Die brutale Tötung des 41-jährigen Martin S. sorgte 1991 für Schlagzeilen. 
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Die brutale Tötung des 41-jährigen Martin S. sorgte 1991 für Schlagzeilen. 

"Mord verjährt nicht"

Der tote Regierungsrat in Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Vor 30 Jahren wurde der stellvertretende Leiter einer Justizvollzugsanstalt in seiner Wohnung in der Mühlstraße in Gießen brutal getötet. Wir blicken auf den Fall zurück.

Vom Bett hatte er sich in den Flur Richtung Haustür geschleppt, schwer verletzt und blutüberströmt. Martin S. wollte Hilfe holen, doch sein Mörder folgte ihm und strangulierte ihn mit dem Gürtel eines Bademantels.

Immer wieder schilderte der Polizei- und Gerichtsreporter der "Gießener Allgemeinen" vor 30 Jahren diese Szene: Nach dem Auffinden der Leiche, während der Suche nach dem Täter, während des Gerichtsprozesses und zum Schluss noch einmal beim Urteil. Offenbar war es dem Kollegen wichtig, den Lesern die Gewalt in Erinnerung zu rufen, die das Opfer erleiden musste. Anklagevertreter und auch Kammer, so notierte er, sahen in der Tat eine "kompromisslose und gnadenlose Vernichtung eines Menschen". Da sei, so zitierte er den Vorsitzenden Richter, ein Aggressionspotenzial freigesetzt worden, das auch eine Schwurgerichtskammer selten sehe. Der 23-jährige Täter Frank H. wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde aufgrund seines Alkohol- und Drogenmissbrauchs verminderte Schuldfähigkeit attestiert.

"Mord verjährt nicht": Der tote Regierungsrat in Gießen

Bei der Suche nach dem Täter hatte die Polizei zunächst im Dunkeln getappt. Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, den Regierungsrat zu töten? Vielleicht die Schwerverbrecher der JVA Butzbach, für die S. zuständig war? Schließlich waren einige von ihnen zur Tatzeit beurlaubt. Dieser Verdacht erwies sich bald als falsch. Stattdessen geriet die sexuelle Orientierung des Beamten in den Fokus. Am Arbeitsplatz habe er seine Homosexualität "geschickt verbergen können", davon hätten weder die Häftlinge noch die Kollegen gewusst, hieß es in der Gießener Allgemeinen. Privat habe er die Nähe zur Homosexuellenszene in Gießen und Marburg gesucht, seinen späteren Mörder hatte er in im Herbst 1989 in einem Gießener Eiscafé kennen gelernt, offenbar hatten sie sich öfter in seiner schicken Altbauwohnung getroffen. Auf die Spur des Täters kam die Polizei durch einen Ring, den der Täter im Schlafzimmer verloren hatte. Der Verlobungsring mit Datum und der Gravur des Namens "Susanne" führte zu Frank H. der zu dieser Zeit wegen zweier räuberischer Attacken inhaftiert war. In beiden Fällen hatte er die Männer nach sexuellen Kontakten verprügelt und schwer verletzt. Anschließend hatte er ihnen die Autos gestohlen und war geflüchtet. Die Fälle ähnelten dem von Martin S.

"Mord verjährt nicht": Der tote Regierungsrat in Gießen

Während des Prozesses kam die offenbar labile Persönlichkeit des Täters zur Sprache. Der 23-jährige war in Kinderheimen in der DDR aufgewachsen, später war er zur See gefahren und hatte in einer Gießerei gearbeitet. Die Trennung von seiner Verlobten, Alkohol- und Drogenkonsum sowie homosexuelle Neigungen, die er nicht akzeptieren wollte, warfen ihn aus der Bahn. "Ich hasse Homosexuelle", sagte er im Prozess. Er sei Martin S. freundschaftlich verbunden gewesen, sie hätten einander vertraut. Es habe eine Übereinkunft zwischen ihnen gegeben, dass das Verhältnis platonisch bleiben sollte. Erst als dieser ihn sexuell bedrängt habe, sei er ausgerastet. "Wenn ich getrunken habe, dann dreh ich schon mal durch".

Geradezu schockiert zeigten sich Vertreter von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht von der Brutalität des Täters. Die habe sich schon bei den beiden Männern in Marburg gezeigt und sich dann bei S. gesteigert. Er habe den "guten Freund" zunächst mit einer Flasche so heftig auf den Kopf geschlagen, dass der Schädelknochen barst. Und auch, als der 41-Jährige bereits schwer verletzt in Richtung Haustür kroch, ließ der Täter nicht von ihm ab. Er verfolgte ihn und würgte ihn so lange, bis er starb.

Gefunden wurde Martin S. einen Tag später von der Polizei. Die Mutter des Getöteten hatte sich Sorgen um ihren ältesten Sohn gemacht, der an diesem Tag nach einigen Tagen Urlaub seinen Dienst in der JVA nicht angetreten hatte. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Sohn hatte sie sich auf den Weg von Bad Homburg nach Gießen gemacht. Als der Sohn die Tür nicht öffnete, verständigte die Mutter die Polizei. Die Beamten machten dann die grausige Entdeckung.

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