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Trepper im Ausnahmezustand

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Der Kabarettist Wolfgang Trepper ist einer von vielen Künstlern, die von der Corona-Krise vor Herausforderungen gestellt werden. Sein Auftritt am 29. März in der Kongresshalle wird verschoben - als Vorsichtsmaßnahme. Im Interview erzählt er, welche Auswirkungen das für ihn hat, wie er die Lage beurteilt und auf was sich die Besucher bei einem Nachholtermin freuen können.

Herr Trepper, was macht Ihr Blutdruck? Sie regen sich immer so auf?

Auf der Bühne schon, privat eher selten. Ich bin ruhig und gelassen.

Aber Ihr Leben ist nicht ganz unstressig. Bis zu 280 Auftritte im Jahr. Und das seit 17 Jahren. Wie halten Sie das durch?

Das ist nicht einfach, geht auch manchmal über die Grenze der Belastbarkeit. Aber ich bemühe mich, in den letzten Jahren mehr und mehr, in Blöcken freizumachen. Das Reisen ist das eigentlich Anstrengende, die Bühne ist dann der einzige Ort, an dem ich zu Hause bin.

Und jetzt Corona-Zwangspause. Ihr Auftritt in Gießen und einige an anderen Orten sind erst mal verschoben. Und das mit ungewissem Ausgang.

Und das macht die Situation für alle umso schwieriger. Wenn du weißt, du bist jetzt in einer Scheißsituation und die geht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt vorüber, dann kann man sich darauf einstellen. Das Schlimmste ist diese Unsicherheit.

Halten Sie die Vorsichtsmaßnahmen für angemessen? Ihr Kollege Dieter Nuhr hat für seine Äußerung, er wolle doch einfach nur spielen, viel Schelte einstecken müssen. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, das würde Dieter Nuhr so heute auch nicht mehr sagen. Das Schwierige ist doch, dass wir bei dieser Corona-Sache eigentlich gar nichts wissen. Dieses Gefühl von Kontrollverlust macht es schwer.

Wer trägt bei solchen Ausfällen das Risiko: die Agentur, der Künstler,...?

Der Künstler. Wenn ein Theater absagt, und das ist in der Regel eine städtische Einrichtung, liegt das Risiko der Hallenanmietung beim Veranstalter. Die Theater sagen, du kannst hier nicht spielen, denn wir dürfen nicht öffnen. Es entstehen erst mal keine Kosten. Aber es gibt dann auch keine Einnahmen. Und das ist das Problem. Daher gibt es auch die Initiative, Leute davon zu überzeugen, ihre Karten erst mal zu behalten. Da muss man sich dann wieder als Künstler auf die Theater verlassen. Ob 300 oder nur 80 Karten verkauft worden sind, kann man schwer beurteilen.

Die Bundesregierung hat Künstlern und Veranstaltern diesbezüglich Hilfe zugesagt. Was halten Sie von solchen Versprechen?

Ich höre der Worte Klang, aber ich glaube es erst mal nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das reicht, weil der Großteil der Künstler alles zunächst selber bezahlen muss, wie etwa die Krankenversicherung.

Niemand weiß, wie lange Kulturveranstaltungen ausgesetzt werden müssen. Wäre es eine Option, Auftritte im Internet live mit Bezahlschranke zu übertragen?

Ich habe gestern Abend einen gemacht, in Hamburg im Schmidt-Theater. Da wird nun jeden Abend von 20.15 bis 21 Uhr live aufgezeichnet. Das ist natürlich in Ordnung. Aber dadurch generiert man keine Einkommen. Und man spielt in einem leeren Saal. Man hat nur die Kamera und sonst nichts. Die Lacher kommen, wenn überhaupt, vom Band. Das ist sehr schwierig.

Schließlich sind Sie nicht dafür Kabarettist.

Es ist nicht so, dass mich mein Mitteilungsbedürfnis auf die Bühne treibt. Es spricht auch nichts dagegen, mal freizuhaben. Aber das Problem ist doch, dass man nicht weiß, wie lange das anhält. Das wird uns wohl noch sehr lange beschäftigen. Und klar ist, dass ich in dieser ganzen Zeit keinerlei Einnahmen habe.

Können Sie der aktuellen Krise auch was Gutes abgewinnen? Entschleunigung, Besinnung auf das Wesentliche,...?

Ja. Ich liebe die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Und daran habe ich mich als erstes erinnert. Ich finde es aber auch gut, dass die Deutschen in diesen Tagen lernen, wie wichtig öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Fernsehen sind. Ich fände es sehr gut, wenn die Leute, wenn alles vorbei ist, sich daran erinnern und einfach mal die Schnauze halten, wenn es heißt, es kostet jetzt 86 Cent mehr. Ich möchte, dass Rundfunk und Fernsehen auch weiter öffentlich-rechtlich betrieben werden. Und ich fände es schön, wenn dieses ganze Gequatsche über die Grenzen endet. Da kommt so ein Virus und setzt sich über alle Grenzzäune hinweg. Es macht dann keinen Sinn, wenn Länder wie Belgien unterschiedliche Gesetze erlassen. Es geht nur zusammen. Und wir lernen, wieder mehr auf uns gegenseitig zu achten - eine wunderbare Erkenntnis.

Und als Kabarettist bekommen sie derzeit jede Menge Material geliefert. Stichwort: Hamsterkäufe.

Das ist ja schon eine Fallstudie. Man sollte mal erforschen, warum die Deutschen ausgerechnet Klopapier kaufen. Da muss man sich schon fragen, ob alles so scheiße ist.

Sie gehen Ende des Jahres gemeinsam mit Mary Roos und der Fortsetzung von "Mehr Nutten, mehr Koks - scheiß auf die Erdbeeren" auf Tournee. In Gießen werden sie aber solo auftreten. Worum geht’s in ihrem Programm?

Das kann ich jetzt beim besten Willen noch nicht sagen. Vielleicht referiere ich über Bundeskanzler Söder, vielleicht sage ich auch, dass unsere Regierung in den Himmel gehört, weil wir das Land sind, das am besten in der Krise aufgestellt war. Vielleicht waren es auch die größten Stümper aller Zeiten. Man muss hinnehmen, dass man heute einen Text schreibt und ihn morgen in die Tonne kloppen kann.

Solche Aktualität macht erstklassiges Kabarett aus.

Bei tagesaktuell muss man aber rechnen, dass man eineinhalb-Tage-aktuell sein muss. Es bringt nichts, wenn ich am Abend auf der Bühne auf etwas anspiele, was ich am Mittag in den Nachrichten gehört habe, aber kaum einer meiner Zuschauer. Das darf ich nicht voraussetzen. Ich warte einen Tag und dann geht es. Und wenn es schlechte Nachrichten sind, wartet man sowieso länger.

Sie gehen Politiker hart an: Gab es schon mal unentspannte Reaktionen?

Die sind es gewöhnt einzustecken. Es gibt aber auch Sachen, bei denen ich mich korrigiere. Das teile ich dann auch diesen Politikern mit. Ein Beispiel: Ich habe auf den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert in meinem letzten Programm mehrere Breitseiten abgefeuert. Bei einer öffentlichen Veranstaltung des "Spiegel" in Hamburg habe ich ihm zugehört und hatte den Eindruck, dass ich mich getäuscht habe. Der hat hochinteressante Gedankengänge. Man muss nicht alles teilen, aber was er sagt, ist jedenfalls ursozialdemokratisch. Und da habe ich ihm geschrieben, dass ich mich geirrt habe. Es gehört dazu, dass man auch mal sagt, wenn etwas falsch war.

Und nach der Vorstellung sammeln sie wieder am Autogrammtisch persönlich Spenden. Warum tun sie das mit einer roten Damenhandtasche?

Weil diese rote Damenhand- tasche Bestandteil meines ersten "richtigen" Bühnenprogramms war. Ich habe vor 30 Jahren bei einer Broadway-Vorstellung in New York gesehen, wie alle Musical-Darsteller beim Rausgehen mit einem Bettuch dastanden und Spenden anlässlich des Welt-Aids-Tages gesammelt haben. Das hat mich tief beeindruckt. Ich habe erfahren, dass unglaubliche Summen zusammengekommen sind, weil die das an allen Theatern so gemacht haben. Als immer mehr Leute zu meinen Vorstellungen gekommen sind, habe ich das ausprobiert. Ich bin stolz, dass so mittlerweile ein sechsstelliger Betrag zusammengekommen ist, der ganz verschiedenen Sachen zugute gekommen ist. Das macht mir große Freude.

Es ist außerdem mit relativ wenig Aufwand zu bewerkstelligen. Ich stehe dann noch mal eine halbe Stunde beim Publikum, komme ins Gespräch und das nutzen die Leute sehr. Und es kommen Beträge zusammen, mit denen man beispielsweise in einem Hospiz dafür sorgen kann, dass ein Durchbruch gemacht wird, damit die Leute, die nicht mehr aus dem Bett herauskönnen, in den Garten geschoben werden können, weil sie einmal noch den Himmel sehen wollen. Es wundert mich, dass nicht mehr Akteure so etwas machen, um Projekten eine Chance zu geben, die sonst keine hätten.

FOTO: BÖLTER

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