Pfarrerin Carolin Kalbhenn im Homeoffice. FOTO: PM
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Pfarrerin Carolin Kalbhenn im Homeoffice. FOTO: PM

Tröstende Worte auch ohne Handschlag

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Gießen(khn). Begegnungen sind im Beruf von Carolin Kalbhenn das A und O. Doch wie kann eine Pfarrerin, die zusammen mit drei weiteren Kollegen für 7000 Gemeindemitglieder im Kirchenbereich Gießen-Nord zuständig ist, in Zeiten der Corona-Pandemie für Menschen da sein? "Wir mussten alles innerhalb kürzester Zeit umstellen", sagt die 45 Jahre alte Pfarrerin im Seelsorgebezirk Michael II. Und Lösungen finden, wie man zum Beispiel nach Beerdigungen Angehörigen Trost spendet.

Als die Schulen im Zuge der Corona-Pandemie schlossen, drehte sich der Wind, erzählt Kalbhenn. Plötzlich wuchs das Bedürfnis der Menschen nach Kontakt sehr schnell. "Wir verbringen nun viel Zeit am Telefon und im Internet", sagt sie. Wir: Das sind sie auch ihre anderen haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiter. "Ohne die würde vieles gar nicht laufen."

Schnell wurden die älteren Gemeindemitglieder, die nicht digital erreicht werden können, per Brief angeschrieben. Tenor: "Sie können uns immer anrufen, nicht nur bei Problemen, sondern auch, wenn Sie einfach eine Stimme hören wollen." Seitdem stehen die Telefone bei Kalbhenn und ihren Kollegen nicht still. Dort geht es dann um abgesagte Taufen, Hochzeiten oder Konfirmationen. "Manche sind natürlich enttäuscht", sagt die Pfarrerin, "aber allen ist klar, dass wir in einem Boot sitzen". Vielleicht aktuell mehr denn je. Dementsprechend herrscht viel Verständnis. Was auch an der Transparenz liegt, die Kalbhenn sehr wichtig ist. Auch bei Beerdigungen: Dass sie Angehörigen nicht die Hand geben kann, beschäftigt Kalbhenn sehr. Aber wenn sie es den Betroffenen sagt, wie gerne sie dies tun würde, aber es aktuell nicht gehe, helfe das den Angehörigen sehr.

In Krisen zeigen sich Menschen von ihrer schlechtesten Seite - und von ihrer besten. In Kalbhenns Wahrnehmung überwiegt Letzteres: wenn die Konfirmanden, deren Wochenendausflug ausfallen muss, sich fast alle bereit erklären, für Senioren einkaufen zu gehen zum Beispiel. "Jetzt brauchen wir nur noch mehr Ältere, die das Angebot annehmen", sagt sie. Gerade für die sei Selbständigkeit ein hohes Gut. "Sie wollen niemandem zur Last fallen", sagt die dreifache Mutter. "Es gibt sogar Ältere, die für noch Ältere einkaufen wollen. Das ist herzerwärmend." Für Kalbhenn ist es eine Zeit, zusammenzurücken, sich klarzumachen, dass wir in einer Gemeinschaft leben. "Ich hoffe, dass wir da heil rauskommen", sagt sie, "und auch die nicht vergessen, die gerade um ihre Existenz bangen. Wir müssen uns fragen, wie wir ihnen helfen können."

Die Pfarrerin ruft dazu auf, sich an kollektiven Aktionen zu beteiligen: um 18 Uhr dem Glockenläuten zuhören, um 19 Uhr gemeinsam singen, um 20 Uhr für diejenigen klatschen, die aktuell auf Hochtouren laufen - und laufen müssen. Und gleichzeitig diese verrückte Zeit als Chance zu begreifen. "Jetzt haben Familien in Momenten für- und miteinander Zeit, in denen sie vorher keine Zeit hatten."

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