1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Ukrainische Geflüchtete in Gießen: Sprunghafter Anstieg sorgt für Probleme

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Kays Al-Khanak

Kommentare

oli_ukrainefluechtlinge5_120
Die Zahl der geflüchteten Ukrainer in der EAEH an der Rödgener Straße in Gießen nimmt weiter zu. © Oliver Schepp

Die Zahl der Ukrainer, die vorübergehend in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen untergekommen sind, ist stark angestiegen. In dieser akuten Notsituation läuft manches nicht glatt.

Gießen – Noch vor einer Woche waren in den Standorten der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) 1779 Ukrainer untergebracht, die vor dem Angriffskrieg auf ihre Heimat fliehen mussten. Mittlerweile wurden - Stand Donnerstagnachmittag - 4705 Menschen aus der Ukraine dort registriert. 3305 Personen mit ukrainischem Pass oder einem ukrainischen Aufenthaltstitel leben aktuell in den Standorten der EAEH. Am 24. Februar waren es noch zwei Ukrainer. Geflüchtete berichten nun von problematischen Zuständen in der Einrichtung. Das zuständige Regierungspräsidium Gießen (RP) betont: »Wir bedauern es ausdrücklich, wenn sich jemand unter diesen Umständen nicht angemessen versorgt und betreut fühlt. Gegenwärtig wird alles unternommen, um in einer akuten Notsituation den großen Ansturm von Menschen kurzfristig unterzubringen und zu versorgen.«

Bisher, teilt das RP auf Anfrage dieser Zeitung mit, seien 769 Ukrainer in die Landkreise und kreisfreien Städte zugewiesen worden. Das bedeutet: Das Gros befindet sich weiter in den Standorten der EAEH - so auch in Gießen. Dort leben aktuell 2352 Geflüchtete. Zwar kann das RP nicht sagen, wie viele Ukrainer dort aktuell untergebracht sind, aber sie stellen seit Beginn des Angriffskrieges durch Russland die größte Gruppe.

Flüchtlinge aus der Ukraine in Gießen: Probleme bei Essensausgabe in Erstaufnahmeeinrichtung

Da für die Ukrainer durch die von der EU beschlossene Massenzustrom-Richtlinie vereinfachte Verfahren und reduzierte Formalitäten gelten, sollen sie in der Regel nach 72 Stunden die Einrichtung wieder verlassen. Es gibt also eine hohe Fluktuation. Es wäre ein Wunder, wenn die Registrierung, Aufnahme und Abreise von so vielen Menschen reibungslos ablaufen würde.

Zwar ist das RP originär nicht zuständig für die Registrierung der Kriegsflüchtlinge. Aber da Kreise und Kommunen damit überfordert wären, hilft die Behörde an dieser Stelle aus. Das RP sieht sich durch die Erfahrungen, die sie in den Jahren 2015/16 gemacht hat, dafür auch gewappnet. Dennoch kommt es zu Problemen, wie eine Ukrainerin gegenüber dieser Zeitung schildert. Es gebe zeitweise kein warmes Essen und keine Hygieneartikel. Spülmittel müsse als Duschgel genutzt werden. Und manche dürften die Unterkunft nicht verlassen. Zudem kritisiert sie, dass es nur Pappgeschirr gebe, das die Geflüchteten mehrere Tage nutzen müssten.

Spülmittel als Duschgel? RP Gießen erklärt „große Herausforderung“ durch Ukraine-Krise

Das RP betont, der »sprunghaften Anstieg« der Zahl von geflüchteten Ukrainern stelle eine »große Herausforderung« dar. Am vergangenen Wochenende seien kurzfristig weitere Unterbringungsplätze für die EAEH als Notunterkünfte ertüchtigt worden, in denen die Vertriebenen aus der Ukraine nur vorübergehend untergebracht worden seien, bevor sie in die Kommune zugewiesen werden. Um dies zu erreichen, arbeiteten »alle Beteiligten und Mitarbeitenden der EAEH arbeiten mit hoher Intensität und persönlichem Einsatz«.

Die medizinische Ambulanz auf dem Gelände sei mit den stark ansteigenden Flüchtlingszahlen aus der Ukraine zusätzlich mit Personal besetzt worden. Dennoch komme es zu unterschiedlichen Wartezeiten. »Eine medizinische Unterversorgung bestand zu keinem Zeitpunkt«, betont das RP. Geschulte Sanitäter befänden sich 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche vor Ort, ebenso wie das Sicherheitspersonal.

Gießen: „Wir überprüfen, ob es hier zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist“

Weiterhin finde dreimal täglich eine Essensausgabe eines externen Dienstleistungsunternehmens statt. Dabei werde immer neues Einweggeschirr ausgegeben, das wegen der Corona-Pandemie aus hygienischen Gründen eingeführt wurde. »Wir überprüfen, ob es hier zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist«, teilt das RP mit. Werden bereits am Standort untergebrachte Bewohner zur Registrierung ins Ankunftszentrum gebeten und können nicht an den Mahlzeiten im Standort teilnehmen, stehe ihnen in den Wartebereichen Brot, Obst und Wasser zur Verfügung. Die neu ankommenden Geflüchteten erhielten ein Verpflegungspaket, um die Wartezeit bis zur nächsten Mahlzeit zu überbrücken. Darin enthalten seien Brot, Wurst, Käse, Obst, Schokoriegel, Getränke und Tee. »Diese Pakete sind am Wochenende punktuell ausgegangen, weshalb etwa für die Wartenden im Registrierungsbereich kurzfristig auf Fladenbrot, Obst, Wasser und Tee umgestellt werden musste.«

Die Bewohner der EAEH, betont das RP, könnten sich zudem frei innerhalb und außerhalb der Einrichtung bewegen. Eine Ausnahme: »In den vergangenen Tagen sind bis zu sechs Busse gleichzeitig auf dem EAEH-Hof vorgefahren. Damit die Menschen in einer solchen Situation geordnet verteilt werden können und um zunächst die unübersichtliche Situation zu klären, wurden die Bewohner gebeten, für einen kurzen Zeitraum in den Gebäuden zu bleiben.«

Standorte der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen

Das Regierungspräsidium Gießen ist für sieben Standorte der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen zuständig. Der größte Standort befindet sich in Gießen. Weitere Einrichtungen finden sich zum Beispiel in Neustadt, Friedberg und Büdingen. Hinzu Notunterkünfte in den Landkreisen Marburg-Biedenkopf, Voglsberg, Wetterau und Hochtaunus von einer Kapazität von jeweils 1000 Personen.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion