oli_krieb_200721_4c
+
Ernst-Ludwig Kriep und Hündin Enna sind beide im Dienst der Stadt für die Waldpflege verantwortlich.

Traumberuf mit trübem Einschlag

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
    schließen

Ernst-Ludwig Kriep kann sich keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Als Revierförster der Stadt ist der 52-Jährige nahezu jeden Tag dort unterwegs, wo andere Menschen Erholung suchen. Dabei erlebt er teils auch kuriose Dinge. Er nimmt aber auch Entwicklungen wahr, die ihn traurig stimmen.

Ernst-Ludwig Kriep kommt mit dem Lastenrad in den Stadtwald gefahren. Auf der Ladefläche sitzt Hündin Enna, die nach der Ankunft abspringt und freudig den Weg durch die Bäume in Richtung Schiffenberg anpeilt. In dieser Hinsicht ähneln sich Kriep und Enna sehr. Denn auch wenn die Streifzüge durch den Gießener Stadtwald längst Routine für den 52-Jährigen sind, genießt er diese urige Natur jeden Tag aufs Neue. »Ich kann mir keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen«, betont der Gießener Revierförster. Er sagt aber auch, dass der Traumberuf in den vergangenen Jahren an Strahlkraft verloren und »trübe Flecken« bekommen hat.

Kriep ist in Gießen geboren und in der Rabenau aufgewachsen. Der Wald hat in seinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. »Meine Eltern hatten einen kleinen Fuhrbetrieb. Sie haben vor allem Holz transportiert«, erzählt Kriep. Er habe kaum laufen können, da sei er mit den Eltern schon in den Wald gefahren und habe dort die geschlagenen Bäume abgeholt. Wobei ihn bereits damals der Wald wesentlich mehr begeisterte als die Lastwagen von Mama und Papa.

»Meine Eltern hatten regelmäßig mit Förstern zu tun. Das war ein Beruf, der mich von Anfang an angesprochen hat. Im Wald zu arbeiten, fand ich toll.« Und das ist auch heute noch so.

Kriep muss das nicht sagen, man sieht es ihm an. Während er zwischen den Bäumen entlang marschiert, lässt er immer wieder seine Hände über die Pflanzen streifen. Mal pflückt er ein Blatt, dreht und wendet es, mal bleibt er stehen und tätschelt die Rinde eines Baumes. »Das hier zum Beispiel ist eine Thuja, ein echter Exot in unserem Wald«, sagt Kriep. Die Zypressenart habe eine weiche Rinde, die Feuchtigkeit besonders gut speichern könne, sagt der 52-Jährige. »Somit können sie auch gut in Waldbrandgebieten überleben.«

Kriep und sein Team pflanzen solche Bäume immer wieder vereinzelt im Stadtwald. Der Revierförster spricht von einer Art Akupunktur. »Wir wollen schauen, wie diese Exoten zu den heimischen Arten passen. Die Thuja passt sehr gut, sie verdrängt die Eichen oder Buchen nicht. Allerdings schafft sie es momentan nicht, sich zu verjüngen.«

Verjüngungssorgen haben einst auch die Eltern von Kriep geplagt. Für sie war klar, dass der Sohn eines Tages den elterlichen Betrieb übernehmen würde. Kriep absolvierte daher nach der Schule eine Ausbildung zum Lkw-Mechaniker. Den Laden zu übernehmen, kam für ihn aber nicht in Frage. »Diese kleinen Selbstständigen, wie es meine Eltern auch waren, haben rund um die Uhr gearbeitet, zumindest gedanklich. Für andere Dinge wie Freizeit und Urlaub war kaum Zeit. Das wollte ich anders haben, auch für meine Kinder«, sagt Kriep.

