Mord verjährt nicht

Wie ein kinoreifer Thriller: Kommandoaktion hinterm Eisernen Vorhang 1981

  • Kays Al-Khanak
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1983: Eine Frau will ihren bei seinem Vater in Prag lebenden Sohn zurück nach Gießen bringen. Die von Fluchthelfern und einem Ex-Soldaten ersonnene Rückholaktion geht schief, der Vater stirbt.

Im Jahr 1983 trennt der Eiserne Vorhang den West- mit dem Ostblock. In diese Zeit fällt ein Kriminalfall, der einen kinoreifen Thriller abgeben könnte - wären die Vorfälle nicht so real und hätten sie nicht nur Verlierer zurückgelassen: Weil eine Mutter ihren bei seinem Vater in Prag lebenden Sohn wieder in ihre Arme schließen möchte, will sie den Fünfjährigen zurück nach Gießen holen lassen. Bei der nächtlichen Aktion stirbt der 37 Jahre alte Vater des Jungen, der ehemaliger Konzertmeister am Stadttheater Gießen, Ludec R.

Tötungsdelikt von 1983: Vater arbeitete als Konzertmeister am Stadttheater Gießen

Die Geschichte beginnt zehn Jahre zuvor mit einer komplizierten Liebe. Eva T. und Ludec R. heiraten heimlich in der damaligen Tschecheslowakei. »Seine Eltern«, erzählt sie 1990 vor dem Landgericht Gießen, »waren gegen mich. Sie zwangen mich, mein erstes Kind abzutreiben.« Als Ludec R. ein Engagement als Konzertmeister am Stadttheater Gießen erhält, zieht das Paar von Prag nach Mittelhessen. Die Liebe währt nicht lange: Er sei ihr untreu gewesen, sagt sie.

1973 will sie sich von ihrem Ehemann scheiden lassen, bleibt dennoch bei ihm und kehrt mit ihm 1974 nach Prag zurück. 1976 verliebt sich Eva T. in einen anderen Mann und wird schwanger. Als sie Ludec R. dies beichtet, soll er ihr geraten haben, das Kind zur Adoption freizugeben. Sie habe sich geweigert, erzählt Eva T., und das Kind gemeinsam mit ihm großgezogen. 1979 kehrt die Familie nach Gießen zurück. Ludec R. arbeitet erneut am Stadttheater, sie als Kellnerin in einem Gießener Lokal. Hier lernt sie Wolfgang T. kennen und lieben. 1982 zieht sie mit dem Jungen in die Wohnung ihres neuen Partners in einer Kreisgemeinde. Die Scheidung steht genauso im Raum wie der Streit ums Sorgerecht für das Kind.

Am 14. Mai 1983 holt Ludec R. den Jungen bei dessen Mutter für einen Spaziergang ab - und bringt ihn nicht wieder zurück. Stattdessen fährt er mit dem Fünfjährigen zu seinen Eltern nach Prag. Zuerst versuchen Eva und Wolfgang T., den Jungen mithilfe von deutschen und tschechischen Gerichten zurückzubekommen. »Sie konnten mir nicht helfen«, sagt die mittlerweile 39 Jahre alte Frau im Prozess. »Es war mein Sohn, den ich liebte. Ich wollte ihn bei mir haben. Auch der Junge wollte zu mir zurück.« Deshalb fassen Eva und Wolfgang T. den Plan, das Kind auf eigene Faust nach Deutschland zu holen. Sie sprechen nicht von einer Entführung, sondern von einer Rückführung.

Kommandoaktion hinterm Eisernen Vorhang: Paar aus Gießen nimmt Kontakt zu Fluchthelfern auf

Eva und Wolfgang T. nehmen Kontakt zu Dieter S. (39) und Erich S. (51) auf. Die beiden Siegerländer betreiben eine Fluchthilfeorganisation und schleusen Menschen aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik. Als er die Geschichte der Frau gehört habe, erzählt Dieter S. während des Prozesses, »ging mir das ans Herz«. Gemeinsam mit seinem Partner erarbeitet er einen Plan für die »Rückführung«. Aus reiner Menschenfreundlichkeit dürften sie es wohl nicht getan haben: Von ihren Auftraggebern erhalten sie 40 000 D-Mark. Für 20 000 D-Mark engagieren sie den ehemaligen Feldjäger Randolf G., der den Plan in die Tat umsetzen soll - »gewaltfrei«, wie Dieter S. vor Gericht betont.

Das Unterfangen ist als Familienurlaub im Wohnmobil geplant und startet Anfang Juli 1983. Der 37 Jahre alte Randolf G. wird von einer Bekannten begleitet, die das Kind auf der Rückfahrt betreuen soll. Zuvor soll der ehemalige Soldat wohl darauf bestanden haben, vor Ort freie Hand bei der Umsetzung des Plans zu haben: Der Fünfjährige sollte von der Straße oder von einem Spielplatz zum Fahrzeug gebracht werden. Eva und Wolfgang T. hätten den Organisatoren versichert, das Kind wisse über der Rückführung Bescheid.

