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Umbau im laufenden Lernbetrieb

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Corona-Pandemie und ihre Folgen machen fast täglich deutlich, wie sehr sich auch Schule wandeln muss. Zum Beispiel ist die Mischung aus Präsenz- und Digitalunterricht ein viel diskutiertes Thema. Um darüber aufzuklären, haben Lehrer aus ganz Deutschland ein E-Book veröffentlicht. Auch ein Gießener ist dabei.

Es war ein Kaltstart wie aus dem Lehrbuch: Als im März die Schulen wegen der Corona-Pandemie schlossen, mussten Lehrkräfte von heute auf morgen den Unterricht neu organisieren. Und das vor dem Hintergrund, dass deutsche Schulen beim digitalen Unterricht und bei der Ausstattung hinterherhinken. Mit der Öffnung der Einrichtungen sowie dem gleichzeitigen Versuch, mögliche Infektionsketten so klein wie möglich zu halten, kommt dem sogenannte Hybridunterricht eine wichtige Bedeutung zu. Nur wie klappt das mit der gesunden Mischung von Präsenz- und Digitalunterricht? 33 Lehrkräfte haben sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bundesweit zusammengetan und ein kostenloses E-Book veröffentlicht, das auch als Printversion erhältlich ist: "Hybridunterricht 101. Ein Leitfaden zum Blended Learning für angehende Lehrer:innen". Mit dabei ist auch ein Gießener: Klaus Oehmann.

Initiator und Herausgeber des E-Books ist Tim Kantereit, ein 38 Jahre alter Mathe-Lehrer aus Bremen. Er bat Oehmann, ein Kapitel für das E-Book mit dem Thema "Aufgabendidaktik in hybriden Lehr-Lern-Settings" zu schreiben. Der 48 Jahre alte Gießener unterrichtet an der Max-Weber-Schule im Industriebereich, bildet beim Europastudienseminar angehende Lehrkräfte aus Mittelhessen aus und ist Dozent an der Frankfurter Goethe-Uni. Ende vergangenen Jahres hat er ein Buch veröffentlicht: "Schluss mit der Donut-Pädagogik". Darin fordert der 48 Jahre alte Lehrer zeitgemäße, lebensnahe Lernaufgaben für Schüler.

"Es geht nicht um Tablets und Apps, sondern um den Wandel des Unterrichts und der Schule", betont Oehmann. Bereits in seinem Buch hatte er kritisiert, dass Unterrichtsmethoden und Aufgabenstellungen nicht mehr zeitgemäß seien. Das unterstreicht er in seinem Beitrag für das E-Book erneut. "Wir haben eine andere Zeit, eine andere Generation, aber wir nutzen die alten Instrumente." Die Offenheit für neue Lehr- und Lernformen in der Schule im Zuge der Corona-Pandemie bezeichnet er als "Chance, um Schule zeitgemäß und zukunftsgewandt aufzustellen." Schulkultur sei oft monoton, betont der Lehrer, dabei müsse jedes Kind individuell gesehen werden. "Und genau hier bietet der hybride Unterricht Chancen."

Ideen für eine neue Art des Unterrichtens gebe es genug, betont der Lehrer. "Schwierig sind nicht die neuen Ideen", sagt er, "sondern sich von den alten Ideen zu lösen". Viel diskutiert wird zum Beispiel die Frage der technischen Ausstattung der Schüler: Manche haben einen Laptop oder ein Tablet zur Verfügung, andere nicht. Ja, sagt Oehmann, jedes Kind und jeder Jugendliche müsste Zugang zu einem elektronischen Medium haben. Oehmann mahnt deshalb Investitionen in diesem Bereich an. "Diese soziale Frage muss geklärt werden."

Aber wenn es in einer Familie einen Rechner für zwei Schulkinder gebe, könnten sie ohne Probleme zu unterschiedlichen Zeiten daran arbeiten. "Man kann die Zugriffszeiten variabel gestalten", sagt Oehmann. "Es muss nicht immer nur von 8 bis 13 Uhr gehen." Auch der Ort des Lernens könne flexibel gewählt werden - zum Beispiel unter freiem Himmel.

Oder warum erweitert man Projekttage oder -wochen nicht zu einem Projektjahr? Auch die Beziehungspflege zu den Schülern könne digital individueller geschehen. Oehmann ist sich sicher: So lernten die Kinder und Jugendlichen nicht nur Inhalte, sondern auch Selbstverantwortung, nicht als Einzelkämpfer, sondern digital in der Gemeinschaft.

Das Hessische Kultusministerium habe erkannt, wie viele Chancen das hybride Lernen bieten kann, glaubt der Lehrer. So habe es zum Beispiel während der Sommerferien viele Fortbildungen zu diesem Thema gegeben. "Man kann den Kurs eines riesigen Tankers, der sich auf stürmischer See befindet, nur langsam ändern und ihn nicht mal eben für ein Jahr im Trockendock umbauen. Wir müssen es auf hoher See tun", betont Oehmann. Dafür brauche es aber auch Sachverstand von Außen. Lehrkräfte würden Wissen und Werte vermitteln, seien aber beispielsweise keine Administratoren oder Hüter der technischen Ausstattung einer Schule.

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