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An über 30 Türen in Gießen prangt der Aufkleber "nette Toilette". Die meisten davon sind derzeit allerdings wegen der Corona-Pandemie für den Publikumsverkehr geschlossen. FOTO: SCHEPP

Stille Örtchen

Toiletten-Not in der Gießener Innenstadt?

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Wegen der Corona-Krise haben in Gießen deutlich weniger Kunden-WCs geöffnet. Die Händler sehen die Stadt am Zug.

Gießen(kw). Kaufen und trinken kann man Kaffee "to go", aber wo wird man ihn wieder los? Die Innenstadt ist seit sechs Wochen eine beinahe toilettenfreie Zone. Stößt das Konzept der "Netten Toilette", das hauptsächlich auf die Gastronomie setzt, jetzt an Grenzen? Nein, sagt die Stadt, man wisse von keinerlei Nöten. Das Personal in Geschäften macht andere Erfahrungen.

Seit zwei Wochen haben die meisten Läden zwar wieder ganz oder teilweise geöffnet. Aber die "stillen Örtchen" sind in der Regel nicht zugänglich. Die größeren Geschäfte haben nur einen Teil des Erdgeschosses geöffnet. Wer dort um die Benutzung der Toilette bittet, wird abgewiesen. "Wir sehen derzeit leider keine Möglichkeit, da sich die Kundentoiletten in der Regel in den oberen Etagen befinden", erklärt etwa C&A auf GAZ-Anfrage.

Vor allem samstags fragten Innenstadtbesucher nach, berichtet Julian Pöhlert, Filialleiter von Modepark Röther. "Manche versuchen an unseren Mitarbeiterinnen vorbei Richtung Untergeschoss zu stürmen." Die Auskunft, dass das WC nicht nutzbar ist, nähmen die Kunden "zum Teil mit Unverständnis" auf. Seiner Meinung müsste die Stadt für Abhilfe sorgen.

"Eine halbe Stunde kann sehr lang sein"

Etliche Gaststätten und Cafés in der Innenstadt verkaufen zwar Speisen zum Mitnehmen oder liefern sie. Doch die Toiletten sind für Außenstehende tabu.

Eine der wenigen Anlaufstellen ist die Galerie Neustädter Tor. Sie hat ihre Toiletten mit den Lockerungen des Einzelhandels-Shutdown - hygienisch nachgerüstet - wieder geöffnet. "Endlich", lautet ein Kommentar auf Facebook. "Diesen Kundenservice wollen wir bieten", sagt Centermanagerin Fabiola Peiniger. "Er gehört zum Gesamtpaket eines Centers." Zwar soll niemand "bummeln", aber ein dringendes Bedürfnis sei eben menschlich. "Eine halbe Stunde kann sehr lang sein."

Die "wahrscheinlich schönste Kundentoilette der Welt" befindet sich im Schuhhaus Darré - das hat Geschäftsführer Heinz-Jörg Ebert kürzlich in einer Anzeige in der GAZ erwähnt. "Wir sind heilfroh, dass wir sie haben. Händewaschen ist das Gebot der Stunde", unterstreicht er auf Anfrage. Doch es handle es sich keinesfalls um eine öffentliche Anlage. "Sicher würden wir es niemandem mit Schweißperlen auf der Stirne verwehren, zum Austreten mal einzutreten, Kindern schon gar nicht. Aber es soll die Ausnahme sein. Denn eine Toilette immer sauber zu halten, kostet richtig Geld und ein permanentes Auge darauf."

Auch Ebert sieht das Rathaus am Zug: In der aktuellen Ausnahmesituation "wäre es vielleicht ein hilfreicher Ansatz, wenn die Stadt übergangsweise mit dem einen oder anderen Dixi-Klo aushilft."

Die einzige verbliebene öffentliche Toilette am Brandplatz ist auch in Corona-Zeiten nur während der Wochenmarkt-Zeiten am Mittwoch- und Samstagvormittag nutzbar. "Bei uns kommen keine Beschwerden an", sagt Sprecherin Claudia Boje. Gerade in den ersten vier Wochen, in denen nur wenige Läden geöffnet blieben, hätten sich nur wenige Menschen in der Innenstadt aufgehalten. Auch seit der stärkeren Belebung mit samstags bis zu 12 000 Seltersweg-Passanten registriere die Stadt keinen breiten Bedarf an öffentlichen Toiletten.

"Denkbar ist durchaus, dass viele Menschen aus hygienischen Gründen fremde Toiletten scheuen", so Boje. "Und dass sie sich - entsprechend den Empfehlungen - auch nicht so lange aufhalten in der Stadt." Aus gutem Grund gelte weiterhin das Kontaktverbot. "Wir sind nicht angekommen in der Zeit vor Corona."

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