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Topf Secret: Schmuddel-Restaurants in Gießen entlarven

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Wie sauber geht es eigentlich hinter den Kulissen meines Lieblingslokals zu? Das können Bürger selbst herausfinden. Nun tun sie es massenhaft auch in Gießen. "Topf Secret" sei Dank.

Schon an der Tür klebt ein Smiley, fröhlich, neutral oder missgelaunt. Der Kunde sieht sofort, wie gut das Restaurant, der Imbiss oder der Supermarkt bei den letzten Hygienekontrollen abgeschnitten hat. In Dänemark, Norwegen oder Wales ist das längst selbstverständlich. In Deutschland forderten Verbraucherschützer eine solche Kennzeichnung bisher vergeblich. Doch nun erhält ihr Appell Rückenwind: Tausende fordern über die Internet-Plattform "Topf Secret" Kontrollergebnisse an, die dort auch veröffentlicht werden sollen. Rund 60 Bürger-Anfragen sind seit dem Start vor zwei Wochen bei der hiesigen Behörde eingegangen, etwa die Hälfte betrifft Betriebe in der Stadt Gießen.

Hinter "Topf Secret" stehen die Organisationen Foodwatch und FragDenStaat. Sie nennen die Plattform "eine Notwehrmaßnahme". In Deutschland gebe es bei jeder vierten Kontrolle Beanstandungen, meist wegen Hygienemängeln. Veröffentlicht werden die Ergebnisse aber nur anonym. Mehr Transparenz habe bisher "die Gastro-Lobby verhindert", sagt Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch Deutschland.

Topf Secret: Ansturm ist gewaltig

Union und SPD planten zwar eine transparentere Lösung. Allerdings sollen Betriebe ihre Kontrollergebnisse nur auf freiwilliger Basis veröffentlichen. Das reiche nicht aus. In anderen Ländern habe die öffentliche Bekanntgabe an der Ladentür zu deutlich mehr Sauberkeit geführt. In Dänemark etwa habe sich die Quote der beanstandeten Betriebe halbiert, von 30 auf 15 Prozent.

"Stellen Sie Anträge, entlarven wir gemeinsam die Schmuddelrestaurants und sorgen so für mehr Transparenz!" Dieser Appell fiel auf fruchtbaren Boden. Allein in den ersten beiden Wochen haben Bürger bundesweit 15 000 Anfragen gestellt. "Der Ansturm ist gewaltig. Die Menschen wollen wissen, wie es um die Hygiene im Lieblingsrestaurant oder im Bäcker um die Ecke bestellt ist. Und sie haben ein Recht, das zu erfahren", erklärt Arne Semsrott, Projektleiter von FragDenStaat. In den letzten Tagen stieg die Zahl der Interessenten noch einmal sprunghaft an, so dass die Plattform zeitweise überlastet war.

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In Gießen haben Nutzer Informationen vor allem über Gastronomiebetriebe angefordert – von der Wurstbude über den Asia-Imbiss bis zum gutbürgerlichen Gourmetrestaurant. Auch Bäckereifilialen, kleine Lebensmittel-Nahversorger oder Kino-Snacktheken stehen auf der Liste. Manche Meldende hegen vielleicht Misstrauen, andere wollen einfach herausfinden, wie ihre üblichen Anlaufstellen abschneiden.

Für den Fachdienst Gesundheit, Verbraucherschutz und Veterinärwesen bedeuteten die über das Portal eingehenden Anträge "einen erheblichen Aufwand", teilt der Landkreis auf GAZ-Anfrage mit. Der für Verbraucherschutz zuständige Dezernent Hans-Peter Stock (FW) versichert: "Grundsätzlich möchten wir im Rahmen der rechtlichen Vorgaben und Möglichkeiten Transparenz bieten." Allerdings: "Wie die Vorgaben des Verbraucherinformationsgesetzes mit Bezug auf den Inhalt der Anfragen rechtskonform umzusetzen sind, wird derzeit geprüft."

Dieses Gesetz, kurz VIG, ist bereits 2008 in Kraft getreten, wurde laut den Organisatoren bisher aber kaum genutzt. In den zwei Wochen nach Start von "Topf Secret" seien deutlich mehr VIG-Anträge gestellt worden als in den gesamten zehn Jahren zuvor. Das liege wahrscheinlich an der einfachen Handhabung mit wenigen Klicks (mehr im Kasten). Das eigentliche Ziel von Foodwatch und FragDenStaat: Die Initiative soll "Druck aufbauen" und eine Gesetzgebung beschleunigen, die die "Geheimniskrämerei in Lebensmittelbehörden" beendet.

Topf Secret

Höchstens drei Anfragen pro Person

Unter www.topf-secret.foodwatch.de können alle Interessierten die Ergebnisse von Hygienekontrollen in Restaurants, Bäckereien und anderen Lebensmittelbetrieben mit wenigen Klicks abfragen. Die Nutzer geben ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse an und nennen die Adresse der Betriebe, über die sie Informationen – nämlich Termine und Ergebnisse der beiden letzten Hygienekontrollen – erhalten möchten. Dies übermittelt die Plattform an die zuständige Behörde. Antworten gibt es allerdings meistens erst nach mehreren Wochen. Sie sollen auf der Internetseite veröffentlicht werden. Die Initiatoren empfehlen, höchstens drei Anfragen pro Person an ein Amt zu stellen, da Behörden bei einem Kostenaufwand ab 1000 Euro Geld vom Antragsteller verlangen könnten.

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