Die angehenden Medizinischen Dokumentare Hani Alhamad (v. l.) und Sabine Kissler mit Dozent Achim Michel-Backofen und Schulleiter Wilfried Dreher.
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Die angehenden Medizinischen Dokumentare Hani Alhamad (v. l.) und Sabine Kissler mit Dozent Achim Michel-Backofen und Schulleiter Wilfried Dreher.

Unbekannter Beruf mit Zukunft

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Gießen (bf). "Was ist denn ein Medizinscher Dokumentar?" Diese Frage bekommen Sabine Kissler und Hani Alhamad häufig gestellt. Die beiden machen gerade eine schulische Ausbildung in einem Beruf, den kaum jemand kennt - und das, obwohl Medizinische Dokumentare gefragter sind als je zuvor, nicht nur im Gesundheitswesen. Die zunehmende Bedeutung des Berufsbilds lässt sich vor allem auf die fortschreitende Entwicklung in Medizin und Informationstechnologie zurückführen. Mit der Digitalisierung wachsen auch die Anforderungen an Auswertung und Dokumentation medizinischer Daten. Diese Aufgabe erfordert Fachkräfte: Medizinische Dokumentare sind die Schnittstelle zu sämtlichen Fachbereichen des Gesundheitswesens, denn neben der Datenverarbeitung planen sie auch Studien und sind für die Qualitätsicherung zuständig. Einen Job finden sie in Kliniken, der Pharmaindustrie oder auch bei Softwarefirmen, denn auch Programmierung steht auf dem Stundenplan.

Die dreijährige Ausbildung gliedert sich in zwei Ausbildungsabschnitte. Neben dem Unterricht in den Kernbereichen Medizin, Dokumentation, Statistik, Informatik und Recht, gehören zwei Praktika zu je drei Monaten zum ersten Abschnitt. Daran schließen eine Abschlussprüfung und ein sechsmonatiges Berufspraktikum an. Schulleiter Wilfried Dreher betont, "dass die Kompetenzen von Medizinischen Dokumentaren stark nachgefragt" seien. Die Firmen würden teilweise sogar nach Gießen kommen, um Absolventen zu werben. 75 Prozent der Auszubildenden erhielten noch vor ihrem Abschluss Stellenangebote. Oftmals würden die fertigen Dokumentare aber auch direkt von den Unternehmen übernommen, in denen sie ihr Berufspraktikum gemacht haben.

Die Ausbildungsstätte hat Kapazität für drei Klassen mit bis zu 20 Schülern. Gießen ist neben Greifswald der zweite Standort in Deutschland, an dem die Lehre zum Medizinischen Dokumentar möglich ist. "Viele, die sich für das Berufsfeld interessieren, tendierten eher zu einem Studium", bemerkt Dreher, "dabei biete eine Ausbildung nur Vorteile, denn neben der Berufserfahrung, die die Absolventen bereits mitbringen, sei es den Unternehmen egal, ob eine Lehre oder ein Studium absolviert wurde".

An der Schule unterrichten zurzeit 30 Dozenten, die alle aus der Praxis kommen. Einer von ihnen ist Dr. med. Achim Michel-Backofen. Er ist Arzt und für die Schule schon seit deren Gründung im Jahr 1971 tätig. Seit fast einem Jahrzehnt gibt er nun den Programmierkurs in Java und hat schon viele Schüler in seiner Softwarefirma im Rahmen eines Praktikums betreut. Michel-Backofen betont, dass die Vorstellung von Medizin, in deren Hierarchie der Arzt ganz oben steht und danach lange niemand komme, längst überholt sei. Es komme vielmehr auf die Zusammenarbeit der einzelnen Fachbereiche an, dabei seien die Medizinischen Dokumentare ein integraler Bestandteil.

Die Ausbildung ist nicht nur für Schulabgänger geeignet. In den vergangen Jahren haben viele den Quereinstieg gewagt - von der Ärztin bis zum Schreiner - und "jeder hat eine Anstellung gefunden" berichtet Dreher. Auch Alhamad und Kissler kamen über Umwege zu ihrem Ausbildungsplatz. Kissler studierte in Bonn Biologie und wollte sich neu orientieren, als sie über die Internetsuche" auf den Beruf aufmerksam wurde. Der Syrer Alhamad lebt seit vier Jahren in Deutschland und hat ursprünglich Agrarwissenschaften studiert. Er hofft auf eine Anstellung im Bereich "Programmierung".

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