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Der Gießener Ring zwischen den Ausfahrten Bergwerkswald und Schiffenberger Tal ist vor 35 Jahren Schauplatz eines Mords gewesen.

Mordserie

Todesstrafe nach Mord auf dem Gießener Ring

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Wegen 150 Mark musste der Taxifahrer Claus E. im Juni 1984 auf dem Gießener Ring sterben. In unserer neuen Serie "Morde in Gießen" blicken wir auf die Tat zurück.

Gießen - Das Leben von Claus E. endete an einem Dienstag vor 35 Jahren auf dem Gießener Ring. Polizisten fanden den 29 Jahre alten Taxifahrer am 12. Juni 1984 gegen 4 Uhr zwischen den Ausfahrten Bergwerkswald und Schiffenberger Tal. Der Hoch-Weiseler lag hinter seinem Fahrzeug leblos über einer Leitplanke gebeugt. Waren die Beamten anfangs von einem Unfall ausgegangen, entdeckten sie später Blutspuren, die von Messerstichen stammten. Ebenso schnell, wie Gewissheit über einen Raubmord herrschte, konnte die Polizei einen Fahndungserfolg vermelden. Auf der A 485 war in der Nähe der Ausfahrt Linden der 19 Jahre alte Todd D. aufgegriffen worden - blutverschmiert. Die deutsche Justiz verzichtete auf ihr Recht der Strafverfolgung und überließ den Fall der amerikanischen Militärjustiz. Die verurteilte den jungen Soldaten in einer Kaserne in Butzbach zum Tode. Der Urteilsspruch löste in Deutschland und Amerika eine Debatte über Todesurteile und Militärjustiz aus.

Gießen: Mit zwei Promille im Blut

Todd D. wurde wie seine fünf Geschwister adoptiert. Zu seinen Adoptiveltern - einem Raumfahrtingenieur und einer Psychologin - hatte er ein gutes Verhältnis. Er war Schulsprecher, hat einen IQ zwischen 129 und 135 und wurde von Lehrern als empathisch beschrieben. Der Tod seines Vaters Joe sei ein Wendepunkt in Todds Leben gewesen, erzählte die Mutter Carolyn D. 1985 in einem Interview mit der Washington Post. Er meldete sich bei der Armee und landete in Kirch-Göns bei der 3. US-Panzerdivision. Als Soldat soll er noch mehr getrunken haben als ohnehin schon - die einzige Freizeitbeschäftigung in einem Land, für das er vor allem Abneigung empfand.

Am Vorabend des 12. Juni leerte der 19 Jahre alte Soldat zusammen mit Kameraden in der "The Rock" genannten Ayers-Kaserne zwei Flaschen billigen Wein und holte sein Messer hervor. Zeugen schilderten, er habe gesagt, er müsse etwas Geschäftliches erledigen. Ein anderer GI soll gehört haben, Todd D. wolle sich einen "Nazi-Deutschen" schnappen. In jener Dienstagnacht erstach er mit zwei Promille im Blut Claus E., zerrte ihn aus dem Auto und nahm die Geldbörse an sich. Mit 150 D-Mark.

Todd D. misstraute deutschen Behörden zutiefst. Gegenüber einer von der Gießener Staatsanwaltschaft beauftragten Neurologin schwieg er eisern. In ihrem Gutachten notierte sie, D. glaube, die Untersuchung sei nur dazu gedacht, ihm zu schaden. Die Professorin bescheinigte ihm eine noch unreife Persönlichkeit und riet dazu, Jugendstrafrecht anzuwenden. Hinzu komme eine verminderte Schuldfähigkeit, weil er bei der Tat stark betrunken gewesen sei. Für die Tat wäre eine Strafe von zehn Jahren möglich gewesen. Nur: Die deutsche Justiz verzichtete darauf, Todd D. vor Gericht zu stellen. Im November 1984 stimmten zehn Geschworene eines US-Militärgerichts in Butzbach für die Höchststrafe nach US-Recht. Wegen des Verbots der Todesstrafe in Deutschland wurde der Soldat in die USA verlegt, um dort hingerichtet zu werden.

