Michaela Augustin-Bill und Birgit Kurz sind neuerdings laufend mit Trauernden unterwegs - und machen gute Erfahrungen damit. FOTO: CG
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Michaela Augustin-Bill und Birgit Kurz sind neuerdings laufend mit Trauernden unterwegs - und machen gute Erfahrungen damit. FOTO: CG

Trauerarbeit in Bewegung

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Gießen(cg) . In Zeiten von Corona ist vieles anders - auch die Trauer. Als im März das öffentliche Leben zum Erliegen kam, waren Angehörige, die einen geliebten Menschen verloren hatten, plötzlich ganz allein. Die Bestattung musste in sehr kleinem Rahmen stattfinden, es gab keine Gottesdienste, keinen Gesang, keine Beileidsbesuche, keine Zerstreuung durch kulturelle Veranstaltungen oder gesellige Treffen. Es gab in diesem Ausnahmezustand keine Hilfen, denn niemand war auf eine solche Situation vorbereitet.

Birgit Kurz und Michaela Augustin-Bill vom ambulanten Hospizdienst des Caritasverbandes sind normalerweise für Trauernde da, sie laden sie zu Gesprächen unter vier Augen in ihr Büro oder in eine Trauergruppe ein. Doch in einer Pandemie gibt es kein normalerweise. Deshalb kamen die Frauen auf die Idee, sich mit den Ratsuchenden zu einem Spaziergang zu treffen. Diese anfängliche Notlösung hat sich mittlerweile etabliert. "Wir haben festgestellt, dass die Bewegung hilfreich ist. Sie tut dem Gedanken- und Gesprächsfluss gut", sagt Birgit Kurz.

Das gelte sicher nicht für jeden Klienten und sei individuell unterschiedlich, aber die guten Erfahrungen mit der Trauerarbeit während des Laufens haben dazu geführt, dass sie dieses Angebot als Ergänzung beibehalten wollen. Während man nebeneinander hergeht, fällt manches leichter: Das Reden und das Schweigen, und manchmal auch das Lachen und Weinen. Gesprächspausen werden nicht als unangenehm und belastend empfunden. Zudem bietet die "Kulisse" aus Blumen, Bäumen, Gärten oder Häusern Anknüpfungspunkte für Erinnerungen oder Einfälle. Die Regie bei einem solchen Spaziergang überlassen die Trauerbegleiterinnen ihren Klienten. Sie geben ihnen die Möglichkeit, herauszufinden, was gerade ihr Thema ist: Das Alleinsein, Ängste, der Verlust, Schuldgefühle, die Erinnerungen oder was auch immer. "Wir wollen für die Menschen da sein", sagt Kurz. Je nachdem, in welcher Phase ihrer Trauer sie sich befänden, seien die Bedürfnisse sehr unterschiedlich.

Trauernde können Nähe nicht zu jedem Zeitpunkt gut vertragen. Aber wenn sie das Bedürfnis nach Zuwendung und Gemeinschaft haben und diese aufgrund der aktuellen Situation nicht bekommen können, ist das besonders bitter. "Nicht in den Arm genommen zu werden, wenn es einem schlecht geht, ist eine schlimme Erfahrung", sagt Augustin-Bill. Sowohl Trauernde als auch deren Freunde seien tief verunsichert: Wie viel Trost kann man mit einem Abstand von 1,5 Metern spenden? Will man den Erfahrungen durch Corona etwas Gutes abgewinnen, so ist es die entstandene Vielfalt, sagen die Mitarbeiterinnen des Caritasverbandes. "Wir gehen im wahrsten Sinne des Wortes neue Wege". Dazu ist jeder eingeladen, dem das Herz nach dem Tod eines geliebten Menschen schwer ist.

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