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Bowies "Lazarus"

Dem Tod so nah

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Der Außerirdische Thomas Newton sitzt in "Lazarus" zwischen den Welten fest. Und auch im Stadttheater ist etwas "Außerirdisches" gelandet: David Bowies spektakuläres Musical "Lazarus".

Eins vorweg: Wer sich von David Bowies Musical "Lazarus" eine gefällige Revue seiner größten Hits erwartet, der wird enttäuscht. Hier gibt es, so Dramaturg Harald Wolff, "keinen simplen Plot zum Mitpfeifen". Auch wem das Leben und Werk des schillernden Musikers eher unbekannt ist, der dürfte sich in der Inszenierung von Katharina Ramser im Stadttheater zuweilen etwas verloren vorkommen. Doch wer sich auf das poetisch Verrätselte einlässt und sich von der auch optisch besonderen Atmosphäre berühren lässt, der erlebt einen faszinierenden Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird und wie im Drogenrausch bewusstseinserweiternd wirkt.

Ein Bühnenbild wie ein LSD-Trip

Und daran hat die sensationelle Bühne von Michael Böhler maßgeblichen Anteil. Über spiegelndem Untergrund erheben sich riesige konzentrische Kreise, in denen von Tom Bernhard in Gießen und Umgebung gedrehte Videos projiziert im Mittelpunkt stehen. Küssende Menschen, rasante Abfahrten kopfüber im Parkhaus, das dank 360-Grad-Kamera zum All mutierte Schwimmbad, ein streitendes Paar im Auto, mit Fischaugenobjektiv grotesk verzerrte Gesichter -- so muss sich wohl ein LSD-Trip anfühlen.

Und auch Bühlers Kostüme sind eine Sensation. Pascal Thomas als schrilles Bowie-Alter-Ego Ziggy Stardust, Stephan Hirschpointner als mephistophelischer Valentine und Iggy-Pop-Double, Rollergirls und schwarze Witwen (Karoline Blöcher, Anna Prokop, Elisabeth-Marie Leistikow), Esra Schreier als mädchenhafte Außerirdische im "Das fünfte Element"-Style und mittendrin David Moorbach als vom Tod gezeichneter Thomas Newton und weiße Lichtgestalt. Ein siechender Sterbender, der nicht sterben kann.

David Bowie hat sich kurz vor seinem eigenen Tod mit "Lazarus" den Traum, ein Musical zu schreiben, erfüllt und dabei - wie könnte es anders sein - das Genre auch gleich neu erfunden. So wie er sich Zeit seines Lebens auch immer selbst neu erfunden hat. Und so lässt er in "Lazarus", dem eigenen Tod so nah, im Kopf des Außerirdischen Thomas Newton, den er im skurrilen Science-Fiction-Film "The man who felt to earth" vor Jahrzehnten selbst gespielt hatte, alles noch einmal an sich vorbeiziehen. Die Dämonen seines Starruhms und die Avatare seiner Selbst erscheinen ihm. Und das nicht in einer stringent erzählten Handlung, sondern als Flashbacks eines von Drogen und Alkohol gemarterten Gehirns.

Nicht alles ist verständlich - aber so mag das wohl auch sein, wenn ein Mensch am Ende seines Lebens unaufhaltsam auf das legendäre Licht am Ende des Tunnels zutreibt und sich einem Strudel der Erinnerungen stellen muss.

Liebe und Tod, Sterben und Doch-nicht-Loslassenkönnen

Es geht in "Lazarus" um die Liebe und den Tod, das Sterben und Doch-nicht-Loslassenkönnen. Die Liebe erscheint in mehreren Erzählsträngen, die wie eine Doppelhelix ineinander verwoben sind: Die Newton-Assistentin Elly (Anne-Elise Minetti), die sich immer mehr von ihrem Ehemann (Tom Wild) entfernt und mit ihm über dessen Eifersucht streitet. Oder das Mädchen (Esra Schreier), das dem siechenden Newton Hoffnung gibt, wo doch keine Hoffnung mehr ist und ihn an seine große Liebe Mary-Lou denken lässt.

Gegenentwurf zur Hoffnung ist Dämon Valentine (Stephan Hirschpointner), der wie ein Todesengel mit riesigen schwarzen Flügeln herabschwebt und Zynismus und Zerstörung mit sich bringt. Er killt ein verliebtes Hippy-Paar (Johanna Malecki/Thomas Wild) und will auch Newton dazu bringen, die Liebe zu töten. Er steht wohl für Bowies dunkle Seite, der Freunde und Lieben dem Ruhm und der Kunst geopfert hat.

Bowies Songs prägen - natürlich - den Sound des Abends. Die Musiker um den musikalischen Leiter Christian Keul sind im Bühnenhintergrund hinter einem schwarz-durchscheinenden Vorhang platziert und spielen sie in neuen Bowie-Arrangements: "Love is Lost", "This is not America", "Changes", "Absolute Beginners" oder am Ende "Heroes" als ergreifendes Duett erklingen in ungewohnter Besetzung mit Keyboard, Gitarre, Posaune, Bass, Schlagzeug und Saxofon und gesungen von den Schauspielern. Und die sind durch die Bank weg dieser komplexen Herausforderung durchaus gewachsen, auch wenn es zuweilen auch schon mal wie Karaoke wirkt und an den echten Bowie-Gesang ohnehin niemand heranreichen kann. Dennoch Respekt! Solche Musiker-Qualitäten findet man nicht automatisch in einem Schauspielensemble.

Am Ende der Premieren-Vorstellung gibt es für Regieteam, Schauspieler und Musiker den verdient enthusiastischen Applaus.

Weitere Vorstellungen: 21. März; 2. und 18. April; 15. und 22. Mai; 7. und 13. Juni, jeweils um 19.30 Uhr

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