Professor Pierre Hauck ist an der Justus-Liebig-Universität Gießen Fachmann für Strafrecht und Strafprozessrecht. Er erklärt, die Tat von Todd D. sei kein allgemeines Verbrechen eines Ausländers auf deutschem Boden gewesen - sondern eines Soldaten. Damit überschneide sich das allgemeine Strafrecht und das Gewaltmonopol des Staates mit dem NATO-Truppenstatut. Das regelt den Aufenthalt von Streitkräften der Organisation auf dem Gebiet anderer Mitgliedsstaaten. Dort sei unter anderem geklärt, für welche Taten welche Zuständigkeiten gelten. "Handelt es sich beispielsweise um eine Tat innerhalb der US-Streitkräfte, gilt ausschließlich US-Recht." Alles andere fällt in die Zuständigkeit der deutschen Justiz. Die könne auf diesen Anspruch jedoch verzichten, erklärt Hauck.

Genau das tat die Staatsanwaltschaft Gießen im Fall von Todd D. In den Medien galt als Hauptgrund das abweisende Verhalten des US-Soldaten gegenüber den Behörden. Hauck schüttelt mit dem Kopf, bevor er sagt: "Aus Sicht eines Strafverteidigers hat er alles richtig gemacht. Er hat sein Schweigerecht ausgeübt. Daraus darf man ihm keinen Strick drehen." Der damalige und mittlerweile verstorbene Gießener Oberstaatsanwalt Karlheinz Hentschel hatte gegenüber dem "Spiegel" gesagt, es habe zudem keinen Anhaltspunkt für die Verhängung der Todesstrafe gegeben. Das bezweifelt Hauck ebenfalls. "1984 war die Welt eine andere als heute", betont der Professor. Unter Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Kohl sei die Präsenz und die Strafgewalt der Amerikaner nicht infrage gestellt worden. "Auch in juristischen Fragen war man geneigt, diese den US-Behörden zu überlassen", sagt Hauck. "Aus politischen Gründen." Heute, betont er, wäre das anders.

Gießen: Prozess wird neu aufgerollt

Todd D. hat es seiner Mutter zu verdanken, dass dieses Urteil nicht das Ende seiner Geschichte ist. Die Witwe verkaufte ihr Elternhaus mit sechs Schlafzimmern, um Geld für die Verteidigung ihres Sohnes zu sammeln. Gegenüber der Washington Post sagte sie, die Anwaltskosten hätten sich auf 230 000 Dollar belaufen. Hoch sei auch ihr Zigarettenkonsum in dieser Zeit gewesen: fünf Packungen pro Tag. Carolyn D. gründete zusammen mit anderen Eltern die Gruppe MOMS - abgekürzt und auf deutsch für Mütter gegen die Misshandlung von Armeeangehörigen. Sie kritisierten, dass das Militär härter urteilte als zivile Gerichte.

Der Prozess wurde neu aufgerollt. Ein Revisionsgericht in den Staaten hob das Urteil wegen eines Formfehlers auf. Die Anwälte von Todd D. führten in dem 1989 in Hanau stattgefundenen Prozess zusätzlich an, ihr Mandant leide unter einem Wasserkopf - eine krankhafte Erweiterung der Hirnventrikel. In Kombination mit Alkohol könnte dies Einfluss auf sein Handeln gehabt haben. Das Militärgericht verurteilte Todd D. schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Seine Mutter appellierte damals vor Gericht: "Ist ein 19-Jähriger, der im Leben nie etwas falsch gemacht hat, so schrecklich, dass er getötet werden soll, anstatt eine Chance zu bekommen, im Gefängnis erlöst zu werden?"

Auch in Deutschland schlug der Prozess hohe Wellen. Verfassungsrechtler und Oppositionsparteien machten Druck auf die Kohl-Regierung, das Nato-Zusatzabkommen zu prüfen. Der Strafrechtler Rolf-Peter Calliess forderte, auf deutschem Boden ausgesprochene Todesstrafen müssten verhindert werden. Bis heute hat die US-Militärjustiz das Recht, für Mord auch die Todesstrafe zu verhängen. Auch auf deutschem Boden operieren US-Militärgerichte nach wie vor, sagt Hauck. Das amerikanische Defense Department suchte kürzlich im Rahmen einer öffentlichen Stellenausschreibung nach Mitarbeitern für ein Militärgericht in Kaiserslautern. Solche Fälle müssen also nicht in den USA verhandelt werden.

All das hat der Taxifahrer Claus E. aus Hoch-Weisel nicht mehr mitbekommen. Er wäre heute 64 Jahre alt.

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