Trachten gegen Heimweh

  • Armin Pfannmüller
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Sie tanzen, tragen Trachten, singen und musizieren. Wer aus dem Egerland kommt, dem liegt die Musik offenbar im Blut. Auch 65 Jahre nach der Vereinsgründung steht für die Egerländer Gmoi Gießen die Brauchtumspflege im Mittelpunkt.

Sie stammen aus der Nähe von Karlsbad und Marienbad, aus Elbogen oder Falkenau. "Als wir nach dem Krieg nach Hessen gekommen sind, hatten wir vor allem eins: Heimweh", erinnert sich Hilde Schäfer. Für die aus ihrer Heimat vertriebenen Egerländer war es deshalb wichtig, Landsleute zu sehen, gemeinsam zu singen und nachbarschaftliche Besuche in Form sogenannter Hutza-Abende zu organisieren. Was sich zunächst vor allem im Rahmen privater Treffen abspielte, mündete 1952 in einen Verein: die Egerländer Gmoi Gießen. Dass Heimweh seinerzeit eine große Triebfeder war, daraus macht die 86-jährige Hilde Schäfer keinen Hehl. "Unsere ersten Treffen waren am Bahnhof, später sind wir in den Martinshof umgezogen", ergänzt Ingrid Paulus. Die Kleinlindenerin führt die Egerländer Gmoi seit 1991. "Damals hatten wir 241 Mitglieder", erinnert sich die 73-Jährige. "Dann ist der Verein gewachsen auf 350 Angehörige."

Mit dem Wachstum der Gmoi einher ging eine Vielzahl kultureller Veranstaltungen. Auch die Brauchtumspflege wurde großgeschrieben. Es gab eine Volkstanzgruppe und eine Singgruppe, die viele Jahre im Landeschor Hessen mitgewirkt hat. Zum Programm gehörten Mehrtagefahrten, Auftritte beim musikalischen Sommer auf dem Schiffenberg mit bis zu 1200 Besuchern und selbstverständlich die Egerländer Kirwa als Höhepunkt des Vereinsjahres. Bei ihren Festen tragen die Egerländer ihre Tracht. Als Kopfbedeckung dient den Herren der "Flodara" und den Damen die "Goldhaub’n". Und ein Zungenbrecher namens "Huasnoatotara" schmückt als Symbol das Wappen der Egerländer und dient in der Praxis als Knopf, der die Trachtenhose hält oder als Brosche an der Bluse der Frauentracht.

Auch der rheinische Frohsinn ist den Egerländern in Gießen nicht fremd. Dass bei den Festen immer mal wieder eine Prise Kölner Karneval dabei war, dafür hat Hermann Thomé als Lebensgefährte der Gmoi-Vorsitzenden gesorgt. Zu den Grundsätzen des Vereins gehörte es stets, Heimatverbundenheit und Kultur in den Vordergrund zu stellen. "Wir haben nie politisiert", sagt Ingrid Paulus kurz und knapp.

Mittlerweile hat die Egerländer Gmoi noch 160 Mitglieder und backt in Sachen Veranstaltungsangebot kleinere Brötchen. Dem letzten Auftritt auf dem Schiffenberg 2012 folgte 2013 die Auflösung der Volkstanzgruppe und 2014 der Abschied von der Singgruppe. "Von früher 33 Sängern sind gerade noch acht oder neun übrig geblieben", sagt die Vorsitzende, die mit ihren 73 Jahren zu den Nesthäkchen gehört, die noch im Egerland geboren wurden. Dass ein Verein, der sich hauptsächlich aus Vertriebenen zusammensetzt, irgendwann Nachwuchsprobleme bekommt, liegt in der Natur der Sache. Deshalb wirbt man bei den Egerländern auch nicht hektisch um neue Mitglieder. Deshalb sieht es der Vorstand auch gelassen, dass nur noch ein Drittel der Vereinsangehörigen aus dem Egerland stammt. Dafür freut man sich, dass die Gmoi sogar ein paar ganz junge Mitglieder wie die 14-jährige Sarah hat, die Enkelin der Vorsitzenden.

Stolz sind die Egerländer zudem darauf, dass es nach wie vor eine Reihe von Aktivitäten gibt. Ob beim Frühlingsfest mit Muttertagsfeier im Mai oder der Egerländer Weihnacht in der Mehrzweckhalle Allendorf im Dezember: "Zum Aufhören haben wir noch lange keine Lust", unterstreichen Hilde Schäfer und Ingrid Paulus. Das gilt auch für den Stammtisch der Egerländer Frauengruppe jeden Samstag ab 11 Uhr in der "Gießener Stube" und erst recht für die Egerländer Kirwa, die seit 2014 im Bürgerhaus Lollar gefeiert wird. "Ein voller Erfolg" kommentiert die Vorsitzende den Umzug von Kleinlinden in die Nachbargemeinde im Norden. Das Erfolgsgeheimnis ist denkbar einfach. "Die Menschen kommen in Tracht und wollen die alten Lieder hören." Dafür sorgen die "Echten Böhmerländer" mit Horst Nausch an der Spitze. Die Musiker aus Aschaffenburg stehen in der Tradition eines Rudi Kugler, Ernst Mosch, Hubert Wolf oder Helmut Baier. Und sie werden auch am 14. Oktober in Lollar auf der Bühne stehen, wenn die Egerländer Gmoi ihren 65. Geburtstag feiert. An diesem Ehrentag soll auch Hermine Krug dabei sein, die im März 99 Jahre alt wird. Sie ist das einzige noch lebende Gründungsmitglied der Egerländer Gmoi.

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