Und so folgte er seiner Leidenschaft aus der Kindheit und begann in Göttingen ein Studium der Forstwirtschaft. Ein »tolles und abwechslungsreiches« Studium, wie er sagt. Besonders das zweite Staatsexamen beim damals noch existenten Forstamt Butzbach habe seinen Blick auf den Beruf nachhaltig geprägt. »Ich habe den Wald als Gemeinschaft, als Organismus verstanden, in dem von den Kleinstlebewesen bis zur großen Buche alle miteinander in Beziehung stehen.«

1996 beendete Kriep sein Studium. Voller Tatendrang wollte er in die nachhaltige Waldwirtschaft eintauchen. Doch daraus wurde erst einmal nichts. »Zu dieser Zeit sind aus ökonomischen Gründen viele Forstämter geschlossen beziehungsweise zusammengelegt worden«, erzählt Kriep. Diese Einsparungen sorgten für einen angespannten Arbeitsmarkt. Gleichzeitig musste Kriep Geld für sich und seine kleine Familie verdienen. Und so fand er sich in einem Job wieder, der so gar nicht zu seiner Auffassung von Waldwirtschaft passte.

»Ich habe für verschiedene Sägewerke Holz akquiriert, im Wald besichtigt, klassifiziert und vermittelt.« Mit seiner Leidenschaft hatte das wenig zu tun, auf der anderen Seite verdiente Kriep gutes Geld, zu jener Zeit boomte die Holzwirtschaft. Dennoch sondierte er weiterhin den Arbeitsmarkt - und stieß 1999 auf die Stellenausschreibung der Stadt Gießen, die einen Abteilungsleiter im Liegenschaftsamt suchte.

Kriep ist somit schon über 20 Jahre für jene Stadt im Einsatz, in der er geboren wurde. Allerdings hat sich sein Aufgabengebiet stark gewandelt.

Zu Beginn von Krieps Tätigkeit hat noch das Land die Bewirtschaftung des Stadtwaldes erledigt, die Stadt zahlte dafür eine Gebühr. Allerdings war diese Zeit ökonomisch gesehen nicht sonderlich erfolgreich, am Ende des Jahres stand in der Regel ein Minus unter dem Strich. »Ich wollte aber andere Wege gehen«, sagt Kriep und meint damit eine Bewirtschaftung in Eigenregie.

Mit seinem Vorhaben stieß er im Rathaus auf offene Ohren, 2012 löste sich die Stadt von der staatlichen Beförsterung. Seither deckt der Wald nicht nur die Kosten von Pflege und Personal, er wirft auch ganz passable Gewinne ab - und das trotz zurückhaltender Bewirtschaftung, schließlich hat der Gießener Stadtwald in erster Linie eine ökologische Funktion, zudem dient er der Naherholung.

In den vergangenen Jahren wurden trotzdem viele Bäume gefällt - sehr zum Leidwesen von Kriep. Denn Dürre und Hitze sorgen für derart schwere Schäden, dass viele Bäume nur noch Fälle für die Motorsäge sind. Das hat zur Folge, dass Kriep immer öfter mit schweren Gedanken durch den Wald läuft. »Das trübt den Traum- beruf ein bisschen.«

Und trotzdem: Kriep genießt es weiterhin, dort zu arbeiten, wo andere Erholung suchen. Oder andere Dinge. Mit einem Lächeln erzählt Kriep, im Dickicht durchaus schon auf Liebespaare gestoßen zu sein. Auch andere Begebenheiten bringen ihn regelmäßig zum Schmunzeln. Neulich sei er einer Gruppe Asiaten begegnet, die durch ein Rascheln aufgeschreckt wurde und Kriep sorgenvoll fragte, ob in den Wäldern Gießens Löwen beheimatet seien. Kriep erinnert sich aber auch an ein merkwürdiges Geräusch, dass ihn selbst beunruhigte. »Das war im Winter. Es stellte sich heraus, dass ein Mann im Wald geschlafen hatte, um seine neue Outdoorausrüstung bei Minusgraden zu testen.« Kriep erzählt diese Anekdoten mit einem Lächeln. Er freut sich, wenn die Menschen den Wald, nun ja, intensiver erfahren wollen. Daher lag es ihm auch stets am Herzen, seine vier Kinder für die Natur zu begeistern. »Das hat geklappt«, sagt der Revierförster. Und auch die Leidenschaft für Hunde teilt Kriep mit den Kindern. Seine Münsterländerin Enna ist übrigens die einzige tierische Mitarbeiterin der Stadt Gießen. Als Diensthund steht sie ihrem Herrchen treu zur Seite - und würde ihn vermutlich auch gegen wilde Löwen verteidigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare