In ihrer Wohnung über dem damaligen Kino Heli in der Frankfurter Straße wurde Sonja V. am Neujahrstag 1994 mit durchschnittener Kehle und massiven Kopfverletzungen von ihrer Tochter tot aufgefunden.	FOTO: SCHEPP
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In ihrer Wohnung über dem damaligen Kino Heli in der Frankfurter Straße wurde Sonja V. am Neujahrstag 1994 mit durchschnittener Kehle und massiven Kopfverletzungen von ihrer Tochter tot aufgefunden.

»Mord verjährt nicht«

Gießen: Als ein Totschlag über dem Heli für Schlagzeilen sorgte

  • Karola Schepp
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Fast auf den Tag genau vor 26 Jahren wurde Sonja V. in ihrer Wohnung über dem früheren Kino Heli getötet. Schnell fiel der Verdacht auf ihren damaligen Lebensgefährten: den Inder Kulwant Singh. Der wurde erst Jahre später in England aufgegriffen und im Oktober 2000 wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er sei unschuldig, behauptete Singh bis zum Schluss.

Gießen - Es müssen schreckliche Szenen gewesen sein, die sich zum Jahreswechsel 1993/94 in einer Wohnung in der Frankfurter Straße 34 zugetragen haben. Die Tochter von Sonja V. wollte gemeinsam mit ihrem Freund nach der Mutter schauen, nachdem eine Verabredung zum Essen geplatzt war. Die jungen Leute betraten am Neujahrstag gegen 17 Uhr die über dem damaligen Kino Heli gelegene Wohnung, sahen, dass die Wohnungstür nur angelehnt war und machten eine grausige Entdeckung. Auf dem mit Blut besudelten Bett lag die 46-Jährige, mit durchschnittener Kehle und Kopfverletzungen. Sonja V. war zu diesem Zeitpunkt schon etwa 30 Stunden tot. Das Tatwerkzeug, ein Messer mit Zwölf-Zentimeter-Klinge lag unter ihrem Bett. »Die Frau hat den Angriff erkannt und sich heftig dagegen gewehrt haben«, berichtete der Rechtsmediziner später.

Gießen: Lebensgefährte im Visier der Ermittler

Ins Visier der Ermittler geriet schnell der Inder Kulwant Singh, der seit der Tat spurlos verschwunden war. Der damals 29-Jährige abgelehnte Asylbewerber hatte seit acht Monaten illegal bei Sonja V. gewohnt. Die beiden galten als Liebespaar. Doch die Tochter und Freundinnen der Getöteten berichteten der Polizei auch, dass das Paar in den letzten Monaten immer wieder heftigen Streit gehabt habe. Sonja V. soll Angst vor ihrem eifersüchtigen Lebensgefährten gehabt haben.

Für Kriminaloberkommissar Udo Kauß vom Kommissariat für Kapitalverbrechen und seine Kollegen war der Inder dringend tatverdächtig. Kulwant Singh wurde mit internationalem Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben, da er auch Kontakte zu Landsleuten in den Beneluxstaaten hatte und alles auf eine überstürzte Flucht hindeutete. Doch von dem Mann fehlte lange jede Spur.

Auch ein Fahndungsaufruf in der ZDF-Sendung »Aktenzeichen XY« brachte im Mai 1994 keinen Erfolg, wenn auch zahlreiche Anrufe aus ganz Deutschland mit Hinweisen auf den angeblichen Aufenthaltsort des Mordverdächtigen eingingen. Kommissariatschef Harald Löper wartete aber beim Kommissariat für Kapitalverbrechen in Gießen mit seinen Mitarbeitern vergeblich auf einen »heißen Tipp«, während Udo Kauß im Münchener »Aktenzeichen XY«-Studio bei Eduard Zimmermann war.

Kulwant Singhs Foto wurde in der Sendung gezeigt. Der 1,80 Meter große Mann mit leichtem Bauchansatz trug zwei Ringe im linken Ohr und hatte einen verstümmelten kleinen Finger an der rechten Hand. Den Tatort soll er in Panik verlassen haben, sodass er sogar persönliche Papiere und Unterlagen zurückließ.

Singh konnte aber erst fünfeinhalb Jahre nach der Bluttat verhaftet werden - von britischen Polizisten in Birmingham. Dort lebte er im Juni 1999 mit seiner Frau, adoptierten und einem gemeinsamen Kind. Im Januar 2000 wurde er den deutschen Behörden überstellt. Im August 2000 begann sein Prozess in Gießen. Er habe aus Eifersucht, Enttäuschung und Wut über die Trennungspläne seiner damaligen Partnerin der Frau die Kehle durchgeschnitten, lautete der Vorwurf.

Gießen: Verteidigung fordert Freispruch

Doch Kulwant Singh, vom Gießener Rechtsanwalt Ramazan Schmidt als Verteidiger vor Gericht vertreten, bestritt jede Beteiligung an dem Mord und lieferte ein andere Version der Geschichte. Er habe illegal als Asylbewerber in Deutschland gelebt, und sei freundschaftlich und intim mit Sonja V. verbunden gewesen. Eine Heirat mit ihr sei aber für ihn als Sikh ausgeschlossen gewesen. Er habe indes alles daran gesetzt, Deutschland in Richtung Kanada oder England verlassen zu können. Ein gewisser Khan habe ihm Schleuserdienste für 5500 Mark angeboten und mitgeteilt, dass es jederzeit losgehen könne. Am 30. Dezember 1993 sei es soweit gewesen. Mit einem Pkw sei er bis Belgien gefahren, von dort in einem Kleintransporter weiter bis zu einem Container, in dem er über den Kanal auf die britische Insel gebracht worden sei. Persönliche Dinge, die zu seiner Identifizierung hätten beitragen können, habe er auf Anweisung der Schleuser nicht mit sich führen dürfen.

»Die beiden haben sich doch geliebt«, widersprach im Prozess die Tochter der Getöteten. Es sei sogar von Hochzeit die Rede gewesen. Warum sie das nicht schon bei den Vernehmungen bei der Polizei gesagt habe, wollte der Verteidiger wissen und protestierte gegen den Ausschluss seines Mandanten von der Verhandlung während der Aussage der Tochter, die Singh nicht von Angesicht zu Angesicht entgegentreten wollte. Dass der Angeklagte der Tochter, die der Polizei zu einem sehr frühen Zeitpunkt mitgeteilt hatte, er müsse der Täter sein, keine Fragen stellen dürfte, wertere Schmidt als Verstoß gegen das Recht auf ein faires Verfahren.

Auch die Mutter des Opfers bezichtigte den Inder im Verfahren, ihrer Tochter mit seiner Eifersucht das Leben schwer gemacht zu haben. »Sie rief mich am 30. Dezember an und sagte, jetzt schlägt er mich auch«, berichtete sie.

Sonja V. habe aus Furcht vor ihrem Freund sogar eine Gaspistole im Nachttisch liegen gehabt, sagte eine Freundin in dem Prozess aus. Warum sie das nicht schon bei den polizeilichen Vernehmungen angegeben habe, erklärte die Frau mit ihrem damaligen gesundheitlichen Zustand: »Ich war fix und fertig und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch.« Auch Sonja V.s Tagebucheintrag vom 17. Dezember 1993 - »Ich war mit Kulwant im Paradies, aber jetzt ist etwas kaputt gegangen, das Vertrauen ist weg. Er hat mich verdächtigt, ich hätte etwas mit anderen Männern« - deutete auf massive Probleme in der Beziehung hin. »Und am nächsten Tag bin ich dann nicht mehr da«, habe die in Angst lebende Sonja gemutmaßt, nachdem sie ihr vorgeschlagen habe, Singh anzuzeigen, berichtete eine weitere Freundin.

Gießen: »Die Schlepper-Story, und nur so kann man sie bezeichnen, ist komplett eine Lügengeschichte«

Doch zwingende Beweise, die die Version Singhs widerlegen konnten, konnte die Staatsanwaltschaft im Prozess nicht vorlegen. Auch wurde beklagt, dass die Polizei Nachbarn, die dann im Prozess sechs Jahre später aussagten, nicht unmittelbar nach der Tat befragt hätte und Fingerspuren zunächst nicht ausgewertet worden seien. Nachermittlungen wurden angesetzt und der Prozess dafür unterbrochen.

Die Staatsanwältin hatte nach 13-tägiger Beweisaufnahme auf zwölf Jahre wegen Totschlags plädiert. Verteidiger Ramazan Schmidt war überzeugt, sein Mandant sei freizusprechen. Nur weil am Neujahrstag 1994 sofort der Verdacht auf seinen Mandanten gefallen sei, sei der noch lange nicht der Täter, argumentierte er. Denn bei der vermeintlichen Flucht habe es sich in Wirklichkeit um eine rasche Abreise mit der Schleuserbande gehandelt. Und auch Widersprüche zum genauen Todeszeitpunkt zwischen rechtsmedizinischem Gutachten und Zeugenaussagen machte er geltend.

Das Gericht sah das anders und verurteilte Singh zu zehn Jahren Haft wegen Totschlags. Dazu der Vorsitzende Richter Holger Gaßmann: »Die Schlepper-Story, und nur so kann man sie bezeichnen, ist komplett eine Lügengeschichte.« Ein anderer Täter komme nicht in Betracht.

Verhafteter Inder mit falschem Namen

Ermittler vom Kommissariat für Kapitalverbrechen, kurz K11, aus Gießen fuhren bereits wenige Tage nach der Tat Anfang Januar 1994 zur Grenzpolizei nach Aachen. Ein Grenzbeamter hatte sie informiert, dass dort ein Inder, der sich als Kulwant Singh ausgab, festgenommen worden war. Der hatte am Grenzübergang nach Holland keine Papiere vorweisen können und zufällig den Namen des wegen Mordes gesuchten Mann aus Gießen angegeben. Ein fataler Irrtum: Bei dem an der Grenze Erwischten handelte es sich nicht um den echten Kulwant Singh, sondern um einen wegen eines Verstoßes gegen das Asylverfahrensrecht Gesuchten. Dieser Mann hatte einfach den in Indien häufigen Namen angegeben, weil er Angst hatte, unter seinem eigenen Namen in Haft genommen zu werden.

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