NKV_SchneiderHannah_1210_4c
+
NKV_SchneiderHannah_1210_4c

Transformation eines Grabsteins

  • VonDagmar Klein
    schließen

Gießen (dkl). Eigentlich hatte Andreas Walther, Künstler und Kurator in Gießen, seine Blick-nach-Osten-Reihe fortsetzen und erneut das Werk eines Künstlers aus Taiwan präsentieren wollen. Was aber coronabedingt noch nicht wieder möglich ist. Also erhielt Hannah Schneider, die für eine parallele Kunstintervention auf dem benachbarten Alten Friedhof angefragt war, die Chance den Kunstraum des Neuen Kunstvereins Gießen ebenfalls zu bespielen.

Entstanden ist eine sehr differenzierte Ausstellung, die beide Orte wechselseitig in Beziehung setzt. Das geschieht erstmalig und hat kontemplativen Charakter.

Auf dem Alten Friedhof entstand über gut zwei Wochen eine subtile Bodenarbeit: Eine rechteckige Plane bedeckte ein Stück Wiese in Höhe des Gärtnerhauses und hinterließ einen deutlichen Abdruck. Anfang letzter Woche kam die in Köln lebende Künstlerin erneut nach Gießen für eine Arbeitsperformance, das heißt ohne Zuschauende, aber mit einem Fotografen. Drei Bilder dokumentieren diesen Vorgang nun im Kunstverein: Hannah Schneider steht am Schmalende der noch auf der Wiese liegenden Decke, auf dem zweiten Foto hält sie die Decke senkrecht in die Höhe, auf dem dritten liegt sie auf dem Boden und hat die Decke komplett über sich gezogen. In dieser sehr körperlichen Aktion verbindet sie sich mit dem Friedhof als Ort des Todes, spürt also dem Prozess der Transformation nach. Wer auf ihrer Homepage blättert, findet vergleichbare Momente in ihrem bisherigen Werk. Ein historischer Friedhof als Ort ist offenbar Premiere.

Vor Ort liegt wie eine Spiegelung eine Glasplatte exakt daneben, vor allem um die Aufmerksamkeit der Parkbesucher zu lenken. Wie bei einer Skulpturenschau ist am Trampelpfad ein metallenes Hinweisschild aufgestellt.

Fotogrammetrie statt Silikonabguss

Die zweite Vorbereitungsaktion auf dem Friedhof erforderte einiges an Organisation und Recherche. Schneider wollte einen Silikon-Abguss von einem der historischen Grabsteine machen und diesen Abguss noch einmal transformiert in die Ausstellung bringen. Das war aus Denkmalschutzgründen nicht erlaubt, also hat sie eine Fotogrammetrie anfertigen lassen. Das sind Hunderte Fotos, die als Basis für eine 3D-Rekonstruktion dienen. Das Verblüffende ist, dass man auf diesem Abbild mehr Binnenstrukturen erkennt als direkt vor dem realen Grabstein an der Westmauer (parallel zum Nahrungsberg). Was mit den wechselnden Lichtverhältnissen zu tun hat. »Der Abdruck macht die Transformation des Steins deutlich, der über die Jahrhunderte abgeschilfert ist. Dennoch ist er wie ein schützender Mantel, genauso wie die Decke über mir, als ich auf der Wiese lag.«

Hannah Schneider studierte Bildhauerei zunächst in Bonn und schloss 2009 als Meisterschülerin bei Ulrike Großarth und Monika Brandmeier an der Kunsthochschule Dresden ab. Seit 2014 lebt und arbeitet sie in Köln. Sie wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien gewürdigt, zuletzt im Kunstmuseum Moritzburg in Halle. Mit ihren Ausstellungen ist sie europaweit vertreten, aktuell auch in Israel.

Die am Samstagabend eröffnete Ausstellung läuft noch bis 20. November (www.kunstverein-giessen.de). Zum Abschluss findet um 14 Uhr ein Gespräch mit der Künstlerin im Kunstverein und auf dem Alten Friedhof statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare