Die "Urbrücke" von Johanna Staniczek weckt Assoziationen an alte Filmklassiker. FOTO: MUSEUM/KNOSSALLA
+
Die "Urbrücke" von Johanna Staniczek weckt Assoziationen an alte Filmklassiker. FOTO: MUSEUM/KNOSSALLA

Über tosendes Wasser

  • vonRedaktion
    schließen

Entfesselte Naturgewalten, wütendes Toben der Natur: Das Schwarzweißgemälde "Urbrücke IX" von Johanna Staniczek erinnert an eine Sequenz aus einem Katastrophenfilm. Zu sehen ist das Kunstwerk im Oberhessischen Museum im Alten Schloss.

Welch eine Dramatik spricht aus diesem Bild, welch eine Kraft steckt in den kühnen Pinselstrichen der Malerin: Als Betrachter des Schwarzweißgemäldes "Urbrücke IX" von Johanna Staniczek fühlen wir uns sogleich an Kinobilder aus alter Zeit erinnert, als Altmeister wie Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Billy Wilder oder Orson Welles mit eigenwilligen Kameraeinstellungen und visuellen Tricks eine schaurige Stimmung und zugleich eine ungeheure Spannung erzeugten.

Ohnmacht spüren

Ihre Filme zeigten die Menschen als Gefangene ihrer Ängste und Begierden in einer Welt des Verbrechens. Auch das 1984 entstandene Gemälde "Urbrücke IX" breitet eine finstere Szenerie vor uns aus, doch hier hat sich der Mensch aus gutem Grund längst von der Bildfläche verzogen: Hier tobt die Natur mit Urgewalt und lässt uns unsere Ohnmacht spüren.

Das wie eine Sequenz aus einem Katastrophenfilm wirkende Gemälde von Johanna Staniczek gehört zur Sammlung des Oberhessischen Museums im Alten Schloss. Die profilierte Berliner Malerin, die ein umfangreiches Werk und zahlreiche Ausstellungen vorzuweisen hat, steht in einem besonderen Verhältnis zu Gießen: Seit 1992 ist sie in der Lehre tätig, anfangs als künstlerische Mitarbeiterin, dann als Gastdozentin an der Hochschule der Künste Berlin und seit 2001 als Professorin für Kunstpraxis am Institut für Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität. Sie stammt aus Giengen an der Brenz, hat an der Freien Kunstschule Stuttgart und der Hochschule der Künste Berlin Malerei studiert und begann schon vor der Ernennung zur Meisterschülerin eine kontinuierliche Ausstellungspraxis. Ab Mitte der 90er Jahre kamen architekturbezogene Kunstprojekte im öffentlichen Raum dazu.

Bei ihrer von starker Ausdruckskraft geprägten "Urbrücke IX" tritt eine expressive Malweise zutage, die sich in großzügigen, freien Pinselstrichen äußert und der ganzen Komposition einen frischen malerischen Schwung verleiht. Genau wie bei den Altmeistern des Kinos führt die konsequente Beschränkung auf Schwarz-Weiß keineswegs zu einer Verarmung der Ausdrucksmöglichkeiten, sondern im Gegenteil noch zu einer Verstärkung. So bezieht die Komposition ihre Impulse hauptsächlich aus den kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasten, und gerade darin, wie souverän Johanna Staniczek das Spiel von Licht und Schatten in unzähligen Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß darzustellen weiß, zeigt sich ihre große Könnerschaft.

Gleißend-blendendes Licht beleuchtet von hinten ein Naturschauspiel der entfesselten Urgewalten. Wild tosendes Wasser umspült eine Brücke, deren Metallkonstruktion sich quer durch das Bild zieht und sich im Hintergrund in den sich auftürmenden schwarzen Wellenbergen verliert.

Gespür für Effekte

Von ihrem Aussehen her erinnert die Brücke an die überirdisch verlaufende Berliner U-Bahn durch Kreuzberg. Es dürfte daher nicht zu weit hergeholt sein, wenn man annimmt, dass die Malerin, die ja in Berlin lebt und in deren Bildern nicht selten eine gewisse Metropolenmelancholie aufzuspüren ist, sich von diesen Brückenbauwerken zu ihrem Gemälde hat inspirieren lassen. Mit einem sicheren Gespür für dramatische Effekte lässt ihr Bild die Betrachter konsequent im Unklaren, ob ihre "Urbrücke" über ein Gewässer führt oder ob eine Sturmflut in die Großstadt eingebrochen ist. Hinweis auf eine Naturkatastrophe könnte zum Beispiel sein, dass mit der schwarz schäumenden See ein dunkel drohender, Unheil verheißender Himmel korrespondiert. Entscheidend ist aber, dass die Brücke bis jetzt dem wütenden Ansturm der Elemente standgehalten hat.

Womöglich fällt dem einen oder anderem bei diesem Anblick die Pop-Schnulze "Bridge over Troubled Water" von Simon & Garfunkel ein, in der ebenso eine Brücke über "aufgewühltem Wasser" besungen wird. Dort heißt es in deutscher Übersetzung: "Wenn du erschöpft bist und dich klein fühlst, wenn deine Augen voller Tränen sind, werde ich sie alle trocknen."

Trost und Zuversicht

An anderer Stelle wird Beistand versprochen, "wenn die Dunkelheit kommt und alles schmerzerfüllt ist". Das gefühlvolle Lied spendet Trost und Zuversicht in einer scheinbar aussichtslosen Situation, wenn man vor lauter Verzweiflung glaubt, es gehe nicht mehr weiter. Auf das Gemälde von Johanna Staniczek bezogen, ließe sich sagen: Auch wenn die Naturkräfte noch so toben, weiß doch jeder, dass es selbst nach dem heftigsten Unwetter wieder aufklart und die Flut abzieht.

Wegen Renovierungsarbeiten im Alten Schloss kann die den Fluten trotzende "Urbrücke IX" derzeit leider nicht betrachtet werden. Die Gemäldesammlung des Oberhessischen Museums ist aber ab Oktober wieder zugänglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare