Der Fall sorgte für Aufsehen in Stadt und Kreis Gießen.
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Der Fall sorgte für Aufsehen in Stadt und Kreis Gießen.

»Mord verjährt nicht«

Gießen: Tote Frau in Reisetasche gefunden - Fall sorgte für Schlagzeilen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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In einem Kanalschacht in Gießen wird im Mai 1998 der Leichnam einer Frau gefunden - verstaut in einer Tasche. Die Polizei stößt auf eine verstörende Familiengeschichte.

Adelheid H. muss in der Gießener Nordstadt-Wohnung ein stundenlanges Martyrium durchlebt haben: Der Freund ihrer Tochter, Marco A., hatte die 49-Jährige mit einem Kabel an ein Rohr gehängt und sie dann zu Boden fallen lassen. Der 29-Jährige schüttete in einer Pfanne erhitztes Öl auf ihren Rücken. Außerdem vergewaltigte er die Frau und zwang sie zu weiteren sexuellen Handlungen. Anschließend schlug er sie bis zur Besinnungslosigkeit auf den Kopf und drückte ihren Kehlkopf ein - das alles im Beisein ihres Sohnes und ihrer Tochter. Am Ende soll Adelheid H. um einen Krankenwagen gebettelt haben - oder am besten gleich um einen Leichenwagen.

Es ist der 18. Mai 1998. Zwei Arbeiter einer Baufirma wollen gegen 15.45 Uhr in der Schlachthofstraße unterhalb der Konrad-Adenauer-Brücke Kanalarbeiten vorbereiten. Sie heben den schweren Deckel eines 2,50 Meter tiefen Schachtes hoch und entdecken darin eine orangefarbene Reisetasche. Die Männer holen sie hoch und öffnen sie. Verwesungsgeruch schlägt ihnen entgegen. In der Tasche finden sie eine in ein Bettlaken und mehrere Mülltüten gewickelte Leiche. Die Obduktion der Gerichtsmedizin ergibt, dass die Frau Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Ihr Körper weist erhebliche Verletzungen im Kopf- und Brustbereich sowie Hämatome am gesamten Körper auf. Sofort laufen die Ermittlungen der Polizei an. Das Problem: Die Frau wurde im Februar getötet, und die fortgeschrittene Verwesung macht die Identifizierung schwierig. Deshalb versuchen Fachleute, das Gesicht der unbekannten Frau zu rekonstruieren und ihr Erbgut zu analysieren. In ihrer Lunge finden sich Ablagerungen von Kohlenstaub; anscheinend hat sie irgendwann einmal in einem Kohleabbaugebiet gelebt. Die Fingerabdrücke der Frau sind nicht im Polizeicomputer gespeichert. Viele Spuren - aber alle verlaufen im Sand.

Dabei handelt es sich bei der Unbekannten um eine auffällige Frau: Sie ist 1,50 Meter klein und hat große Zahnlücken. Die Ermittler glauben, dass sie aus dem Flohmarkt- oder Prostituiertenmilieu stammt. Deshalb ist die Polizei in der Weststadt aktiv und verteilt Flugblätter in deutscher, polnischer und russischer Sprache, um die Flohmarktbeschicker anzusprechen.

Einen Monat später laden Polizei und Staatsanwaltschaft zu einer Pressekonferenz ein: Die Ermittler haben die Tote identifiziert und drei Personen festgenommen: den 20 Jahre alten Sohn, die 21 Jahre alte Tochter und deren 29-jährigen Lebensgefährten. Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner und der Chef des Kommissariats 11 für Kapitalverbrechen, Norbert Schlagdenhauffen, fällt es schwer, die Tat in Worte zu fassen. »Es ist unglaublich. Was dort passiert ist, glaubt uns kein normaler Mensch«, sagt Schlagdenhauffen.

Die beiden Männer erklären, dass ein zahnmedizinisches Gutachten den Durchbruch bei den Ermittlungen gebracht hat. So können die Polizisten das Alter der Frau auf 48 bis 53 Jahre eingrenzen; zuvor waren sie von 35 Jahren ausgegangen. Die Ermittler haben den Namen Adelheid H. zu diesem Zeitpunkt schon länger auf ihrer Liste: Sie ist verschwunden, es liegt aber keine Vermisstenanzeige vor. Ihr Sohn, ihre Tochter und dessen Lebensgefährte hatten erzählt, Adelheid H. habe sich mit einem türkischen Mann nach Koblenz abgesetzt.

Mit Hilfe der Speichelprobe einer weiteren Tochter von Adelheid H. kann die Polizei die Tote identifizieren. Ermittlungen im Umfeld der Familie ergeben ihr Übriges: Der Hauptverdächtige Marco A. ist vielfach vorbestraft; auch nach der Gewalttat im Februar 1998 geht er in den Gerichten ein und aus. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme läuft ein Verfahren wegen Vergewaltigung gegen ihn - die er nach dem Tod von Adelheid H. verübt haben soll. Nur: Ein Motiv für die Bluttat erkennt die Polizei zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ein Jahr später wird dem Trio vor dem Landgericht Gießen der Prozess gemacht: Marco A. muss sich wegen Mordes verantworten, die Tochter und der Sohn von Adelheid H. wegen Beihilfe. Die Öffentlichkeit wird nach der Anklageverlesung von der Verhandlung ausgeschlossen. Denn der Prozess wird nach dem Jugendstrafrecht geführt, weil die Kinder von Adelheid H. als geistig minderbegabt gelten: er mit einem IQ von 55, sie mit einem IQ von 65 bis 70.

Alleine das kann keine Erklärung dafür sein, dass der Sohn und die Tochter bei dem Martyrium ihrer Mutter anwesend waren und deren Misshandlung duldeten. Marco A. hatte die Geschwister während der Tat zum Gassigehen mit dem Hund oder zum Bierholen zu einer Tankstelle geschickt. Das taten sie auch - anstatt zur Polizei zu gehen. Auch ihre Aussagen gegenüber den Ermittlern sollen die Geschwister ohne erkennbare Emotionen gemacht haben.

Zeugen zeichnen während des Prozesses das Bild einer symbiotischen Familie. Eine Sozialpädagogin sagt, die Mutter habe ihre Kinder nie aus den Augen gelassen und sie sogar stets in die Stadt oder ins Kino begleitet. Die Anwältin der Tochter, Dagmar Nautscher, nennt die Beziehung »krankhaft pervers«. Eine frühere Nachbarin bezeichnet die Familie als »Lachnummer der Weststadt, etwas naiv und unterbelichtet«. Jedoch habe sie nie geglaubt, dass Adelheid H. ohne ihre Kinder nach Koblenz gezogen sei. Ähnliches erzählt die Schwester von Adelheid H. Sie sei eine gute Mutter, aber auch das schwarze Schaf der Familie gewesen.

Irgendwann muss Adelheid H. mit ihren Kindern zu Marco A. in die Nordstadt gezogen sein; ihre Wohnung in der Weststadt haben sie behalten. Die Polizisten, die diese Räume später durchsuchen, sprechen von verheerenden Zuständen: Mit Schaufeln hätten sie sich den Weg durch die Zimmer bahnen müssen.

Marco A. soll die Mutter und deren zwei Kinder immer wieder misshandelt haben. Seine schwangere Lebensgefährtin habe er mit dem Kopf gegen eine Wand geschlagen. Auch soll er ihr gedroht haben, »das Kind aus dem Bauch« zu treten. Adelheid H. soll Marco A. erst Geld aus der Küche gestohlen und dann auf seinen Namen Waren im Wert von 10 000 D-Mark bestellt haben. Deshalb soll er auch sie verprügelt haben. Der Tochter habe dies gefallen - sie soll dem 29-Jährigen hörig gewesen sein, heißt es während des Prozesses. Generell sei das Verhältnis von Mutter und Tochter von Liebe und Hass geprägt gewesen; zum Beispiel auch deshalb, weil Adelheid H. und Marco A. wohl eine sexuelle Beziehung hatten.

Der 29 Jahre alte Hauptangeklagte gesteht die Tötung der Mutter. Er verneint aber, sie gefoltert zu haben. Seine Aussage macht er mit aschfahlem Gesicht, während seine Hände und Lippen zittern. Der psychiatrische Gutachter hält den 29 Jahre alten hirnorganisch kranken Trinker für vermindert schuldfähig. Der Sohn der Toten befinde sich auf dem Entwicklungsstand eines Achtjährigen und sei leicht beeinflussbar gewesen. So soll er die Tasche mit der Leiche der Mutter zuerst in die Lahn geworfen haben, nur um sie später wieder herauszuziehen. Dann habe er sie im Schacht entsorgt. Die Tochter leide wegen einer Erbkrankheit unter einer Intelligenzminderung, habe aber das Unrecht der Tat einsehen können. Ihre Anwältin Dagmar Nautscher widerspricht im Prozess: »Ich habe mit ihr gesprochen und weiß, dass sie nichts kapiert.«

Marco A. wird unter Heranziehung des Paragrafen 21 des Strafgesetzbuches zu zehn Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt und in einer Psychiatrie untergebracht. Die für einen Mord notwendigen Mordmerkmale wie Heimtücke sind ihm nicht nachzuweisen. Die beiden Kinder von Adelheid H. erhalten wegen der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung Bewährungsstrafen.

Kaum jemand aus dem Umfeld der Familie hatte dem Trio die Legende abgekauft, dass Adelheid H. mit einem Mann Hals über Kopf nach Koblenz gezogen war. Aber warum hat niemand Verdacht geschöpft oder die Polizei verständigt? Eine Verwandte erzählt während des Prozesses, sie habe wirklich gehofft, dass die Geschichte von der neuen Liebe und dem neuen Leben in Rheinland-Pfalz stimmt: »Damit sie jemanden hat, der sie nicht verprügelt.«

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