Am 14. November 1974 ereignet sich in einem dieser Appartements eine Bluttat. FOTO: SCHEPP
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Am 14. November 1974 ereignet sich in einem dieser Appartements eine Bluttat. FOTO: SCHEPP

"Mord verjährt nicht"

Als Tötungsdelikt in Gießen mit einem Justizdrama entdete

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Eine Prostituierte wird 1974 in Gießen mit einer Scherbe schwer verletzt und stirbt wenig später. Die Polizei nimmt einen Mann fest, der die Tat auch gesteht. Doch dann entwickelt sich der Fall zu einem Justizdrama.

Der Anblick muss schrecklich gewesen sein: Als die Bewohnerin eines Hauses an der Gießener Bahnhofstraße am 14. November 1974 die Schreie ihrer Nachbarin hört, bricht sie deren Glastür zur Wohnung auf. Johanna S., 35 Jahre alt, liegt auf dem Bett, blutüberströmt. Die Schnittverletzungen im Unterleibsbereich sind so gravierend, dass ein Teil des Darms heraustritt. Sechs Wochen später wird sie an den Folgen der Bluttat sterben. Die Polizei nimmt im Mai 1975 einen Mann fest, der die Tat gesteht. Doch der anschließende Prozess entwickelt sich zu einem Justizdrama.

Johanna S. bewohnt in der Bahnhofstraße 2 bis 4 ein Appartement. In der Regel trifft sie ihre Kundschaft in einer nahe gelegenen Kneipe. An jenem frühen Donnerstagmorgen soll sie gegen 0.30 Uhr in einem italienischen Restaurant mit einem Freier verhandelt haben. Als dieser sie nach dem Liebesdienst verlassen will, kommt es zum Streit. Der Mann schlägt Johanna S. ins Gesicht und würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann sticht er mit einer Glasscherbe zu.

Er nimmt die 50 D-Mark, die er der Prostituierten gezahlt hat, wieder an sich, stiehlt weitere 60 D-Mark und ein Päckchen Zigaretten, bevor er verschwindet. Johanna S. beschreibt ihren Peiniger als großen, schlanken Mann mit rundem Gesicht. Er soll etwa 30 Jahre alt sein und mit hessischem Dialekt gesprochen haben. Bekleidet gewesen sei er mit einem grauen Sakko und gestreiftem oder kariertem Hemd. Sie würde ihn wiedererkennen, sagt sie der Polizei.

Ein Geständnis in den Niederlanden

Ein halbes Jahr tappen die Ermittler im Dunkeln. Der vermeintliche Durchbruch folgt erst Mitte Mai 1975. Fahnder aus den Niederlanden rufen bei ihren Gießener Kollegen an. Dort sitzt ein fahnenflüchtiger deutscher Unteroffizier in Harlem im Gefängnis. Horst-Günter Z. hatte sich Mitte April unerlaubt von der Truppe entfernt und eine Woche später seine Frau sowie sein kleines Kind Richtung Amsterdam verlassen.

Hier soll er einem Kumpanen erzählt haben, er werde gesucht, weil er in Gießen "eine Nutte zusammengeschlagen habe", zitiert ihn die Polizei. Der 26 Jahre alte Mann war in den Niederlanden verhaftet worden, weil er in Zandvoort in ein Café eingebrochen war. Später hatte er einen 16-Jährigen, der in einem Strandkorb übernachtet hatte, überfallen und zusammengeschlagen.

Zwei Gießener Kripobeamte reisen nach Harlem und vernehmen Horst-Günter Z. neun Stunden lang. Ihnen erzählt er, er habe zur Tatzeit in Gießen an einem Bundeswehrlehrgang teilgenommen. Am Vorabend des 14. Novembers hätten er und seine Kameraden gefeiert. In einem Lokal habe er Johanna S. angesprochen und sei mit ihr in ihr Appartement gegangen. Dort sei es zum Streit gekommen.

Klingt nach einer klaren Sache - und einem kurzen Prozess, als die Verhandlung im August 1976 am Landgericht Gießen eröffnet wird. Doch schon früh weckt die Verteidigung des Angeklagten Zweifel an der Entstehung des 20 Seiten langen Geständnisses. Denn Horst-Günter Z. widerruft seine Aussage mit der Begründung: "Ich wollte raus aus Holland, ich wollte nach Hause zu meiner Frau und meinem Kind." Seine damalige Verteidigerin habe ihm geraten, den Gießener Fall zu gestehen, um ausgeliefert zu werden. "Ich hätte auch zwei Morde zugegeben." Die Kripo habe ihm viele Formulierungen in den Mund gelegt, worauf er "Ja" geantwortet habe. Auch das Protokoll habe er nicht mehr durchgelesen, bevor er es unterschrieb. Die Verteidigung bringt stattdessen den Ehemann der Toten ins Spiel: Wilfried S. siedelte nach Thailand über, als der Aussagewiderruf in den Medien zu lesen war.

