Lavendelfeld in Südfrankreich. FOTOS: PM
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Lavendelfeld in Südfrankreich. FOTOS: PM

Trauer um einen begnadeten Maler

  • Norbert Schmidt
    vonNorbert Schmidt
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Zum Tod des 1956 in Gießen geborenen Künstlers Günther Hermann. Ein Nachruf.

Sein Sujet war die Natur, waren Pflanzen und da vor allem alte, knorrige Bäume, denen er überall dort auf der Welt nachspürte, wo sie am ausdruckstärksten wild wachsen oder wo sie in Gärten oder Parks in kultureller Ordnung Anmut vermitteln. Sein Metier war die detailversessene Malerei, bevorzugt auf Metalldruckplatten oder mit Aquarellfarben direkt auf Papier. Seine Kunst war es, das Gesehene quasi im Kopf auf die drei Grundfarben zu reduzieren und diese hernach beim Druck wieder zusammenzuführen, eine schiere Explosion von Licht und farblichem Facettenreichtum erzeugend. Seine Ausstellungen konnten dem Betrachter ein Fest der Sinne sein. War? Konnten? Ja, Günther Hermann ist gegangen; still und zurückhaltend, so, wie er im Leben war.

Der 1956 in Gießen geborene und dort am Rodtberg großgewordene Maler und Grafiker hat sein Atelier für immer verlassen. Er starb am Mittwoch, 16. Dezember, im Kreis seiner Familie in Fronhausen an der Lahn. Zu den Trauernden zählen seine Mutter in Gießen, die Ehefrau und zwei erwachsene Kinder, darüber hinaus etliche Freunde und Weggefährten sowie - nicht zu vergessen - zahllose Menschen, denen er während seiner Lehrtätigkeit seit den frühen 1980er Jahren an der Volkshochschule in Gießen die Leidenschaft für die Kunst des Radierens und des Malens in unterschiedlichen Techniken vermittelt hat.

Seine ersten künstlerischen Gehversuche machte er mit 19, nachdem ihm ein Dalí-Buch in die Hand gefallen war. Er heuerte bei Dozent Gerhard "GKA" Sturm an der VHS an, der sein erster Lehrmeister wurde und ihn motivierte, sich an der Frankfurter Städelschule um ein Studium zu bemühen. Mit Erfolg. Von 1978 bis 1984 zählte an dieser Hochschule unter anderem der Maler, Grafiker und Glasbildner Prof. Johannes Schreiter zu seinen Lehrern. Noch in dieser Zeit "erbte" Hermann quasi Sturms Stelle an der VHS, nachdem das Vorbild zunächst für ein halbes Jahr nach Paris gegangen war. Aus der Interimslösung wurde, neben der eigenen Kreativität als Künstler, eine immer mit Freude erledigte Aufgabe fürs Leben - zumal unter den Schülern eines Tages auch seine spätere Frau Sabine war.

Große Resonanz

Zu dieser Zeit zählten erste Ausstellungen und nach Abschluss des Studiums die Entscheidung, fortan freischaffend als Maler und Grafiker zu arbeiten, zudem die Gründungsmitgliedschaften in der Gießener "Produzentengalerie 42" in der Neuen Bäue und im regionalen Berufsverband der Bildenden Künstler. Nicht zu vergessen, nach dem Unfalltod seines ersten Lehrmeisters "GKA" Sturm 1985, der persönlich gefasste Beschluss, fortan nur noch "grün" zu malen. Was um 1990 unter anderem Ausdruck fand beim Bau des Atelierhauses in Fronhausen: Der im phantastischen Realismus wurzelnde Maler, zu dessen Vorbildern Claude Monet zählte, schuf sich daneben einen großen Garten, mit Seerosenteich und zahllosen wachsenden und blühenden Bildvorlagen.

Die Resonanz auf Günther Hermanns Schaffen zog immer größere Kreise, wobei der Vollständigkeit halber beim Blick auf die Biografie zu erwähnen ist, dass er 13 Jahre Vorstandsmitglied im Oberhessischen Künstlerbund war, sowie, 2005 bis 2007, Lehrbeauftragter am Institut für Kunstpädagogik der Uni Gießen. Vertreten war oder ist sein Werk national in knapp zehn Editionen, darunter die Edition "noir" in Lich. Gehandelt werden Hermanns oft großformatige Werke in mehreren Galerien. Ungezählt die Zahl seiner Einzelausstellungen und der Ausstellungsbeteiligungen, deren Auflistung den Rahmen dieses Nachrufs sprengen würde.

Nicht minder ungezählt auch die Reisen, die Hermann unternahm, um unmittelbar die Wirkkraft seiner Objekte zu spüren, um sie zu verinnerlichen. Destinationen waren etliche mediterrane Regionen mit ihren Olivenhainen, namentlich in Spanien, Frankreich und Italien, waren der deutsche Osten und Europas Norden, nicht zuletzt auch Ostasien - und dort vor allem Kambodscha, wo er sehen (und festhalten) wollte, wie sich die Natur verfallende (Bau-)Kultur zurückerobert. Aus der Inaugenscheinnahme all dieser Sehnsuchtsorte wurden grandiose Bilder, darüber hinaus die Kunstbildbücher "Starke Bäume" und "Faszination Garten". Wobei zum Ende der Schaffensphase hin insofern "das grüne Sujet" gesprengt wurde, als sich Hermann mit Verve den Urgewalten des Meeres widmete. Einen sehr umfangreichen Blick über das Oeuvre von Hermann vermittelt die Internetpräsenz des Künstlers auf edition-noir.de.

Filter des Lichts

Dort sind sie zu sehen, die Olivenhaine und Seestücke, die Gärten, Landschaften und Alleen. In etlichen malerischen Techniken, von der Zeichnung über die (Aquatinta-)Radierung bis zur Ölmalerei, vom Wildwuchs bis zur Rabatte. Berauschend etwa die Dominanz des Lichts in Wildwuchsaquarellen, die alten Olivenbäume in goldstrahlenden dorrenden Wiesen und Waldseen, in denen die Sonne gleist. Wie schrieb der Kunsthistoriker und vieljährige Hermann-Mentor Dr. Friedhelm Häring, der frühere Leiter des Oberhessischen Museums, für einen hoffentlich noch erscheinendes Werkbuch des allzu früh verstorbenen Malers: "Alles Sichtbare ist nur über Licht und Farbe erfahrbar."

Wie sich Sehen und Erkennen in malerischen Schichten auflöse oder aufbaue, so sei es auch für Hermann, über das Handwerkliche hinaus, zum Erkenntnisraum auf der Bildfläche geworden, zur Philosophie des Schaffens. "In seinen Radierungen, Aquarellen und Ölbildern weckt das Licht die Farbe im Wandel der Jahreszeiten und hebt den Gegenstand in eine andere Bedeutung." Alles was Günther Hermann gemalt habe, sagt Häring, sei "durch den Filter des Lichts gegangen", sei ein Anliegen seiner Reflektion gewesen.

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