Tötungsdelikt: Kind sollte in Wohnwagen zurück nach Gießen geschmuggelt werden

Außer Kinderkleidung, Spielzeug und einer Skizze vom großelterlichen Haus und Grundstück in Prag hat Randolf G. ein Tonbandgerät dabei. Auf der Kassette ist die Stimme der Mutter zu hören: »Du kannst dem Mann vertrauen, er bringt dich zu mir.« Für den Fall, dass der Junge aus dem Haus seiner Großeltern geholt werden muss, packt Randolf G. ein Fläschchen Äther sowie ein Hanfseil ein. Der dort zu erwartende Großvater (70) soll so betäubt und gefesselt werden. Den Sohn von Eva. T. will das Paar dann in einem Versteck im Wohnmobil über die Grenzen schmuggeln.

Doch schon früh muss Erich S. und Dieter S. klar gewesen sein, dass der Plan so reibungslos nicht funktionieren wird. Ludec R. zum Beispiel wähnen sie lange Zeit in Gießen, wohin er nach der Kindesentziehung auch zurückgekehrt ist. Doch im Juli weilt der Musiker wieder in Prag bei seinen Eltern. Bekannt gewesen sein muss den Planern auch, dass Vater und Sohn gemeinsam in einem Zimmer im Obergeschoss schlafen.

Tötungsdelikt im Jahre 1983: Tod des ehemaligen Gießener Konzertmeisters in Kauf genommen

Der 4. Juli 1983 ist ein Montag. Gegen 1 Uhr schneidet Randolf G. das Telefonkabel des Hauses der Eltern von Ludec R. durch und bricht die Haustür des Anwesens mit einem Meißel auf. Im Schein einer Taschenlampe schleicht er durchs Haus und geht gezielt in den ersten Stock, wo er den schlafenden Jungen vermutet. Randolf G. sagt vor Gericht aus, er sei im Zimmer in eine Falle geraten, mehrere Personen hätten nach ihm gegriffen. Er habe das Messer gezückt, um seinen Rückzug zu sichern. Aus Notwehr müsse er Ludec R. dabei verletzt haben. Das Gericht sieht das anders: Der Vater habe im Bett seines Sohnes geschlafen und sei durch ein Geräusch aufgeschreckt. Dann habe er einen Stuhl nach Randolf G. geschleudert und mit ihm gekämpft. Dabei sei er durch die Klinge des Kampfmessers des Ex-Soldaten schwer verletzt worden. »Der Angeklagte nahm den Tod des Konzertmeisters in Kauf, um seine Flucht in die Bundesrepublik zu sichern«, betont der Richter in seiner Urteilsbegründung Ende Mai 1990. Als der Musiker blutend auf dem Boden liegt, versucht dessen Mutter, Randolf G. von ihrem Sohn wegzureißen. Dabei wird auch sie verletzt. Dem Täter gelingt die Flucht: Mit dem in der Nähe geparkten Wohnwagen überqueren er und seine Begleiterin noch in der Nacht die Grenze zu Österreich.

Vorfall verjährt: Landgericht spricht Ehepaar aus Gießen frei

Der damals fünfjährige Junge hat von all dem nur wenig mitbekommen. Er erzählt bei seiner Vernehmung in Prag einer Gießener Delegation: »Ich teilte damals das Bett mit meinem Vater. Ich schlief wie immer an der Wand, mein Vater an der Außenseite des Bettes. Plötzlich wurde es sehr laut im Zimmer. Ich bekam wie früher bei Gewittern furchtbare Angst und zog meine Bettdecke über den Kopf. Da hörte ich nichts mehr. Was mit meinem Vater passierte, bekam ich deshalb nicht mit. Am Morgen aber war das Zimmer voller Blut, und meine Großmutter sagte mir: ›Dein Vater ist im Krankenhaus.‹« Dort verstirbt Ludec R. am 29. August 1983 an den Folgen der Stichverletzungen. Der Junge über das Verhältnis zu seinem Vater: »Ich hatte ihn sehr lieb.«

Nach 21 Verhandlungstagen ergeht am Landgericht Gießen das Urteil gegen die fünf Angeklagten: Eva T. und ihr 48 Jahre alter Partner Wolfgang T. werden freigesprochen. Der Richter betont, die Mutter des Jungen hätte eine rechtswidrige Tat ihres damaligen Ehemannes nicht mit Selbstjustiz klären dürfen. Sie habe aber nicht alle Details des Rückhol-Plans gewusst. Zwar sei das Ehepaar der Anstiftung zur Nötigung und Körperverletzung schuldig, diese Straftaten seien aber verjährt. Erich S. und Dieter S. werden zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Randolf G. muss wegen Totschlags für fünf Jahre in Haft.

Bevor Randolf G. am 4. Juli 1983 in das Haus in Prag schleicht, hat Eva T. am Abend zuvor mit ihrem Sohn telefoniert. Sie fragt ihn, in welchem Zimmer er und sein Vater schlafen. »Dieser letzte Anruf meiner Mutter«, sagt der mittlerweile zwölf Jahre alte Junge in der Vernehmung, »zerstörte mein Leben.«

Info: Kindesentziehung

Eine grenzüberschreitende Kindesentziehung liegt nach Aussage des Auswärtigen Amts dann vor, wenn ein Elternteil ohne Einverständnis des ebenfalls sorgeberechtigten anderen Elternteils die gemeinsamen Kinder ins Ausland entführt oder nach einer Urlaubsreise deren Rückreise verhindert. Das Auswärtige Amt hat keine rechtlichen und nur begrenzte Möglichkeiten, in solche Fällen zu helfen. Dafür ist die Justiz zuständig. Dies gilt auch für Regelungen zum Umgangsrecht.

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