Die Staatsanwaltschaft glaubt Horst-Günter Z. kein Wort. Er habe viele Details schildern können, die beispielsweise die Wohnung von Johanna S. betreffen. Von Täterwissen ist die Rede, weil er das Tatwerkzeug - eine Glasscherbe - bei der Vernehmung selbst ins Spiel gebracht habe. Horst-Günter Z. widerspricht: Seine Kenntnisse habe er von einem Besuch bei der Prostituierten im Oktober. Die genauen Umstände der Tat habe er aus der Zeitung erfahren. Das Gericht hält ihm Briefe vor, die er an seine Ehefrau geschrieben hat. Dort heißt es, was in der Zeitung gestanden habe, sei viel zu brutal ausgedrückt. Außerdem sei es gar kein Mord gewesen.

Die Kripobeamten hingegen sprechen vor Gericht von einem Geständnis aus freien Stücken. Mordmotiv sei die Angst vor dem Zuhälter gewesen; Horst-Günter Z. habe Johanna S. geschlagen und gewürgt, weil sie mehr Geld verlangt habe als vereinbart. Um die Körperverletzungen zu vertuschen, habe er sie umgebracht. Hinzu kommt: Für die Tatzeit habe er kein Alibi.

Im September 1976 werden die Plädoyers gehalten. Die Staatsanwaltschaft fordert für den Mord an Johanna S. eine Haftstrafe von zwölf Jahren: "Ein Mann mit dem Intelligenzgrad bezichtigt sich nicht dermaßen naiv einer Straftat und meint, der Irrtum sei schnell und leicht aufzuklären." Der Verteidiger beantragt einen Freispruch für seinen Mandanten. In seinem Plädoyer betont er, Horst-Günter Z. passe optisch gar nicht zu dem von Johanna S. beschriebenen Täter. Außerdem sei das Vernehmungsprotokoll der Gießener Ermittler mit dem Vermerk "vorgelesen" versehen gewesen - was laut Horst-Günter Z. gar nicht geschehen sei.

Dann die Überraschung: Das Gericht lässt den Prozess platzen. Es sei nötig, einen Sachverständigen hinzuzuziehen, der ein psychiatrisches Gutachten über den Angeklagten erstellen soll. Falls der ehemalige Unteroffizier verurteilt werden sollte, müsste sein psychischer Zustand untersucht werden.

Bundesgerichtshof hebt Urteil auf

Am 19 April 1977 steht Horst-Günter Z. ein zweites Mal vor Gericht. Elf Tage später spricht der Richter das Urteil: Zwölf Jahre Gefängnis wegen des Mordes an Johanna S. Die Kammer wertet das Geständnis, das Horst-Günter Z. in den Niederlanden gegenüber Gießener Kripobeamter gemacht hat, als glaubwürdig. Außerdem habe der ehemalige Soldat gegenüber Außenstehenden von einer Bluttat in Gießen gesprochen. Seine Flucht nach Amsterdam legt ihm das Gericht ebenfalls nicht zu seinen Gunsten aus. Als Motiv für den "besonders scheußlichen Mord" unterstellt das Gericht dem 26 Jahre alten Mann, er habe die von ihm begangenen Körperverletzungen verdecken wollen. Die Verteidiger kündigen noch im Gerichtssaal an, das Urteil anzufechten.

Die Revision ist erfolgreich, der zweite Strafsenat des Bundesgerichtshofs hebt das Gießener Urteil Ende März 1978 auf. Im Grundsatzurteil heißt es, die Verurteilung eines Angeklagten wegen Mordes zur Verdeckung einer Straftat setze eine besonders überlegte Planung des Täters voraus. Der Tatbestand des Mordes sei dann nicht mehr aufrechtzuhalten, wenn die Vortat und die Verdeckungstat in einem engen zeitlichen und sachlichen Zusammenhang stehe. Man müsse daher einen Totschlag in Betracht ziehen.

Der Prozess gegen Horst-Günter Z. wird ein drittes Mal eröffnet. Am 27. Juni 1978 titelt die Gießener Allgemeine Zeitung: "Angeklagter ist frei. Beweise reichen nicht." Zwar glaubt der Richter, dass der Angeklagte Johanna S. misshandelt haben könnte; aber es gebe Zweifel, ob er sie ermordet hat. So passe die vom Opfer gemachte Täterbeschreibung nicht auf Horst-Günter Z. Auch das Geständnis gegenüber den Gießener Polizisten in den Niederlanden reiche für eine Verurteilung nicht aus.

Nach drei Jahren Untersuchungshaft verlässt Horst-Günter Z. das Landgericht Gießen als freier Mann.

Aktenlage im Fall "Johanna. S"

Zum Fall Johanna S. finden sich weder bei der Staatsanwaltschaft, noch bei der Polizei Mittelhessen Akten. Auch im Stadtarchiv Gießen wird man nicht fündig, um mehr über den Fortgang des Falles zu erfahren. Eine Anfrage dieser Zeitung beim Staatsarchiv Darmstadt blieb unbeantwortet. Das Archiv erhält die Dokumente nach der Schließung und dem Ende der Aufbewahrungsfrist von Staatsanwaltschaft und Polizei.

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