Tumult und Demokratisierung

  • vonChristian Schneebeck
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Die "Georg-Büchner-Universität" gibt es nicht. Es hat sie auch nie gegeben. Ihr Geist wirkt aber bis heute nach. Am 30. Mai 1968 besetzten Studenten das Hauptgebäude der Gießener Uni und benannten die Hochschule kurzerhand symbolisch nach dem Dichter und Revolutionär. Zwei ihrer Kernanliegen: die Öffnung und die Demokratisierung aller Universitäten.

Die "Georg-Büchner-Universität" gibt es nicht. Es hat sie auch nie gegeben. Ihr Geist wirkt aber bis heute nach. Am 30. Mai 1968 besetzten Studenten das Hauptgebäude der Gießener Uni und benannten die Hochschule kurzerhand symbolisch nach dem Dichter und Revolutionär. Zwei ihrer Kernanliegen: die Öffnung und die Demokratisierung aller Universitäten.

Ein halbes Jahrhundert später ist "68" längst zum Mythos geworden. Die Zeit sei also reif, "ohne Nostalgie, aber auch ohne pauschale Verurteilung" auf jene "glücklich gescheiterte Umgründung der Bundesrepublik Deutschland" zurückzublicken, sagte Prof. Claus Leggewie am Mittwochabend in der Uni-Aula beim Auftakt der Ludwig-Börne-Vorlesungen des JLU-Präsidenten zum Thema "68. Eine Revision".

Leggewie, der die Reihe konzipiert hat und mit seinem programmatischen Vortrag den FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube vertrat, richtete das Hauptaugenmerk auf die "Universitäten nach der Hochschulreform". Als "Spät-68er" habe er den Kampf für eine "kritische Universität" hautnah miterlebt, berichtete er. Als Wissenschaftler beschäftige ihn der Stoff bis heute – zumal einige Absichten der Protestbewegung, wie das Aufbegehren gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung und ihre Auswüchse, nach wie vor aktuell seien.

Generell seien die Hochschulen damals zu "Schauplätzen harter Auseinandersetzungen" geworden, deren Gegenstände oft weit über das akademische Feld hinauswiesen. Konkret nannte Leggewie unter anderem die Frauenbewegung, den Vietnamkrieg und den Streit um die NS-Vergangenheit. Angetrieben nicht zuletzt durch die "unhistorische Vermengung von Nationalsozialismus und Imperialismus" habe der Aufruhr der noch jungen Republik gezeigt, "in welchen Tumult eine stabile Institution wie die Universität geraten konnte".

In seiner Analyse betonte der Politikwissenschaftler besonders die vielfältigen Dialektiken der Revolte. Sie sei beispielsweise "proakademisch" und "antiakademisch" zugleich gewesen: Denn einerseits hätten die Studenten für eine Reform der Universitäten gestritten sowie dafür, akademische Bildung einem größeren Teil der Bevölkerung zugänglich zu machen. Unter dem Banner der "Solidarität mit der Arbeiterschaft" habe es sie aber andererseits mit ihren Erkenntnissen und Forderungen stets "raus aus den Universitäten und rein in die Betriebe" gezogen.

Auf seinem angestammten Terrain brachte der Protest recht schnell Erfolge. So beendeten die Reformen der Folgejahre die verhasste "Herrschaft der Ordinarien" oder weichten sie zumindest auf. An ihre Stelle trat die Mitbestimmung von Studenten und Lehrbeauftragten. Und auch gesellschaftlich hätten die 68er einiges verändert, sagte Leggewie, der mit dem Philosophen Jürgen Habermas von einer "Fundamentalliberalisierung" Deutschlands als langfristigem Effekt sprach.

Kritik bleibt aktuell

Dass "68" bei alledem reichlich Anlass zur Kritik bietet, versteht sich fast von selbst. In diesem Sinne ließ Leggewie die Gewalttäter der RAF ebenso wenig unerwähnt wie autoritäre Bewegungen der Gegenwart, etwa die von Identitären ins Leben gerufene "Konservativ-subversive Aktion", die ein Schlagwort der Studentenbewegung kapere. Die Reform der Universitäten selbst könne man freilich ebenfalls kritisch betrachten. Heute, da immer mehr Menschen einen akademischen Abschluss machten und Unipräsidenten zunehmend zu "Managern" würden, könne man zum Beispiel die Öffnung der Hochschulen auch als "eine Form der Entwertung" und als ersten Schritt zu ihrer "Vermarktlichung" interpretieren. (Foto: csk)

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