Marthaler-Krimi

Tristan-Mord dient Jan Seghers als Vorlage

  • Karola Schepp
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Jan Seghers liest bei "Köhler" aus seinem brandneuen Marthaler-Krimi "Menschenfischer". Das Buch wird erst im November erscheinen.

Der bestialische Mord an dem 13-jährigen Tristan aus Frankfurt am Main erschütterte im März 1998 Deutschland. Noch heute hat man sofort das Foto des blonden Jungen vor Augen, wenn sein Name fällt. Im Mai vergangenen Jahres gab das Hessische Landeskriminalamt nach jahrelangen umfangreichen Ermittlungen bekannt, dass der 2014 verstorbene Manfred Seel, der als sogenannter "Hessen Ripper" mehrere Frauen getötet haben soll, möglicherweise auch für den Mord an Tristan verantwortlich sei. "Eine riesengroße Schweinerei, um Öffentlichkeit zu generieren", sagt Matthias Altenburg und berichtet davon, dass ein hoher LKA-Beamter ihm bei dieser Einschätzung Recht gibt.

Altenburg nimmt unter dem Pseudonym Jan Seghers für seine Krimireihe um Kommissar Marthaler immer wieder reale Kriminalfälle als Vorlage für fiktive Geschichten. In seinem im November erscheinenden Band "Menschenfischer" greift er eben jenen Fall Tristan auf. Kurz vor Veröffentlichung des mittlerweile sechsten Kriminalromans der Reihe war er damit am Freitag Gast des Krimifestivals und las vor einem "herzzerreißend konzentriert" lauschenden Publikum beim Herrenausstatter "Köhler". Für die musikalische Begleitung an diesem Abend sorgte Freddy Becker mit seinem Akkordeon.

"Köhler"-Inhaber Ludwig Vordemfelde verwickelte den Autor zu Beginn in ein launiges Vorgespräch, in dem Seghers vom Schreiben unter Zeitdruck und dem Schieferbergwerk eines Freundes als "idealem Ort für seine Geschichte" plauderte. Außerdem ließ er noch einmal den wahren Kriminalfall Revue passieren.

Aus Tristan wird Tobias

Im Buch wird aus dem realen Teenager Tristan der fiktive Junge Tobias, dessen grausam malträtierte Leiche spielende Kinder entdecken. Obwohl die Polizei umfangreich ermittelt, bleibt der Fall ungeklärt. Seghers lässt fünfzehn Jahre nach dem Mord seinen Kommissar Robert Marthaler von der Frankfurter Mordkommission einen Hilferuf seines ehemaligen Kollegen Rudi Ferres aus dem Mittelmeerort Marseillan entgegennehmen. Dort wurde angeblich der Täter gesehen. Marthaler fährt in das französische Fischerdorf und findet Hinweise, die ihn wiederum in ein düsteres Tal am Rhein führen. Dort werden in einem Bergwerksstollen zwei Roma-Jungen, die sich zuvor auffällig verhalten haben, ermordet aufgefunden. Gemeinsam mit Kommissarin Kizzy Winterstein, einer jüdischen Romni, ermittelt Marthaler und bekommt es mit einer Bande von Menschenhändlern zu tun.

Tristan wäre heute 33 Jahre

Jan Seghers ist bekannt für seine akribische Recherche und sein schriftstellerisches Geschick, aus einem realen Kriminalfall als "stabiles Sprungbrett für die Fantasie" eine spannende Geschichte zu kreieren, die basierend auf Fakten dennoch Fiktion ist. So wie er in der "Sterntaler-Verschwörung" die Ypsilanti-Affäre aufgearbeitet oder in "Die Akte Rosenherz" den Mord an der Frankfurter Edelhure Helga Matura als Vorlage eines Pageturners genommen hat, so greift er nun wieder ein reales Verbrechen auf. Dass das ausgerechnet der bestialische Mord an einem wehrlosen Jungen aus dem Frankfurter Westen ist, sorgt allerdings schon beim Zuhören für einen dicken Klos im Hals, auch wenn Seghers seine "nicht rein luftgeborene Geschichte" mit gutem Spannungsbogen in eine ganz andere Richtung lenkt. Man mag sich aber dennoch gar nicht vorstellen, wie es Tristans 2015 verstorbener Vater empfunden hätte, dass der Mord an seinem Sohn als Vorlage eines Kriminalromans oder sogar einer der populären Marthaler-Fernsehverfilmungen verwendet wird.

Wäre Tristan damals übrigens nicht seinem offenbar noch immer unbekannten Mörder über den Weg gelaufen, hätte er Anfang dieses Monats seinen 33. Geburtstag feiern können. Das Leben schreibt eben manchmal die schrecklichsten Geschichten.

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