Sie stecken nicht im Haus oder der Polstergarnitur", sagt die 71-Jährige. Ihre Entscheidung, in die Stadt zu ziehen, hat sie keine Sekunde bereut. Sie genießt es, zu Fuß, mit dem Bus oder der Bahn alles erreichen zu können: Geschäfte, Ärzte und Freunde. Sie geht ins Theater, zu den Veranstaltungen von Frau und Kultur oder des Forums Alter und Jugend. Mit ihrer Ressourcenschonung ist die 71-Jährige ganz zufrieden. "Aber meine Achillesferse waren bisher die Reisen". Früher habe die Familie immer Flugreisen unternommen, und sie sei bisher im November mit einer Freundin nach Gozo geflogen. Doch damit sei nun auch Schluss, sie könne das vor sich nicht mehr verantworten. "Dann war es das eben mit dem Süden", sagt sie.

Wenn die Töchter mit ihren Familien zu Besuch kommen, werden Gästebetten ausgeklappt und Matratzenlager errichtet. "Das geht wunderbar". Die Frauen sind stolz auf ihre couragierte Mutter. Das jüngste Enkelkind des Familienclans heißt übrigens Eva. Eine Liebeserklärung an die vorausschauende Großmutter.

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