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Über alten und neuen Antisemitismus

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Von: Barbara Czernek

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Die Autorinnen Olga Grjasnowa (links) und Jo Glanville mit Professor Sascha Feuchert FOTO: BAC © Barbara Czernek

Gießen (bac). »Antisemitismus und Rassismus waren unterschwellig immer da, aber seit 2010, seit dem Erscheinen des Buchs ›Deutschland schafft sich ab‹ von Thilo Sarrazin hat es sich verändert. Der Rassismus wird offen gezeigt«, sagte Olga Grjasnowa im Rahmen der Diskussionsrunde »Antisemitismus heute«, die vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG) am Mittwochabend in der Alten Universitätsbibliothek ausgerichtet wurde.

Das LZG hatte dazu die Autorinnen Olga Grjasnowa und Jo Glanville eingeladen, zwei Essays aus dem von Glanville herausgegebenen Essayband »Looking for an Enemy. 8 Essays on Antisemitism« vorzustellen. Geleitet und moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität.

Das Buch, das bislang lediglich in Englisch erschienen ist, beleuchtet die Wurzeln des Antisemitismus von ihren Ursprüngen bis hin zur Gegenwart. Namhafte Autoren und Denker, wie unter anderem Tom Segev, Jill Jacobs und Mikhail Grynberg gehen den Ursprüngen der antisemitischen Verschwörungsmythen nach.

Glanville, die Herausgeberin des Werks, ist Gaststipendiatin der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und forscht zu Briefen des SS-Arztes Josef Mengele. Zudem war die engagierte Journalistin von 2012 bis 2017 die Direktorin des englischen PEN-Clubs. In ihrer Abhandlung »Bloody Jews« greift sie einen Fall aus dem 12. Jahrhundert in England auf, bei dem ein Junge ermordet wurde und als Täter angeblich niemand anderes in Frage kam als die dort ansässigen Juden. So zeigte sie die historischen Dimensionen von Verschwörungstheorien über Juden auf, die sie in gekürzter Version den rund 80 Teilnehmern des Abends vorstellte.

Fachbuch vorgestellt

Olga Grjasnowa ist 1984 in Aserbaidschan geboren und kam im Alter von elf Jahren als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland und wuchs in Friedberg auf. Ihr Beitrag in dem Buch und am Abend lautet »The ashes are still warm«. Darin schaut sie hinter die Kulissen des aktuell aufkommenden Rassismus und Antisemitismus, legt Zahlen, Daten und Fakten vor. Eigentlich habe sie damals gar nicht nach Deutschland gewollt, in ein Land, in dem die Sprache der Täter gesprochen werde, sagte sie. Heute lebt Grjasnowa in Berlin und beschreibt ihr Verhältnis zu Deutschland als ambivalent, denn ihre Kinder sind hier geboren, wachsen hier auf und sprechen wie selbstverständlich diese Sprache. Aber so ganz würde sie dem Land nicht trauen und verweist auf die NSU-Morde und deren Verunglimpfung als »Döner-Morde« bis hin zu den Auswüchsen rund um die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart, die gerne und bewusst provoziere.

»Ich habe mir ihre Äußerungen mindestens 60-mal angesehen und diese Äußerungen sind für mich eindeutig judenfeindlich. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso der deutsche PEN-Club dies als Meinungsfreiheit verteidigt hat«, sagte Grjasnowa und ergänzte, dass sie, nachdem sie erfahren habe, dass der PEN-Club dies so verteidigt habe, sie sofort aus der Schriftstellervereinigung ausgetreten sei. Dennoch hoffe sie, dass es auf Dauer eine Veränderung der Sichtweise geben werde. »Bis Februar dachte ich, dass es besser werden würde.« Allerdings habe sich die Welt seit Februar 2022 deutlich verändert und mit ihr kommen erneute Verschwörungsmythen nach oben, oftmals getragen und verbreitet durch die russische Propagandamaschinerie, gaben die drei Akteure zu bedenken.

Eine Lösung, wie man dem entgegentreten kann, konnte sie auch nicht aufzeigen. »Wir haben das Privileg des Friedens hier in Deutschland«, sagte Feuchert zum Abschluss.

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