Claudia S. mit ihrem Sohn. 	 PV
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Claudia S. mit ihrem Sohn.

Haft in Türkei

Gießener bekommt im Gefängnis unregelmäßig Medikamente – Hoffnung von Patrick K. schwindet

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Gießener Patrick K. ist seit über zwei Jahren in türkischer Haft, weil er sich - so die Behörden - der Kurdenmiliz anschließen wollte. Seine Chancen auf vorzeitige Entlassung schwinden täglich.

  • Seit zweieinhalb Jahren sitzt der Gießener Patrick K. in einem türkischen Gefängnis.
  • Ihm wird vorgeworfen, sich der Kurdenmiliz YPG anschließen zu wollen.
  • Das angestrebte Berufungsverfahren seines Anwalts geht nur langsam voran.

Gießen – Der 14. März 2018 hat das Leben von Claudia S. völlig auf den Kopf gestellt. An jenem Tag wurde ihr Sohn Patrick K. in einem türkischen Sperrgebiet an der syrischen Grenze aufgegriffen. Seitdem sitzt der 32-Jährige eine sechsjährige Haftstrafe ab. Zu Unrecht, wie seine Mutter glaubt. Zusammen mit den Anwälten kämpft sie daher gegen das Urteil an. »Die Hoffnung stirbt zuletzt, ich greife nach jedem Strohhalm.« Die Chancen auf eine vorzeitige Entlassung stehen jedoch schlecht. Noch immer wartet die Familie auf eine Entscheidung des obersten Gerichts in der Türkei.

Patrick K. aus Gießen: Widrige Haftbedingungen im türkischen Gefängnis

Vor rund eineinhalb Jahren hat der renommierte Anwalt Veysel Ok, der bereits den WELT-Journalisten Deniz Yücel vertreten hat, Berufung gegen das Urteil eingelegt. Geschehen ist seitdem nichts. Auch ein Antrag auf vorzeitige Haftentlassung, den das Anwaltsteam kurz nach dem Ausbruch der Pandemie gestellt hat, liegt auf Eis. »Seit Corona passiert juristisch gar nichts mehr«, sagt Claudia S..

Das Coronavirus bremst nicht nur den juristischen Prozess, es schränkt auch den ohnehin nicht gerade ereignisreichen Gefängnisalltag des Gießeners ein. Die meiste Zeit müsse er zusammen mit seinen zwölf Mithäftlingen in der Zelle verbringen, sagt seine Mutter, die jeden Montag mit ihrem Sohn telefoniert. Sport sei monatelang Tabu gewesen, längere Hofgänge seien es immer noch. »Arbeiten darf er ja sowieso nicht«, sagt Claudia S.. Immerhin hätten die Schikanen seiner Zellengenossen aufgehört. »Zumindest redet er nicht mehr davon.« Die Mutter möchte den Worten ihres Sohnes gerne glauben. Sie will aber auch nicht ausschließen, dass er sie lediglich beruhigen möchte.

Patrick K. braucht dringend Medikamente

Was Claudia S. beunruhigt: Ihr Sohn erhalte seine Medikamente nicht regelmäßig. »Er braucht seit Jahren Allergietabletten, außerdem hat er seit der Kindheit Probleme mit dem linken Ohr. Er kriegt die Medizin immer nur, wenn ich vorher beim Konsulat Druck ausgeübt habe.«

Die alltäglichen Hürden und der bestenfalls schleppende Fortschritt bei der Berufung lassen Patrick K. allmählich resignieren, sagt Claudia S.. »Er glaubt nicht mehr daran, dass er vor dem Ende seiner regulären Haftstrafe entlassen wird«, sagt die Mutter. »Meine Aufgabe ist es, ihm immer wieder aufzubauen.«

Yücel Anwalt hält Patrick K.s Strafe für unangemessen

Patrick K. wird vorgeworfen, er habe die Grenze nach Syrien überschreiten und sich der Kurdenmiliz YPG anschließen wollen. Freunde und Familie betonen, er habe in der Türkei wandern wollen. Nachdem sein Hotelzimmer aufgebrochen worden sei, habe ihn ein Mann per Anhalter mitgenommen und im Sperrgebiet ausgesetzt. Das Gericht sah es anders, auch wegen einer angeblichen E-Mail, die Patrick K. den Kämpfern geschickt haben soll. Sein Anwalt Ok hält die Strafe aus mehreren Gründen für nicht rechtmäßig. Er bemängelt zum Beispiel die kurz gehaltene Anklageschrift sowie die Tatsache, dass der Prozess nur wenigen Stunden gedauert habe. (chh)

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